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Wahl in Spanien:"Ich habe ein Buch, das Sie noch nicht gelesen haben: Ihre Dissertation!"

Main candidates for Spanish general elections hold their first televised debate in Pozuelo de Alarcon, outside Madrid

Diskussion in der Hinrunde: die Kandidaten Pablo Casado (PP), Pedro Sánchez (PSOE), Albert Rivera (Ciudadanos) und Pablo Iglesias (Unidos Podemos) bei der TV-Debatte am Montag.

(Foto: REUTERS)

Spaniens Spitzenkandidaten treten in zwei TV-Debatten an aufeinanderfolgenden Tagen gegeneinander an. In der Hinrunde ist man noch höflich - in der Rückrunde reichen die Vorwürfe von Ghostwriting bis zur Zusammenarbeit mit Nationalisten.

Das kannten die Spanier bislang nur vom Fußball: Es gibt ein Hin- und ein Rückspiel. Nun gab es eine Hin- und eine Rückrunde bei der großen Fernsehdebatte der Spitzenkandidaten vor den Parlamentswahlen am kommenden Sonntag. Und das an zwei aufeinanderfolgenden Tagen: Am Montagabend wurde der sozialistische Premierminister Pedro Sánchez vom konservativen Spitzenmann Pablo Casado, dem Chef der rechtsliberalen Bürgerpartei (Ciudadanos), Albert Rivera, sowie dem neomarxistischen Hochschullehrer Pablo Iglesias, der an der Spitze des linksalternativen Bündnisses Unidas Podemos steht, kräftig unter Beschuss genommen. Gastgeber war der staatliche Fernsehkanal RTVE. Am Dienstagabend traf sich die Männerrunde in derselben Besetzung in einem Studio der privaten Senderkette Atresmedia.

In der Hinrunde waren die Kandidaten fast durchgehend bestrebt, sich als besonnen und staatsmännisch zu präsentieren. In der Rückrunde gingen sie umso temperamentvoller zur Sache, schreckten auch nicht vor persönlichen Angriffen am Rande der Beleidigung zurück. Die beiden Moderatoren ließen sie gewähren. Hatten am Montag die drei Vertreter der Opposition den Premier mehrmals arg in Bedrängnis gebracht, so lautete am Dienstag das Motto: "Jeder gegen jeden!"

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Der Graben zwischen dem linken und dem rechten Lager ist tief. Doch am Dienstag versetzte man sich auch innerhalb der beiden Lager heftige Schläge. Etwa 40 Prozent der Spanier waren vor den beiden Debatten noch unentschieden, es gab also Einiges zu gewinnen.

Die Sozialisten von Sánchez könnten nur mit Podemos koalieren. Deren Kandidat Iglesias möchte nicht einfach Juniorpartner von Sánchez sein, doch genau darauf laufen die Umfragen hinaus: Die traditionsreiche Sozialistische Arbeiterpartei (PSOE) kann demnach mit etwa 30 Prozent der Stimmen rechnen, Podemos nur mit halb so vielen. Hingegen ist im rechten Lager längst noch nicht ausgemacht, wer am Schluss vorn liegt. Fest steht nur, dass die Konservative Volkspartei (PP) und Ciudadanos aufeinander angewiesen sind: In den Umfragen kommt die PP auf 20 Prozent, Ciudadanos auf etwa 17.

Heftig gestritten wurde über den Umgang mit den katalanischen Separatisten. Casado und Rivera warfen dem Premier Verrat an der Nation vor, da er mit diesen verhandelt habe. Sánchez wies dies entschieden zurück: "Falsch ist falsch." Er habe den Separatisten klar signalisiert, dass Madrid kein Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens erlauben werde, da dies die Verfassung verbiete: "Nein ist nein!" Nur kurz streiften die Kontrahenten die Kontroverse um Migranten aus Afrika, das Thema ist aus den Schlagzeilen verschwunden.

Die zweite Debatte fand am Fest des Heiligen Jordis (Diada de Sant Jordi) statt. Eine katalanische Tradition dieses Feiertags, auf den der Welttag des Buches fällt, ist das Verschenken von Büchern. Rivera und Sánchez nutzten die Tradition für gegenseitige Provokationen. Der Liberale erklärte dem sichtlich verdutzten Sozialisten: "Ich habe ein Buch für Sie, das Sie noch nicht gelesen haben. Es handelt sich um Ihre Dissertation!" Das saß: Seit Monaten steht Sánchez' Dissertation in Volkswirtschaftslehre in der Kritik: Bei etwa einem Fünftel der Stellen soll es sich nach einer Fachanalyse um Plagiate handeln. Überdies hat die Opposition auch die Version verbreitet, Sánchez habe einen Ghostwriter schreiben lassen - genau darauf bezog sich Rivera.

Der Premier offerierte ihm im Gegenzug eine Biographie Santiago Abascals, des Anführers der neuen nationalistischen Gruppierung Vox. Er spielte damit darauf an, dass die Ciudadanos mit der PP in der Region Andalusien ein Minderheitskabinett gebildet haben, das durch Vox geduldet wird. Dasselbe Szenario ist nun auch in Madrid möglich, die Wahlen gehen nach den Prognosen knapp aus, sowohl eine Rechts- als auch eine Linkskoalition liegen im Bereich des Möglichen.

Abascal hatte ursprünglich an der zweiten Debatte teilnehmen sollen. Doch dies hatte die Wahlkommission am Vortag mit der Begründung untersagt, dass Vox bislang nicht im nationalen Parlament vertreten sei. Abascal trat stattdessen am Dienstag vor fast 5000 begeisterten Anhängern in der Madrider Stierkampfarena auf. Er nannte die Teilnehmer der Fernsehdebatten die "vier apokalyptischen Reiter", die gemeinsam das Königreich Spanien ruinierten. Ihre Namen seien: Verrat, Enttäuschung, Marketing und Hass. Doch gebe es eine Alternative für alle, die Spanien wieder groß machen wollten: Vox.

Nach den beiden Debatten fragten die großen Medien, die im Liveticker berichtet hatten, wer denn der Sieger sei. Am Montag lag der adrette Ciudadanos-Chef Rivera fast überall vorn und Iglesias, der Neomarxist mit dem Pferdeschwanz, fast überall hinten. Eine Expertenrunde aus Soziologen, Psychologen und Werbefachleuten, die für die Tageszeitung El País die Debatte analysierte, kam zum gegenteiligen Ergebnis: Iglesias habe dank seines Witzes und seiner Schlagfertigkeit klar den Sieg davongetragen, Rivera in seiner hektischen Art aber eher unreif gewirkt. Ein Votum darüber, ob beide Debatten die Meinung nachhaltig beeinflusst haben, steht noch aus.

Anm. d. Red.: In einer früheren Version dieses Artikels wurde der Heilige Georg als Patron der Buchkunst bezeichnet. Tatsächlich ist er ein Schutzpatron der Katalanen, auf dessen Feiertag der Welttag des Buches fällt.

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