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Straßenbahn in Jerusalem:"Hass, wie ich ihn noch nie erlebt habe"

Schon nach wenigen Stationen ist der Zug drangvoll. Ultra-Orthodoxe mit mächtigen Hüten und Bärten füllen die Gänge, junge Soldatinnen sind sitzend mit ihren Smartphones beschäftigt, es wird viel geredet und noch mehr telefoniert. Es ist ein buntes Treiben, das so bunt dann wiederum auch nicht ist, weil allein der jüdische Teil der Jerusalemer Bevölkerung die Straßenbahn bevölkert - zumindest bis zur Haltestelle "City Hall", die ziemlich exakt an jener Grünen Linie liegt, die bis zum Sechstagekrieg von 1967 die Stadt in zwei Teile geteilt hatte.

Unweit dieser Haltestelle kann man auch das Büro von Daniel Seidemann finden. Der 63-Jährige ist Anwalt, Major der Reserve in der israelischen Armee, und vor allem ist er einer der besten Kenner Jerusalems, das er den "vulkanischen Kern des Nahost-Konflikts" nennt. Als Brückenbauer war er an allen Friedensgesprächen der vergangenen 20 Jahre beteiligt, wenn es um Lösungen für die Stadt ging, die Israelis wie Palästinenser als ihre Hauptstadt beanspruchen. Doch langsam gehen selbst ihm die Lösungen aus. "Es herrscht hier heute auf beiden Seiten ein Hass, wie ich ihn noch nie erlebt habe", sagt er.

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Kampf gegen eine PR-Phantasiewelt

Getragen wird der Aufruhr in den arabischen Vierteln von Jugendlichen und Kindern. Von den rund 800 Krawallmachern, die in den vergangenen hundert Tagen festgenommen wurden, seien wohl 600 noch nicht einmal volljährig, schätzt Seidenmann. "Die Eltern schicken sie nicht, es gibt auch keine politische Führung", meint er, "aber die Kinder haben hervorragende Sensoren und wissen, dass sie keine Zukunft haben." Die Wut, die mal diffus ist und mal konkret, treibt sie auf die Straße, und dass die Straßenbahn dabei zum Angriffsziel Nummer eins wird, verwundert ihn nicht. "Sie zerstören damit die PR-Phantasiewelt von der gelungenen Koexistenz in Jerusalem", erklärt er.

Was dies für Folgen hat, ist deutlich zu sehen, wenn man an der Haltestelle "City Hall" wieder in die Straßenbahn einsteigt und Richtung Damaskustor und zu den arabischen Vierteln fährt. Die Waggons sind nur noch spärlich gefüllt, nachts verkehrt die Tram als Geisterzug. Die Haltestelle "Ammunition Hill" ist nach dem Anschlag auf ewig als Ort des Schreckens gezeichnet. Und ein paar Stationen weiter ist ohnehin Tag für Tag zu sehen, in welchen Abgrund der Hass diese Stadt zu treiben droht: Schuafat ist das Epizentrum dieses Aufruhrs, und wer hier aus der Tram steigt, steht mitten in einem Trümmerfeld. Die Wartehäuschen sind komplett zerstört, die Metallstreben zeigen noch Brandspuren, und von den Fahrkartenautomaten sind nur Betonstümpfe geblieben. Seit vielen Wochen schon toben hier die Kämpfe, und den Grund dafür zeigt ein riesiges Banner, das gegenüber der Haltestelle an der Moschee prangt. Zu sehen ist darauf Mohammed Khdeir, der 16 Jahre alt war, als er am 2. Juli genau hier in ein Auto gezerrt wurde. Drei jüdische Extremisten entführten ihn, es war ihre Rache für den Tod dreier zuvor von Hamas-Männern entführter Siedlerkinder. Sie schlugen auf ihn ein und verbrannten ihn bei lebendigem Leib. Kurz darauf brach in Gaza der Krieg aus und in Schuafat die Intifada.

Los geht die Fahrt am Herzlberg, die Endhaltestelle heißt "Heil Ha-Avir" - Luftwaffe

"Ich bin keine dieser Frauen aus der Propaganda, die singen, wenn sie ihren Sohn verloren haben", sagt Suha Khdeir, die Mutter Mohammeds, "aber ich will wenigstens wissen, dass sein Blut nicht ohne Sinn vergossen wurde." In der Hand hält sie ein Taschentuch, von Zeit zu Zeit wischt sie sich über die Augen. Sie ist gerade aus Mekka zurückgekommen, auch das zählt zur Trauerbewältigung. Der Sohn ist jetzt ein Märtyrer, sein Bild hängt in Schuafat an vielen Ecken, und sein Vermächtnis sind die Steine. "Wenigstens wissen die Israelis jetzt, dass sie nicht einfach so ein Kind töten können", sagt Suha Khdeir. "Ich hoffe, dass die Unruhen weitergehen, bis wir Palästina befreit haben."

Immer geht es ganz schnell ums große Ganze in dieser Stadt, bei einer trauernden Mutter genauso wie bei den Politikern. Premierminister Benjamin Netanjahu hat als Reaktion auf die Unruhen und den Anschlag den Palästinensern nun mit einer "eisernen Faust" gedroht, Präsident Reuven Rivlin hat auf der Beerdigung für das getötete Baby verkündet, "die Mörder sollen wissen, dass uns keine Macht der Welt aus Jerusalem vertreiben kann". So setzt auch die leere Straßenbahn unbeirrt ihre Fahrt fort von Schuafat zu den Siedlern nach Pisgat Ze'ev. Wie schon der Startpunkt am Herzlberg liegt auch die Endhaltestelle hoch über dem Dickicht der Stadt. Sie trägt den Namen Heil Ha-Avir, zu deutsch: Luftwaffe.