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Spanien:Risikogebiet Klassenzimmer

Students wearing face masks to prevent the spread of coronavirus disinfect their hands before entering their school in Barcelona, Spain, Monday, Sept. 14, 2020.

Schülern werden die Hände desinfiziert, bevor sie das Schulgebäude betreten. Hier eine Szene aus Barcelona.

(Foto: Emilio Morenatti/AP)

In Spanien kehren die Schüler nach sechs Monaten Pause in die Lehranstalten zurück. Der Start des Schuljahres kommt angesichts steigender Infektionszahlen zum ungünstigen Zeitpunkt - und könnte fatale Folgen haben.

Von Karin Janker, Madrid

Es sollte ein Zeichen sein, das Sicherheit vermittelt in unsicheren Zeiten, doch hinterher war die Verunsicherung umso größer: Kurz vor dem Schulbeginn ließ die Stadt Madrid mehr als 66 000 Lehrerinnen und Lehrer zum Corona-Test antreten. Und da standen sie dann, stundenlang in Schlangen, Abstandhalten unmöglich, die Teststationen völlig überfordert vom Andrang. "Den ganzen Sommer über war ich vorsichtig - dafür?", fragte eine Lehrerin in eine Fernsehkamera.

Die Sorge ist groß in diesen Tagen, in denen in Spanien die Schulen wieder öffnen. Wie jedes Jahr beginnen die Jahrgangsstufen zeitversetzt: erst die unteren Klassen, diese Woche die Oberstufe. Sonst aber ist nichts wie jedes Jahr. Sechs Monate lang waren die meisten Schulen geschlossen, seit dem 11. März. Schüler, Eltern und Lehrer richteten sich auf Online-Unterricht ein.

Jetzt dominiert der politische Wille, zum Normalbetrieb zurückzukehren. "Präsenz in den Klassenräumen ist Pflicht", mahnt Bildungsministerin Isabel Celaá. Ohnehin, versichert die sozialistische Ministerin, sei die Schule "der sicherste Ort". Kinder nicht zur Schule zu schicken, und sei es aus Sorge um sie oder andere Familienmitglieder, sei eine Verletzung der elterlichen Fürsorgepflicht und könne juristische Konsequenzen haben, droht Celaá.

Bereits im Juni verkündeten fast alle autonomen Regionen, dass das Schuljahr in diesem Herbst im Präsenzbetrieb starten solle. Sie gingen offenbar von einem wesentlich milderen Verlauf der Pandemie aus. So zumindest ließe sich erklären, dass Alternativszenarien nicht über die Phase des Entwurfs hinauskamen und auch, dass zwar neue Lehrkräfte eingestellt wurden, aber immer noch zu wenige, um den Unterricht in den nun vielerorts halbierten Klassen zu bewerkstelligen; es fehlen Zehntausende. Viele Schulen haben den Unterricht in Schichten geteilt und bestellen die Schüler etwa im wöchentlichen Wechsel ein.

11,8 Prozent der Corona-Tests sind in Spanien positiv, in Madrid sogar jeder fünfte

Masken sind für Schüler ab dem sechsten Lebensjahr verpflichtend, ebenso wie das Messen der Körpertemperatur jeden Morgen vor Unterrichtsbeginn. Vorschulkinder bekommen eingezäunte Bereiche zum Spielen zugewiesen, Toben ist verboten. Und dennoch: Es sei sehr wahrscheinlich, dass sich im Laufe des Schuljahres "praktisch alle Kinder auf die eine oder andere Weise mit dem Coronavirus anstecken", wie die konservative Präsidentin der Region Madrid, Isabel Díaz Ayuso, in einem Radiointerview wissen ließ. Ihre vermeintlich vertrauensbildende Maßnahme löste einen Aufschrei unter Eltern aus und Ayuso ruderte zurück: "Wir schicken die Kinder doch nicht in Risikogebiete."

Falls Spaniens Schulen jedoch tatsächlich so etwas wie Risikogebiete werden sollten, tragen dafür die Behörden der autonomen Regionen die Verantwortung, sagt Francisco García, Generalsekretär der Lehrergewerkschaft FECCOO. García kritisiert, dass die Politik an dem Vorhaben festhalte, mitten in der Pandemie ohne Weiteres zur Schule zurückzukehren. Man habe nicht genug dafür getan, dass die Schule für die Schülerinnen und Schüler sicher sei, sagt García der Süddeutschen Zeitung.

Und das Problem betrifft nicht nur die Schulen selbst: Noch lässt sich schwer abschätzen, wie sehr sich die Lage weiter zuspitzen wird. Spanien ist schon jetzt das am stärksten betroffene Land Westeuropas, die Zahl der täglichen Neuinfektionen steigt seit Wochen. Die Öffnung der Schulen könnte zur Eskalation beitragen - neben den Tatsachen, dass die Nachverfolgung von Infektionen wegen Personalmangels nicht gewährleistet ist und nach wie vor zu wenig getestet wird.

Dass die derzeit bis zu 100 000 Corona-Tests pro Tag noch nicht ausreichen, legt die Positivrate nahe: Laut Gesundheitsministerium wird aktuell bei 11,8 Prozent aller Getesteten das Virus nachgewiesen, in der besonders betroffenen Hauptstadt Madrid sogar bei 20 Prozent. Ist der Anteil positiver Testergebnisse größer als fünf Prozent, deutet dies laut WHO darauf hin, dass viele Infektionen unentdeckt bleiben.

Angesichts dieser Zahlen kommt der Schulstart für Spanien epidemiologisch zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Enrique Roca, Vorsitzender des Nationalen Schulrates, bezweifelt, dass unter diesen Umständen der Schulbetrieb lange aufrechtzuerhalten sei. Bereits nach wenigen Schultagen gab es an vielen Schulen erste Corona-Fälle, mussten Klassen unter Quarantäne gestellt und doch wieder online unterrichtet werden. Auch die Töchter des Königspaares, Kronprinzessin Leonor und Infantin Sofía, sind seit Freitag in Quarantäne, weil sich eine Mitschülerin mit dem Sars-CoV-2-Virus infiziert hatte.

Die Anzeichen, dass Spanien bereits mittendrin ist in der zweiten Welle, mehren sich. Dennoch sind die Todeszahlen längst nicht so hoch wie im April. Experten vermuten, das liege daran, dass das Virus den Sommer über vor allem unter Jüngeren grassierte, die seltener schwere Verläufe haben. In den Schulen jedoch mischen sich die Generationen nun wieder; zumal in diesen Tagen das älteste Lehrerkollegium der vergangenen zehn Jahre seinen Dienst aufnimmt, wie die Zeitung La Vanguardia berichtet. Mehr als ein Drittel der Lehrer an öffentlichen Schulen sind älter als 50 Jahre, viele also selbst Teil der Risikogruppe.

© SZ vom 15.09.2020/bepe
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