Terror in Berlin:Hass ist gefährlich und macht dumm

Gerade in der offenen Gesellschaft, die vom Meinungsstreit lebt, darf Terrorismus nicht zum Vorwand werden, um im vermeintlichen Abwehrkampf selbst die Grundlagen der Gesellschaft anzugreifen. "Der Hass der Täter wird uns nicht zu Hass verführen", sagt Bundespräsident Joachim Gauck. Das sollte die Maxime für das Reagieren und Agieren sein. Hass ist gefährlich und macht dumm. Man sieht es an den Terroristen.

Zum Meinungsstreit gehört selbstverständlich die wichtige Debatte über Flüchtlinge und Flüchtlingspolitik. Dass Deutschland in einer schwierigen Lage viele Flüchtlinge aufgenommen hat, war richtig; dass es allerdings so viele so wenig geordnet über Monate hin einreisen ließ, war falsch. Dennoch sind die Flüchtlinge nicht die Ursache des Terrorismus; die meisten von ihnen sind selbst vor den Ursachen des Terrorismus geflohen. Terrorismus gibt es in vielen Ländern, auch in Ländern Europas - und auch da, wo es eine rigide Flüchtlingspolitik gibt.

Wenn Horst Seehofer wenige Stunden nach der Berliner Amokfahrt sagt, man sei auch "den Opfern" eine "Neujustierung" der Flüchtlingspolitik schuldig, dann stellt er Bezüge zwischen Terror und Flüchtlingen her. Das ist schäbig und seiner nicht würdig. Im schlimmeren Falle trägt es dazu bei, Hass bei jenen zu schüren, die dafür anfällig sind. Und wozu Hass in der schlimmsten Ausprägung führen kann, hat der blutige Montag gezeigt.

Ja, "wir" sind den Opfern etwas schuldig. Wir sind ihnen schuldig, diese Gesellschaft nicht mit Hass und Gekeife zu verändern, sondern die oft unbequeme Freiheit, zu der auch politische Fehler gehören, mit Leidenschaft zu verteidigen.

© SZ vom 21.12.2016
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