SPD:Gabriel ist einer der talentiertesten Politiker seiner Generation

Es hat nie einen Zweifel daran gegeben, dass Sigmar Gabriel einer der talentiertesten Politiker seiner Generation ist. Und in so ziemlich jedem Amt, das er in den vergangenen Jahren übernommen hat, legte er einen schnellen Start hin. Als Umweltminister verblüffte er von Ende 2005 an das Fachpublikum mit der Geschwindigkeit, in der er sich die Feinheiten des Themengebiets aneignete. Als SPD-Chef gab er vier Jahre später einer auf 23 Prozent abgestürzten, verunsicherten Partei Hoffnung und Selbstachtung zurück. Nun fegt er eben durch die Außenpolitik und nimmt auch Eklats in Kauf wie in Israel, wo er es zum Streit mit Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kommen ließ und Glück hatte, dass in Israel gerade eine Debatte über Demokratie ausgebrochen ist. Deshalb bekam er auch von dort Zuspruch.

Allerdings folgte im Verlauf von Gabriels Karriere auf den Start stets die Phase, in der es nicht mehr so rund lief. In der er nach einer gewissen Zeit der Disziplin und Konstanz in die alten Muster zurückfiel, sprunghaft wurde, zuweilen unbeherrscht. Das war im Ministeramt so, und es war an der Parteispitze so, wo er nach und nach all jene gegen sich aufbrachte, die er zuvor begeistert hatte. Wenn nicht alles täuscht, dann werden gerade erste Anzeichen dafür sichtbar, dass diese Phase wieder beginnen könnte. Leute, die ihn lange kennen, sagen: "Eigentlich geht es ihm gerade mal wieder zu gut."

Direkt nach der Stichwahl in Frankreich startete Gabriel eine mediale Großoffensive und verkündete in mehreren Interviews, dass Deutschland dringend mehr in Europa investieren müsse. Da mochte ihm zwar in der Sache kaum ein Genosse widersprechen - und doch fanden viele, Gabriel stehle dem Kandidaten Schulz die Show. Zumal der gleichzeitig die Niederlage in Schleswig-Holstein einzugestehen hatte.

Sigmar Gabriel

"Es muss aufhören, dass wir den Franzosen ständig mit dem erhobenen Zeigefinger gegenübertreten, nichts mitmachen und sie sozusagen um jeden Millimeter Flexibilität in der Politik betteln lassen."

Oder neulich beim Besuch des neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron in Berlin: Da eilte Gabriel zum Flughafen und schaffte es so, seinem "Freund" Macron noch vor der Kanzlerin die Hand zu schütteln. Ein echter Gabriel eben.

Oder am Dienstag in der Sitzung der SPD-Bundestagsfraktion. Da hielt Kandidat Schulz nach der Niederlage in NRW eine kämpferische Rede - doch Gabriel konnte es nicht lassen, das Ganze mit einer eigenen Rede zu ergänzen. Statt sich auf die Außenpolitik zu beschränken, redete er über die Stimmung im Land, das Bedürfnis der Menschen nach Sicherheit und den Slogan des erfolgreichen SPD-Wahlkampfs von 1998, "Innovation und Gerechtigkeit", der nach wie vor Gültigkeit habe. Wieder fanden das die allermeisten Abgeordneten in der Sache gar nicht falsch. Trotzdem kamen viele mit einem Augenrollen aus der Sitzung: Ob Gabriel sich nicht mal zurücknehmen könne?

Nein, kann er nicht, weil Gabriel eben der Meinung ist, es besser zu können als die allermeisten seiner Kollegen. Was in den allermeisten Fällen auch noch zutrifft.

Gabriel hat zum Beispiel einen ziemlich klaren Blick dafür, was mit der kleinen, zum größten Teil eher unerfahrenen Wahlkampfmannschaft um Schulz herum zu leisten ist und was nicht. Viele hatten daher ihn im Verdacht, als nach der Niederlage von Nordrhein-Westfalen in Berlin das Gerücht umging, es solle innerhalb dieser Mannschaft zu personellen Veränderungen kommen. Sie solle ergänzt werden, hieß es - womöglich durch Matthias Machnig, einen der erfahrensten SPD-Wahlkämpfer, der ein langjähriger Vertrauter von Gabriel und derzeit Staatssekretär im Wirtschaftsministerium ist. Daraus wurde am Montag ein kleines Scharmützel im Parteipräsidium.

Gabriels Traum ist es, sein neues Amt auch in einer neuen Regierung zu behalten

Dort sprach Hessens SPD-Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel die Causa genervt an: Was das solle, dass verbreitet werde, Machnig solle zurückkommen, fragte er sinngemäß. Gabriel hielt dagegen und verwies darauf, dass es sich um Gerüchte handele. Schulz bat daraufhin um Gelassenheit: Man solle das nicht unnötig aufblasen. Machnig sei ein guter Mann, mit dem er immer wieder rede. Und so soll es offenbar auch bleiben: Der erfahrene Kampagnero soll Schulz unterstützen, aber keine offizielle Funktion übernehmen.

Umso stärker dürfte Gabriel selbst im Wahlkampf auftauchen - ganz im Sinn von Schulz, der jede Unterstützung gebrauchen kann. Und die Sorge, dass irgendjemand doch noch einem möglichen Kanzlerkandidaten Gabriel hinterhertrauern könnte, muss Schulz trotz allem nicht haben. Schließlich steht die Partei auch nach den Dämpfern der vergangenen Wochen noch deutlich besser da als zu Jahresbeginn. Damals liefen Wetten darauf, wann die SPD unter 20 Prozent rutschen würde.

Und doch wird etwas seltsam sein, wenn die beiden Freunde gemeinsam Wahlkampf machen. Das Ziel von Schulz lautet nach wie vor, Bundeskanzler zu werden. Gabriels Traum aber ist es, sein neues Amt zu behalten, an dem er so viel Spaß gewonnen hat. Voraussetzung dafür wäre nach den bislang gängigen Koalitionsmechanismen, dass die SPD wieder mal den Juniorpartner in einer großen Koalition gäbe. Also auf dem zweiten Platz landet.

© SZ vom 20.05.2017/jael
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