Sudan:Ein Krieg wie ein Lauffeuer

Sudan: Rauch steigt auf, während die Kämpfe zwischen der sudanesischen Armee und den paramilitärischen Rapid Support Forces weitergehen.

Rauch steigt auf, während die Kämpfe zwischen der sudanesischen Armee und den paramilitärischen Rapid Support Forces weitergehen.

(Foto: dpa)

In der sudanesischen Region West-Darfur hat eine Welle der Vertreibung begonnen. Mit der an ethnischen Säuberungen erinnernden Kriegstaktik will die RSF-Miliz ihre Macht in einem möglichen Rückzugsgebiet absichern.

Von Mirco Keilberth, Tunis

Seit vorigem Mittwoch, morgens um sechs Uhr, pünktlich nach Ablauf der neuesten Waffenruhe, wird in der sudanesischen Hauptstadt wieder gekämpft. Da die RSF-Miliz des ehemaligen Vizepräsidenten Mohammed Hamdan Daglo, genannt "Hemeti", weite Teile von Khartum kontrolliert, beschießt die in Straßenkämpfen unterlegene Armee von Präsident Abdel Fattah Burhan die Wohngebiete der Millionenstadt rücksichtslos mit Artillerie und Kampfflugzeugen.

Straßenkämpfe werden rund um das Hauptquartier des Geheimdienstes, die Regierungsgebäude im Stadtzentrum und aus der Nachbarstadt Omdurman auf der anderen Seite des Nils gemeldet. Bei dem Versuch, die in Wohngebieten versteckten und mit Flugabwehrgeschützen versehenen Pick-ups der RSF zu treffen, werden Menschen verletzt, die vor den wenigen offenen Läden anstehen. In Darfur scheint die bewusste Vertreibung der Zivilbevölkerung mittlerweile das eigentliche Kriegsziel zu sein.

Allein in al-Dschunaina, der Hauptstadt der Provinz West-Darfur, wurden seit Beginn des Krieges Mitte April nach Schätzungen lokaler Behörden mehr als 1300 Menschen getötet. Der Journalist Ahmed Gouja berichtet der SZ am Telefon von den täglichen Angriffen vermummter Kämpfer, die offenbar alle Angehörigen des Volkes der Masalit über die Grenze in den benachbarten Tschad vertreiben wollen. Die Kämpfer der RSF wollen offenbar wie schon während des Darfur-Krieges von 2003 die ethnische Zusammensetzung der Provinz verändern.

Journalisten versuchen unter Lebensgefahr die Zerstörung der Infrastruktur zu dokumentieren

Die zuvor Janjaweed genannte Miliz hatte im Auftrag der Regierung in Khartum damals viele von nicht arabischen Darfuris bewohnten Gebiete entvölkert. Der lokale traditionelle Sultan des Masalit-Volkes schätzte in einem am 18. Juni verbreiteten Hilferuf die Zahl der zwischen dem 24. April und 12. Juni Getöteten auf mindestens 5000. Augenzeugen berichten der SZ am Telefon, dass RSF-Kommandos mit Namenslisten Jagd auf die Führungselite der Masalit machen. Journalisten wie Ahmed Gouja versuchen unter Lebensgefahr die Zerstörung der zivilen Infrastruktur durch Armee und RSF in West-Darfur zu dokumentieren. "Die bewusste Plünderung von Märkten, Schulen und Lagerhäusern macht es zukünftig weiten Teilen der Bevölkerung unmöglich, hier weiterzuleben", klagt Gouja.

Kurz vor dem Gespräch mit der SZ musste der Sudanese seine Familie nach dem Einschlag von Raketen über Schleichwege zu einem Sammelpunkt für Flüchtlinge in Sicherheit bringen. Doch auch viele der vor 20 Jahren errichteten Flüchtlingslager und die 86 Aufnahmestellen für Flüchtlinge sind in West-Darfur mittlerweile zerstört. Menschenrechtsaktivisten kritisierten den deutschen UN-Sondergesandten Volker Perthes dafür, die RSF nicht ausdrücklich für die Gräueltaten verantwortlich zu machen.

Roman Deckert analysiert die Lage im Sudan seit über 25 Jahren und arbeitet für die Berliner Nichtregierungsorganisation MICT. Er warnt davor, den Konflikt auf die Folge ethnischer Spannungen oder auf den Machtkampf zweier Generäle zu reduzieren. "Der Krieg hat in Darfur nun eine ethnische Komponente. Aber dahinter stehen Verteilungskämpfe um die verbliebenen ertragreichen landwirtschaftlichen Felder. Dieses werden durch den in Darfur deutlich spürbaren Klimawandel immer knapper. Dies ist einer der ersten Klimakriege", sagt der in Genf lebende Analyst.

Die Einwohner von al-Dschunaina verlassen die Stadt - meist ohne Besitz oder Lebensmittel

Die Vereinten Nationen haben bisher 150 000 Flüchtlinge gezählt, die sich über die Grenze in den benachbarten Tschad retten konnten. Die letzten 30 Kilometer aus al-Dschunaina an die tschadische Stadtgrenze legen die Flüchtenden meist in riesigen Kolonnen zu Fuß zurück, meist ohne jeglichen Besitz, ohne Wasser oder Lebensmittel. Laut den Helfern von "Ärzte ohne Grenzen" hat die Mehrheit der Einwohner von al-Dschunaina die Stadt verlassen.

Die von den Janjaweed vor zwanzig Jahren im Staatsauftrag ausgeführte Vertreibung der ethnischen Gruppen der Fur und Masalit bezeichnete der internationale Strafgerichtshof als Völkermord. Der Masalit-Sultan fordert nun, das Gebiet des Sultanats unter internationalen Schutz zu stellen. Unter Menschenrechtsaktivisten in Khartum wird bereits diskutiert, ob die im Tschad stationierten französischen Soldaten von den Vereinten Nationen zum Schutz der Bevölkerung nach Darfur geschickt werden könnten. Doch nachdem Volker Perthes von Machthaber Burhan wegen kritischer Äußerungen zur unerwünschten Person erklärt wurde, ist die offensichtlich auf den Krieg unvorbereitete Sudan-Mission der Vereinten Nationen wie gelähmt.

Am Dienstag wurden auf der ersten Geberkonferenz in Genf Nothilfen für die Opfer des Krieges in Höhe von 1,5 Milliarden US-Dollar versprochen, Deutschland will bis 2024 200 Millionen Dollar zahlen. Der Journalist Ahmed Gouja verfolgt derzeit gespannt den Ausgang des Machtkampfes zwischen dem Kreml und der Führung der Wagner-Gruppe in Russland. Er hat in den letzten Jahren mehr Söldner der Wagner-Gruppe als UN-Mitarbeiter getroffen. Die Söldner der russischen Sicherheitsfirma handeln in Darfur mit geschürftem Gold und sichern Waffen- und Goldlieferungen zwischen Libyen, Syrien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Auch Wagner-Söldner haben nach Ausbruch der Kämpfe am 15. April die Bevölkerung in der Nähe mehrerer Goldminen vertrieben, berichten Augenzeugen. Sudan-Experte Roman Deckert glaubt, dass der Einfluss von Wagner auf den Verlauf des Krieges dennoch begrenzt ist. "Für die Expansion der Wagner-Einheiten in der Region hat sich in den letzten Jahren im Westen kaum jemand interessiert." Die Diskussion über Wagner lenke davon ab, dass RSF-Kommandeur Hemeti hauptsächlich von den Vereinigten Arabischen Emiraten finanziert wird - einem der wichtigen Partner des Westens in der arabischen Welt.

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