Strafen für Drogendelikte in den USA:Der Horror einer langen Strafe

Inmates workout in the yard at Corcoran State Prison in California

Gefangene in Kalifornien

(Foto: REUTERS)

Was im Knast möglich ist, wenn Männer gefühlt endlose Haftstrafen vor sich haben, hat er miterlebt und in seiner Autobiografie aufgeschrieben: dass Menschen andere Menschen mit Schreibmaschinen in der Bibliothek halb totprügeln. Dass tough guys von der Straße unter Medikamenten und Erniedrigungen zu schlurfenden Zombies werden: "Allein der Gedanke daran, 20 Jahre zu sitzen, zerstört dich." Am ersten Tag erklärten ihm erfahrene Gefangene, dass Socken für vieles gut sein können: um Kaffee zu kochen. Mit Batterien gefüllt, um Schädel einzuschlagen. Mit Vaseline gefüllt helfen sie gegen die Einsamkeit.

Aber am schlimmsten sei die schleichende Erkenntnis, wie lange man gefangen sein wird, sagt Papa: "Es dauert vier bis fünf Jahre, bis du merkst, dass du hard time vor dir hast - mehr als zehn Jahre. Vorher hofft jeder auf Berufungsverhandlungen. Aber die verlieren die meisten. Dann erdrückt dich die Realität." Die Hoffnung auf baldige Entlassung sei nicht das Einzige, was dann sterbe: "Viele begehen Suizid, weil sie den Druck nicht aushalten."

Papa wurde allein für den Verkauf von reinem Kokain hart bestraft. Für Crack sind die Strafen ungleich schlimmer, obwohl es die gleiche, gefährliche Droge ist. Doch Kokain war teuer, die Droge der Weißen und Reichen. Crack, gestrecktes und deshalb billiges Kokain, war vor allem in schwarzen Vierteln verbreitet. In den Achtzigern erklärten Politiker es zur Horrordroge: Alle Süchtigen seien für ein paar Dollar zu Mord und Totschlag bereit, der Stoff bringe angeblich "Crack-Babies" hervor: Kinder, die wegen der Sucht ihrer Mütter abhängig zur Welt kämen - ein Albtraum für Generationen.

Bis vor kurzem standen auf den bloßen Besitz von mehr als fünf Gramm Crack bis zu 20 Jahre Haft, auf den von Kokain maximal ein Jahr - unabhängig davon, welche Menge die Polizei beim Verurteilten fand. Der Mediziner und Drogenforscher Carl Hart schreibt dazu: Crack härter als Kokain zu bestrafen, sei "als würden die, die Gras rauchen, härter bestraft als die, die Marihuana-Plätzchen essen".

Mehr als 80 Prozent der zu den Zwangsstrafen Verurteilten sind schwarz. Deshalb macht auch der Abgeordnete Cohen Druck für mehr Gnade. Er vertritt einen Wahlbezirk in Tennessee, in dem mehr als die Hälfte der Bewohner schwarz sind. Dort erhielten viele Kleinkriminelle unverhältnismäßig lange Drogenstrafen, sagt Cohen: "Es sitzen auch ein paar hippe junge Weiße schon lange ein. Mittlerweile sind sie aber nicht mehr so jung."

Eine erste Reform verabschiedete der Kongress 2010. Der Fair Sentencing Act verringerte das Verhältnis zwischen Crack- und Koks-Strafen. Doch Gleichheit herrscht keinesfalls: Die Relation von 100:1 wurde auf 18:1 reduziert.

"Das ist ja noch lächerlicher! Wo haben Sie diese Zahl denn her?", ruft Papa und wirft die Hände in die Luft. Nur eine völlige Gleichbehandlung der beiden Substanzen gebe Sinn, sagt er. Doch der Kongress bekomme das offensichtlich nicht hin. Für die unverhältnismäßig hart Bestraften sieht er einen einfacheren Ausweg: "Das ganze System könnte man umgehen, wenn Obama seine Macht zu begnadigen nutzen würde."

Nach Artikel 2 der Verfassung kann der US-Präsident Gefängnisstrafen verkürzen, die nach Bundesrecht verhängt wurden. Doch Obama setzt Begnadigungen deutlich sparsamer ein als seine Vorgänger. Einer Analyse der US-Investigativreporter von Propublica zufolge hat er nur einen von 35 Anträgen bewilligt, die ihm das Justizministerium vorlegte. Ronald Reagan hatte nach der entsprechenden Zeit einen von drei Bewerbern begnadigt. Bei George Bush senior liegt das Verhältnis bei 1:16, unter Clinton war es 1:8, unter Bush junior bei 1:33. Überhaupt hat Obama nur eine Person aus dem Gefängnis befreit. Alle anderen begnadigte er, nachdem sie ihre Strafe abgesessen hatten. Das bedeutet, dass ihre durch die Haft verlorenen Rechte, zum Beispiel das Wahlrecht, wiederhergestellt wurden.

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