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Tagebuch aus Gaza:"Wir beten, dass es jetzt Frieden gibt"

Gaza

Nor Abu Khater, aufgewachsen in Münster, nun auf der Flucht in Gaza.

(Foto: Peter Münch)

Nor Abu Khater ist in Münster aufgewachsen, seit 1999 lebt sie im Gazastreifen. Ihr Leid ist unvorstellbar. Unser Korrespondent versucht, täglich mit ihr zu sprechen. Ein Protokoll.

Schon wieder ein Krieg, der dritte in sechs Jahren. Als am 8. Juli die ersten Bomben auf den Gazastreifen fielen, hat sich Nor Abu Khater zu ihren Eltern geflüchtet. So hat sie das immer gemacht - 2008, 2012 und auch jetzt wieder. Immer wieder Ausnahmezustand, immer wieder Angst. Bei ihr sind zwei ihrer drei Kinder. Ihr Mann Mussa ist mit dem achtjährigen Sohn Kais zunächst in der kleinen Wohnung bei seinen Eltern geblieben, auch um die muss sich ja jemand kümmern.

Nor Abu Khater ist 32 Jahre alt. Sie ist in Khan Junis geboren, doch aufgewachsen ist sie in Deutschland. In Münster ist sie zur Schule gegangen, von der ersten bis zur neunten Klasse. Zehn Jahre lebte sie mit ihren Eltern und Geschwistern als Flüchtlingskind in der Bundesrepublik, 1999 ist die Familie zurückgegangen in den Gazastreifen. Doch die Heimat ist für Nor Abu Khater immer noch in Westfalen. Sie spricht deutsch, sie denkt deutsch, sie träumt deutsch - und sie lebt ein Leben, das nicht ferner sein könnte vom Leben in Deutschland.

Vor knapp drei Jahren hat die SZ in einer Reportage über dieses Leben zwischen zwei Welten berichtet, seitdem ist der Kontakt nicht abgerissen. Wir haben Nor Abu Khater in ruhigen Zeiten besucht und in Zeiten des Krieges. Im November 2012 haben wir in diesem Wohnzimmer in Khan Junis gesessen, als draußen die Bomben fielen, und auch wieder im Juli 2014. Es war in den ersten Tagen der Kämpfe. Es war schlimm, furchterregend, doch es gab noch die Hoffnung, dass dieser Sturm vorüberzieht. Dann aber hat sich der Krieg festgefressen im Gazastreifen. Auf die Luftangriffe folgte ein zerstörerischer Bodenkrieg. Khan Junis ist eine der Hauptkampfzonen, die Stadt gilt als Hochburg der Hamas. Sie liegt im Süden des Gazastreifens, 25 Kilometer hinter Gaza-Stadt, gut zehn Kilometer vor der Grenze zu Ägypten.

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Die fünfjährige Tochter Haja schmiegt sich angstvoll an die Mutter, auf deren Schoß liegt schreiend das zwei Monate alte Baby. Die Familie hat sich im kahlen Wohnzimmer in Khan Junis versammelt, es ist Ramadan, und draußen hört man die Einschläge. Am Telefon berichtet Nor Abu Khater fast täglich von neuen Katastrophen, von einer neuen Flucht und von der Angst, die sie überallhin verfolgt. Es sind die gehetzten, subjektiven Berichte aus einem Leben am Abgrund. Es ist ein kleiner Ausschnitt einer großen Katastrophe.

23. Juli: In Tel Aviv ist der Flughafen wegen der Raketengefahr lahmgelegt, US-Außenminister John Kerry ist auf Vermittlungsmission in Israel eingetroffen, und in Khan Junis werden die Kämpfe nur durch eine kurze, vom Roten Kreuz vermittelte Feuerpause unterbrochen, um die Verletzten zu bergen.

"Gestern waren wir kurz bei unserer Wohnung im Haus meiner Schwiegereltern. Nebenan ist eine Rakete eingeschlagen. Auch unser Haus ist beschädigt worden, doch Wände kann man reparieren. Ich bete nur, dass es nicht noch einmal getroffen wird. Wo sollen wir denn sonst leben?

Jetzt sind wir wieder bei meinen Eltern. Wir trauen uns nicht mehr rauszugehen. Mein Vater stand in der Tür, als ein Splitter ganz knapp an seinem Kopf vorbeigeflogen ist. Ich habe ihm gesagt, du hast viel Glück gehabt. Die Splitter sind sehr scharf, da ist man auf der Stelle tot.

Jeder sagt, so einen Krieg haben wir hier noch nie erlebt. Die israelischen Panzer stehen nur ein paar Hundert Meter weg. Von unserem Fenster aus können wir sehen, wie Häuser brennen. Die letzte Nacht war schlimm. Eine Rakete nach der anderen. Immer nachts kommt die große Angst.

Gleich ist der Akku vom Handy leer. Wir können ihn kaum noch aufladen. Gestern Abend gab es für drei Stunden Strom. Seitdem warten wir wieder darauf."

24. Juli: Das Telefon ist tot, kein Strom in Gaza, dafür heftige Kämpfe.

25. Juli: Die Zahl der Toten ist nach palästinensischen Angaben auf mehr als 800 gestiegen, mehr als 5000 Menschen sind verletzt. Am Abend lehnt das israelische Sicherheitskabinett den Kerry-Plan für eine siebentägige Waffenruhe ab.

"Es ist, wie es ist, nichts hat sich geändert. Gestern hat uns Mussa abgeholt und zu seinem Onkel gebracht. Aber ich habe es dort nicht ausgehalten, bei meinen Eltern fühle ich mich wohler. Mittlerweile ist es hier allerdings sehr eng. Meine Schwester ist da mit ihrer Familie, und auch eine Cousine.

Ich bin krank und weiß nicht, was es ist. Ich habe totale Schmerzen in der Lunge und spucke die ganze Zeit Blut. Aber was mich wirklich krank macht, ist die Angst. Ich bin körperlich, geistig und seelisch völlig fertig von dieser Angst.

Viele Verwandte sind schon ums Leben gekommen, eine Cousine, auch die Tante von meinem Mann. Ich habe die Toten nicht mehr gezählt. Meine Mutter sagt, wahrscheinlich kommen wir morgen oder übermorgen dran."