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Steinbrück und die Umfragewerte:Der Hochrisiko-Kandidat zerrt die SPD nach unten

SPD Bundesparteitag

SPD-Kanzlerkandidat beim Bundesparteitag in Hannover im Dezember 2012: Von den Versprechungen der Rede ist nur noch wenig übrig.

(Foto: dpa)

Die SPD war auf einem guten Weg. Bis Peer Steinbrück kam. Jetzt sind die Sozialdemokraten nach Umfragen wieder da, wo sie schon 2009 standen. Ganz nah am Abgrund. Noch ist die Chance für eine Wende da, doch dafür muss sich Steinbrück verändern: Er muss Sozialdemokrat werden - und das länger als für eine Parteitagsrede.

23 Prozent. Diese Zahl plagt die Sozialdemokraten bis heute wie der immer wiederkehrende Schmerzschub eines Magengeschwürs. Es war 2009, Bundestagwahl. Im Willy-Brandt-Haus hatten die Genossen schon geahnt, dass es schlimm ausgehen könnte.

Als dann mit den ersten Hochrechnungen diese unfassbar niedrige Zahl über die Bildschirme flimmerte, setzte eine Art Schockstarre unter den Genossen ein. Sie löste sich später in unbändigem Applaus für den gescheiterten Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier auf. Viele, die dabei waren, können sich den Applaus bis heute nicht erklären. Es galt wohl, ein kollektives Trauma zu durchleben.

Das ist dreieinhalb Jahre her. Und jetzt, acht Monate vor der Bundestagswahl, steht die SPD wieder so da. Bei 23 Prozent. Nach 2009 hat sich die Partei mühsam wieder vorangekämpft. Schritt für Schritt. Bei 30 Prozent lag sie kurz nach der Nominierung von Peer Steinbrück zum Kanzlerkandidaten im September.

Es war ein langer, harter Weg dahin. Parteichef Sigmar Gabriel hat die Partei neu ausgerichtet, ihr Selbstvertrauen zurückgegeben. Sie - wenn auch nicht vollständig, so doch zu großen Teilen - mit der Agenda 2010 versöhnt.

Nichts ist geblieben vom Parteitag

Es reichte ein Peer Steinbrück, um das wackelige Gerüst unter dieser 30-Prozent-Marke wieder einzureißen.

Steinbrück war von Beginn an der Hochrisiko-Kandidat. Hochintelligent, ein scharfzüngiger Redner, aber unberechenbar, frotzelig, unverschämt zuweilen. Die einen verehren ihn für seine unverstellte Art. Die anderen stößt seine arrogante Art ab.

Steinbrück hätte absehen können, dass die Vortragshonorare zu einem Problem werden könnten. Dafür aber fehlt ihm jede Sensibilität.

Er hätte absehen können, dass es danach nur dumm sein kann, indirekt über das geringe Gehalt der Kanzlerin zu meckern. Dafür aber fehlt ihm jede Sensibilität.

Er hätte absehen können, dass es den SPD-Wählern nicht reicht, ein guter Finanzfachmann zu sein. Dafür aber fehlt ihm jede Sensibilität.

Es gab Hoffnung, dass er doch anders sein könnte. Dass mehr in ihm steckt als ein bissig-giftig kommentierender Allesbesserwisser. Da war seine Parteitagsrede vom vergangenen Dezember. Es war eine gute Rede. Eine, in der er scheinbar den Nachweis erbrachte, ein guter Sozialdemokrat zu sein. Einer, der die Herzen erreichen kann. Die Rede war lange vorbereitet. Sie enthält viele Passagen, in denen es um Gesellschaftspolitik geht, um Gerechtigkeit.

Die SPD braucht einen Versöhner

Nach der Rede hat Steinbrück das Manuskript offenbar weggeschmissen. Es war zwar seine Rede, aber es war nicht er, der daraus gesprochen hat. Es sprach dort in Hannover die Idee von einem Kandidaten, so wie er sein müsste, wenn er der Richtige wäre.

Steinbrück lebt nicht, was er da verkündete. Er war schon immer mehr Arbeitgeber als Arbeitnehmer. Er würde sich auch verbiegen, wenn er plötzlich auch den Arbeiterführer gäbe.

Genau so einen aber brauchen die Sozialdemokraten jetzt. Einen, der glaubhaft die Interessen der kleinen Leute mit denen des Kapitals versöhnt. Steinbrück kann das nicht. Er will es auch gar nicht.

Steinbrück war nie der beste Kanzlerkandidat für die SPD. Er war nach den Absagen von Gabriel und Steinmeier nur der einzig verbliebene. Es mag müßig sein, darüber zu spekulieren, ob die Partei etwa mit Steinmeier heute besser dastünde. Wer sich Steinmeiers unbefleckte Vita vor Augen hält, der mag sich sein Urteil bilden.

Steinbrück wird sich verändern müssen. Er wird sich verbiegen müssen. Er wird seine eingeforderte Beinfreiheit opfern müssen, wenn er diese Kandidatur noch zu etwas führen möchte, was halbwegs als Erfolg bezeichnet werden könnte. Steinbrück wird vor allem länger als für eine Parteitagsrede Sozialdemokrat werden müssen.

Derzeit erscheint es unwahrscheinlich, dass ihm das gelingt. Aber für eine Umkehr, für einen neuen Kandidaten gar ist es zu spät. Alles oder nichts ist Steinbrücks Devise. Kanzler werden oder Politrentner. Mit 23 Prozent am Wahlabend wäre die Sache sofort entschieden.