Geschichte der SPD Bis dass der Streit euch scheidet

Die SPD-Troika aus Willy Brandt, Helmut Schmidt und Herbert Wehner im Jahr 1966

(Foto: Wolfgang Weihs/picture-alliance/ dpa)

Doppelspitzen und Troikas waren in der SPD lange die Regel. Mal klappte das gut, mal war der Konflikt schon darin angelegt.

Von Nico Fried, Berlin

August Bebel gilt bis heute als eine Art Übervater der Sozialdemokratie. Weniger geläufig ist, dass er 1892 "nur" als Co-Vorsitzender an die Seite von Paul Singer gewählt wurde. Denn die Doppelspitze, die jetzt wieder eingeführt werden könnte, war in der SPD lange Zeit der Regelfall. Das folgt der Logik ihrer Entstehungsgeschichte. Die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP), die sich später in SPD umbenannte, hatte sich nach der Reichsgründung 1871 aus zwei Parteien zusammengeschlossen: dem von Ferdinand Lassalle gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei von Bebel und Wilhelm Liebknecht.

Bebel und Singer sind ein gutes Beispiel für eine relativ harmonische Doppelspitze, in der sich in Bebel dennoch eine dominierende Figur herauskristallisierte. Er war ein herausragender Redner, galt als ehrlich und glaubwürdig und machte die SPD zu einer Massenpartei der Arbeiterschaft. Sie stand nach dem Ende der von Reichskanzler Otto von Bismarck veranlassten Sozialistenverfolgung, vor allem aber wegen der Industrialisierung, vor völlig neuen Herausforderungen. Bebel steuerte maßgeblich den Prozess hin zum Erfurter Programm, das eine Mischung aus sozialistischer Theorie und praktischen Forderungen enthielt - es war der erstmals Papier gewordene Zwiespalt zwischen reiner Lehre und Realpolitik, der bis heute an der SPD zerrt. Zuletzt schwang er Anfang 2018 in der Auseinandersetzung darüber mit, ob sich die SPD erneut an einer großen Koalition beteiligen und Angela Merkel zum dritten Mal zur Kanzlerin wählen sollte.

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Paul Singer war gleichwohl ein angesehener Co-Vorsitzender. Als Jude spielte er zudem in der Atmosphäre des anschwellenden Antisemitismus eine wichtige Rolle für die Partei. Der Historiker Götz Aly zitiert in seinem Buch "Warum die Deutschen? Warum die Juden?" die Schilderung eines Auftritts Singers bei einer großen Arbeiterversammlung in Berlin. Dabei wurde Singer ausdrücklich als "Judenpaule!" gefeiert, von seinen Anhängern auf den Schultern aus dem Saal und im Triumphzug auf die Straße getragen. Singer starb 1911, sein Begräbnis wurde zu einer ganztägigen Massendemonstration mit fast einer Million Teilnehmern.

In einer Doppelspitze kann die Zwietracht schon angelegt sein

In einer Doppelspitze kann aber auch der Konflikt schon angelegt sein, wie die SPD in der Nachfolge von Bebel und Singer erlebte. Unter Friedrich Ebert und Hugo Haase teilten sich die Vertreter der zwei konkurrierenden Flügel den Vorsitz, bis sich die SPD im Streit um die Kriegskredite während des Ersten Weltkriegs spaltete. Nach der Wiedervereinigung von SPD und USPD 1922 wurde die Partei zeitweise erstmals von drei Chefs geführt: Hermann Müller, Arthur Crispien und Otto Wels.

Damit war die sozialdemokratische Troika geboren. Sie blieb der SPD - wenn auch zunächst nur als gelegentlich wiederkehrende informelle Organisationsform - erhalten. Willy Brandt, Helmut Schmidt und Herbert Wehner verteilten unter sich zwischen 1974 und 1982 acht Jahre lang als Parteichef, Kanzler und Fraktionsvorsitzender die Macht. Rudolf Scharping, Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder scheiterten 1994 schon auf dem Weg dahin.

Seit dem Rücktritt von Andrea Nahles als Parteivorsitzende wird die SPD erstmals wieder ganz offiziell von drei Personen geführt - wenn auch nur interimistisch. Malu Dreyer, Manuela Schwesig und Thorsten Schäfer-Gümbel dürfen sich mithin ein ganz klein wenig in der Tradition der ersten Troika verorten. Hermann Müller war in der Weimarer Republik sogar zweimal für kurze Zeit Reichskanzler. Und Otto Wels' legendären Satz aus der Reichstagsdebatte über das von der SPD abgelehnte Ermächtigungsgesetz vom 23. März 1933 kann jeder traditionsbewusste Sozialdemokrat auswendig vortragen: "Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht." Nach Wels ist heute der Saal der SPD-Fraktion im Bundestag benannt.

An jener Rede hatte auch Kurt Schumacher mitgearbeitet. Er überlebte in der nationalsozialistischen Diktatur zehn Jahre Haft in mehreren Konzentrationslagern und begann mit dem Kriegsende 1945 von Hannover aus mit der Wiederbelebung der SPD. Schumacher war nicht nur ein mutiger Demokrat, der den Nationalsozialisten schon im Reichstag zugerufen hatte: "Sie können tun und lassen, was Sie wollen, an den Grad unserer Verachtung werden Sie niemals heranreichen." Er war auch Anti-Kommunist und widersetzte sich 1946 für die Sozialdemokraten der westlichen Besatzungszonen einer Vereinigung von SPD und KPD, wie sie im sowjetisch besetzten Ostdeutschland vollzogen wurde.

Während die zwangsvereinigte SED von Otto Grotewohl und Wilhelm Pieck geführt wurde, blieb Schumacher somit auch eine solche Doppelspitze erspart, was seinem oft als autoritär beschriebenen Stil entgegenkam. Die SPD wurde von ihm vom 10. Mai 1946 an sechs Jahre lang geführt und auch anschließend bis zum 3. Juni 2019 jeweils nur von einer Person. 15 Männer waren Vorsitzende (drei von ihnen kommissarisch) und eine Frau. Mit Mann und Frau zusammen könnte nun im 153. Jahr der SPD wieder etwas Neues kommen.

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