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Tibet-Konflikt:Land der Begierde

Das olympische Feuer erreicht Tibet und ausgewählte Zuschauer dürfen jubeln, Fahnen schwenken, "China" rufen. Ein Großteil der Einheimischen schaut aus der Ferne zornig zu. Ihr Protest hat eine lange, blutige Vorgeschichte.

Marcel Burkhardt

Drei Monate nach den blutigen Zusammenstößen zwischen Tibetern und der chinesischen Staatsmacht ist das olympische Feuer durch die tibetische Hauptstadt Lhasa getragen worden. Umgeben von einem großen Polizei- und Militäraufgebot jubelten ausgewählte Zuschauer; sie riefen "China", "Viel Glück, Peking" und schwenkten die chinesische Flagge, die Fahne der kommunistischen Partei und Olympia-Banner.

tibetischer Mönch

Ein tibetischer Mönch demonstriert vor dem chinesischen Konsulat in Katmandu, Nepal, gegen Chinas Tibet-Politik. Doch die verschiedenen tibetischen Exilgruppen ziehen selbst nicht an einem Strang.

(Foto: Foto: AP)

Während der Feier griff der Chef der Kommunistischen Partei in Tibet das geistliche Oberhaupt der Tibeter heftig an: "Wir werden es auf jeden Fall schaffen, den spaltenden Plänen der Dalai-Lama-Clique vollständig den Garaus zu machen", sagte Zhang Qingli während einer Ansprache vor dem traditionellen Amtssitz des Dalai Lama. Die chinesische Flagge werde immer auch über Tibet wehen.

China wirft den Tibetern Separatismus vor und hat den Dalai Lama für die Proteste im März verantwortlich gemacht. Der im indischen Exil lebende Dalai Lama weist die Vorwürfe zurück. Er hatte seine Anhänger zudem aufgerufen, den Fackellauf in Tibet nicht zu stören.

Tibetische Mönche waren während der chinesischen Olympia-Show in Lhasa keine zu sehen. Und auch die meisten Einwohner Lhasas mussten zuhause bleiben. Eine Vorsichtsmaßnahme der Machthaber, denn die Wunden im Land sind noch zu frisch: Nach Angaben der tibetischen Exilregierung kamen während der Proteste im März mindestens 203 Menschen ums Leben; diese Zahl ist mehr als zehn Mal so hoch wie die offiziellen Angaben aus Peking. China sprach davon, dass 18 unschuldige Zivilisten und zwei Polizisten von Aufständischen getötet worden seien.

Tibet - ein besetztes Land

Die Demonstrationen in Lhasa begannen an einem für die Tibeter symbolischen Datum. Exakt 49 Jahre zuvor - am 10. März 1959 - begann der Volksaufstand gegen die chinesischen Besatzer. Bis zu seinem blutigen Ende vergingen nur sieben Tage. Zehntausende Tibeter kamen dabei ums Leben; sie starben im Kugelhagel, wurden an Kreuze genagelt, enthauptet, ertränkt, lebendig verbrannt oder an Pferde gebunden und im Galopp zu Tode geschleift.

China erklärte die religiösen Führer der Tibeter, die Lamas, zu Staatsfeinden. In Todesangst, als einfacher Soldat verkleidet, und ohne Brille nahezu blind, floh der junge Dalai Lama zu Pferd ins indische Exil, Zehntausende Flüchtlinge folgten. Der indische Ministerpräsident Jawaharlal Nehru nahm Tibets Exilregierung damals auf, erkannte sie formell allerdings nie an.

Von 1950 an hatten die Chinesen das seit 1913 faktisch unabhängige Tibet besetzt. Die Kommunisten halten das buddhistische Reich für einen historischen Teil Chinas und propagierten dessen "Heimkehr ins Mutterland". Die Tibeter stellten sich gegen die Invasoren und kämpften mit Hilfe des US-Geheimdienstes für ihre Eigenstaatlichkeit. Allerdings konnten die Tibeter die Vereinten Nationen nie von der historischen Berechtigung ihrer Unabhängigkeit überzeugen.

Der Konflikt reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück

Interventionen von außen hat Tibet im Laufe seiner Geschichte häufig erlebt. Nach siegreichen Feldzügen der Yuan-Dynastie im 13. und 14. Jahrhundert herrschten mongolische Fürsten über weite Teile Asiens - einschließlich China und Tibet. Ihren Einfluss auf Tibet bauten sie bis zum 16. Jahrhundert aus, indem sie das Land militärisch schützten.

1578 konnte der Mongolenfürst Altan Khan interne religiöse Konflikte in Tibet beilegen, indem er dem Oberhaupt des Gelug-Klosterordens den Titel Dalai Lama - "Ozean der Weisheit" - verlieh und dessen Führungsrolle somit bekräftigte.

Um 1720 und 1792 wandten sich die Tibeter stärker den Chinesen zu und riefen diese um Hilfe - erst, um die Mongolen zu vertreiben, dann die Nepalesen. China erklärte das Gebiet Tibets zu seinem Protektorat bei voller innerer Autonomie Tibets. Dieser Status blieb fast 200 Jahre erhalten. Chinas Pläne, in dieser Zeit eine eigene Verwaltung in Tibet aufzubauen, scheiterten jedoch.

Während das "Mutterland" China Anfang des 20. Jahrhunderts durch interne Kämpfe und ausländische Invasionen in Bedrängnis war, erlebte Tibet zwischen 1913 und 1949 eine lange Periode der Unabhängigkeit.

Wenige Monate nach der Ausrufung der Volksrepublik China war die Freiheit der Tibeter allerdings dahin. Mao Zedong befahl die Invasion in Tibet. Am 7. Oktober 1950 überquerten 40.000 Soldaten der Volksbefreiungsarmee den Drichu-Fluss im Osten Tibets und überrumpelten die tibetische Armee mit ihren rund 6000 Soldaten, die sich zum Teil noch mit Schwertern verteidigten.

Im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen wurde der Überfall als internes chinesisches Problem angesehen und völkerrechtlich abgesegnet.

Lesen Sie auf Seite 2, wie Maos 17-Punkte-Abkommen die "Rückkehr des tibetischen Volkes in den Schoß seines Mutterlandes" besiegelte...

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