Staaten und ihre Vergangenheit:Der Anspruch auf Hier und Jetzt, konstruiert aus dem Damals

Lesezeit: 4 min

Überall dort, wo ein Staat auch aus nationalem, politischem Interesse heraus Geschichtsforschung und Archäologie dezidiert fördert, muss man genau hinschauen. Mit Tonscherben, Grundmauern und Festungsruinen lässt sich nicht nur historische Entwicklung verstehen, sondern ebenso ein Anspruch auf das Hier und Jetzt aus dem Damals konstruieren.

Das kann sich relativ harmlos auswirken wie einst Helmut Kohls Bestrebungen, in Bonn mit dem "Haus der Geschichte" so etwas wie ein Museum des bundesrepublikanischen Überbaus zu schaffen. Das Haus ist heute ein veritables Museum, die politische Überbau-Idee (westdeutsche Freiheit mit amerikanischem Akzent versus Ostblock-Kollektivismus) hat sich 1989 ff. erledigt.

Es kann aber auch so brandgefährlich bleiben oder werden wie etwa der Dauerstreit zwischen Israelis und Palästinensern um die Archäologie des Tempelbergs. Politische Forderungen, die mit Hilfe der Interpretation historischer Prozesse begründet werden, führen manchmal gar zu Krieg oder Bürgerkrieg. Man kennt das aus der Vergangenheit (Elsass-Lothringen) und der Gegenwart (Ukraine).

Im Ringen um die historische Begründung des Lebens in Gesellschaften und (National-)Staaten wohnen das Gute und das weniger Gute oft sehr eng zusammen. So sind das Selbstbestimmungsrecht der Völker (gut) und der mehr oder weniger aggressive Nationalismus (schlecht) mindestens illegitime Geschwister. Die Zustände auf dem Balkan bis 1914 belegen das ebenso wie die blutige Reprise der Balkankriege in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Links wie halb rechts gibt es in Deutschland nostalgische Ideen

Für viele Deutsche, zumal jüngere, die in einem grenzenlosen Europa mit einer einzigen Währung leben, und frei (wenn auch nicht unbeobachtet) im weltweiten Netz kommunizieren, ist Von-der-Maas-bis-an-die-Memel-Gewese bereits heute tiefste Vergangenheit.

Trotzdem ist der Beginn des neuen Jahrhunderts eine Übergangsphase, weil es nicht wenige gibt, die bewusst die Ära der Blockkonfrontation erlebt haben. In dieser Zeit der Abgrenzung existierten für manche Probleme dezidiert "nationale" Lösungsansätze - von der Sozialpolitik über die Währung bis zur Ausgestaltung der Bürgerrechte.

Vieles davon ist im Zeitalter der Globalisierung nicht mehr möglich, für noch mehr sind supranationale Gremien in der EU zuständig. Links wie halb rechts, von der Linkspartei bis zu CSU und AfD, gibt es immer wieder nostalgische Ideen , deren Voraussetzung wenn nicht eine Re-Nationalisierung, so doch eine Art nationaler (oder postnationaler) Protektionismus ist.

Man muss die Geschichte kennen, um die Gegenwart zu verstehen. So gehört das Wissen um die Vergangenheit, gefördert von der Geschichtswissenschaft, zur Grundausstattung des denkenden, fragenden Menschen. Leider ist der zum Missbrauch werdende Gebrauch der Geschichte auch das Kennzeichen vieler, die Gewalt oder Gegengewalt rechtfertigen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB