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Streitkultur:Debattenmüdigkeit

Alle drei Debatten halten sich mit viel Empörung um Lappalien auf. Es geht eben nicht um die Siedlungspolitik Israels und die damit verbundene imperialistische Perfidie, sondern um die antisemitischen Muster in den Köpfen, die immer noch auf den alten Klischees von der jüdischen Weltverschwörung basieren, mit denen zaristische Offiziere im 19. Jahrhundert Pogrome befeuerten.

Es geht nicht um die Werktreue von Kinderbüchern, sondern darum, ob man Beleidigten das Recht einräumt, beleidigt zu sein. Und es wird für die Rolle der Frau in Deutschland nur wenig Bedeutung haben, ob FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle spätnachts an der Bar im Umgang mit einer Stern-Reporterin schlagfertig war oder Grenzen überschritt.

Die Empörung wird langfristig zu einer Debattenmüdigkeit führen. Kurzfristig gibt sie dem Dünkel Zunder. Da wird schnell mit dem Zerrbild von der "politischen Korrektheit" gekontert, die doch nichts anderes sei als spaßfeindlicher Puritanismus. Damit kann man lässig und ironisch argumentieren. Hierzulande weiß kaum jemand, dass "politically correct" nur ein feiger Kampfbegriff aus den amerikanischen "culture wars" ist, mit dem man ein Gerechtigkeitsverständnis diskreditiert, das Macht und Pfründe infrage stellt.

Nun gibt es in Deutschland keine Pogrome, rassistische Gewalt ist ein Phänomen an brutalen Rändern der Gesellschaft, und seit 2006 gibt es gegen Sexismus ein Gleichstellungsgesetz. Doch im Gegensatz zu den USA und Kanada, zu England und Frankreich, war Deutschland bisher noch nicht gezwungen, eine Konsenskultur zu schaffen. Der gesellschaftliche Konsens basierte auf einer Monokultur, die vielleicht nicht gewollt, aber doch gegeben war.

Nun aber wird aus Deutschland immer deutlicher eine kosmopolitische Gesellschaft. Da reicht die freundliche Neugier auf das Fremde nicht mehr. Mit dem Wandel muss sich Deutschland darüber klar werden, wen es am Leben, an der Macht und am Wohlstand teilhaben lässt. Das aber ist keine Lappalie, sondern definiert die Identität eines Landes.

© SZ vom 04.02.2013/anri

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