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Streit um Wulffs Zapfenstreich:Sein Ehrensold, seine Ehrenformation, seine Ehrengäste

Mit höchsten militärischen Ehren wird Christian Wulff heute verabschiedet. Doch für den Großen Zapfenstreich hagelt es Absagen - nicht nur aus politischen Gründen. Der ehemalige Bundespräsident könnte aber mehr Musik bekommen, als ihm lieb ist: Kritiker rufen zum "Großen Vuvuzela-Zapfenstreich" auf.

Stell dir vor, es ist Zapfenstreich und keiner geht hin. Nun ja, ganz so stimmt dies nicht. Der frühere Bundespräsident Christian Wulff wird beim Großen Zapfenstreich heute Abend nicht alleine dem Stabsmusikkorps aus der Julius-Leber-Kaserne im Garten von Schloss Bellevue lauschen. Die Bild-Zeitung hat exklusiv die "geheime Einladungsliste" veröffentlicht - und damit ist das Kapitel Zapfenstreich, das längst zum Politikum geworden ist, um weitere Details reicher.

Grosser Zapfenstreich fuer Christian Wulff

Soldaten der Bundesmarine gehen beim Großen Zapfenstreich für den ehemaligen Bundespraesidenten Christian Wulff mit Fackeln durch den Garten von Schloss Bellevue.

(Foto: dapd)

Insgesamt stehen 369 Gäste auf der Einladungsliste für das höchste militärische Zeremoniell, das die Bundesrepublik zu bieten hat. Der Bild zufolge gab es bis Mittwochabend aber bereits 160 Absagen. Nicht nur, dass keiner der vier noch lebenden Vorgänger an den militärischen Ehren teilnehmen wird. Neben dem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, werden auch sämtliche Bundestagsvizepräsidenten nicht kommen: Wolfgang Thierse (SPD), Katrin Göring-Eckardt (Grüne), Petra Pau (Linke), Hermann Otto Solms (FDP) und Eduard Oswald (CSU). Nicht vollzählig erscheinen wird das Kabinett. Die Opposition kommt gar nicht.

Nun muss man fairerweise dazusagen, dass bei einem solch kurzfristig angesetzten Ereignis wie Wulffs Großem Zapfenstreich sicherlich nicht alle Zeit haben. Zum Beispiel dessen Vorgänger Horst Köhler: Der Bundespräsident a. D. befindet sich im Ausland, teilt sein Büro mit. Vermutlich dürften bei Köhler, dessen Rücktritt 2010 noch sehr viel abrupter erfolgte, auch nicht alle geladenen Gäste erschienen sein. Dies bleibt aber Spekulation, denn Köhlers Büro hat die Gästeliste nicht dokumentiert, erklärt man auf SZ-Anfrage. Von Seiten der Protokollabteilung des Bundespräsidialamts will man überhaupt keine Auskunft mehr erteilen: "Ich kann nichts mehr sagen", sagt eine Mitarbeiterin am Telefon. Sie klingt fast verzweifelt.

Die Debatte um Wulffs Großen Zapfenstreich hat aus Sicht des CDU-Politikers Peter Hintze in den vergangenen Tagen geradezu groteske Züge angenommen: "Ich finde, das ist aus dem Verhältnis geraten", sagte der Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium im Deutschlandfunk. Zunächst war es Wulffs Ehrensold, an dem es massive Kritik gab. Dann war es Wulffs Bestehen auf einem Großen Zapfenstreich. Und dann Wulffs Wunsch nach vier Liedern. Die Empörung jedenfalls war groß. Hintze findet das alles "unwürdig".

Über Amt, Würde und Ehre ist in Zusammenhang mit dem Fall Wulff viel diskutiert worden. Sogar die Teilnahme oder Absage an dem Zeremoniell heute Abend wird deshalb als politisches Statement gesehen. Rainer Brüderle, der Fraktionschef der Liberalen zum Beispiel, stand zwar gar nicht auf der Gästeliste, wollte sein Fernbleiben aber trotzdem richtig gewertet wissen: "Bei diesem Ereignis gehe ich ohne Einladung auf jeden Fall nicht hin."

Es wurden deshalb auch hinter den Absagen der vier Altpräsidenten sogleich politische Gründe vermutet. Doch von Boykott wollte aus deren Umfeld niemand sprechen: Horst Köhler befindet sich, wie gesagt, im Ausland. Roman Herzog hat nach Angaben seines Büros andere Termine in Düsseldorf und Umgebung. Und Walter Scheel tritt man tatsächlich nicht zu nahe, wenn man sagt, dass die Absage seinem Alter geschuldet ist. Heißt es auch aus seinem Büro. Scheel ist inzwischen 92 Jahre alt. Einzig die Mitarbeiter von Richard von Weizsäcker ließen im SZ-Gespräch offen, warum er die Veranstaltung meidet. Bei Rau und Köhler war Weizsäcker anwesend.

Voßkuhle: "Teilnahme nicht angemessen"

Ähnlich das Bild bei den Bundestagsvizepräsidenten, wie eine SZ-Umfrage ergab: Wolfgang Thierse (SPD) sitzt heute Abend im Plenum vor - ebenso wie Eduard Oswald (CSU). Hermann Otto Solms (FDP) kann nicht teilnehmen, weil er "anderweitig verplant ist". Allerdings steckten "keine persönlichen Gründe" hinter der Absage. Katrin Göring-Eckhart (Grüne) und Petra Pau (Linke) hätten noch nie an einem Großen Zapfenstreich teilgenommen. Paus Sprecher erklärte, militärische Zeremonien entsprächen nicht "ihrer Kultur".

Sehr viel deutlicher äußerte sich hingegen Bundesverfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle: "Die Teilnahme an dem Zapfenstreich wird wegen des laufenden Ermittlungsverfahrens als nicht angemessen erachtet", heißt es aus dem Bundesverfassungsgericht. Gegen den zurückgetretenen Bundespräsidenten Wulff wird wegen des Verdachts auf Vorteilsannahme und Vorteilsgewährung ermittelt. Vor wenigen Tagen durchsuchte die Staatsanwaltschaft sein Haus in Großburgwedel.

Und so wird von der sonst so feierlichen Stimmung bei einem Großen Zapfenstreich an diesem Abend möglicherweise nicht viel übrig bleiben - nicht nur wegen der Absagen. Kritiker des zurückgetretenen Bundespräsidenten rufen auf Facebook dazu auf, dem früheren Bundespräsidenten "den Marsch zu blasen" - und zwar mit Vuvuzelas. Eine ganze Stunde lang wollen sie heute Abend vor dem Schloss Bellevue das Stabsmusikkorps der Bundeswehr niedertröten. Der Plan der Aktivisten sieht vor, den Zapfenstreich von 18:40 Uhr an mit einem "langsamen Unterblasen des Fackelzuges" zu begleiten, sich langsam zu steigern bis zum "euphorischen Überblasen" der Veranstaltung um 19:30 Uhr.