Solidarität:Sich impfen zu lassen reicht nicht

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Solidarität: "Wählt Solidarität". Wahlaufruf auf einer Straßenbahn in Warschau im Jahr 1989. Die Gewerkschaftsbewegung von Lech Walensa hatte maßgeblich zum Sturz der Kommunisten beigetragen.

"Wählt Solidarität". Wahlaufruf auf einer Straßenbahn in Warschau im Jahr 1989. Die Gewerkschaftsbewegung von Lech Walensa hatte maßgeblich zum Sturz der Kommunisten beigetragen.

(Foto: Druszcz Wojteic/AFP)

Von der Arbeiterbewegung bis zur Corona-Pandemie: Dietmar Süß und Cornelius Torp haben ein lesenswertes Buch über die Geschichte der Solidarität geschrieben - mit wertvollen Hinweisen zur Gegenwart.

Von Dominik Fürst

Als Angela Merkel kürzlich ein letztes Mal als Bundeskanzlerin verschärfte Maßnahmen im Kampf gegen die Corona-Pandemie verkündete, sprach sie von einem "Akt der nationalen Solidarität", der jetzt nötig sei, um die Zahl der Neuinfektionen zu senken und die Krankenhäuser zu entlasten. Was Sie damit meinte, hatte sie schon an anderer Stelle, direkt an die Bevölkerung gewandt, ausgesprochen: "Lassen Sie sich impfen. Jede Impfung hilft. Eine möglichst hohe Impfquote hilft uns allen im Land, die Pandemie hinter uns zu lassen." Der neue Bundeskanzler Olaf Scholz richtete sich mit ähnlichen Appellen an die Bürgerinnen und Bürger.

Darin zeigt sich ein bemerkenswerter Begriffswandel, denn zur Solidarität musste nicht immer von oben aufgerufen werden. In der Regel lief es genau andersherum. So zeigen es die Geschichtsprofessoren Dietmar Süß und Cornelius Torp in ihrer Studie "Solidarität. Vom 19. Jahrhundert bis zur Corona-Krise", die das Buch zur Impfpflicht-Debatte sein könnte, wenn sie nicht ein paar Wochen zu früh erschienen wäre und das Thema deshalb nur indirekt aufgreift. Lesenswert ist sie dennoch, weil sie die möglichen Grenzen einer "nationalen Solidaritätsanstrengung" aufzeigt.

Am Anfang war die Gewerkschaft

Solidarität bedeutete ursprünglich zunächst einmal Kampf. Süß und Torp erzählen entlang der Geschichte der Arbeiter- und der Frauenbewegung, dass - wenn von Solidarität gesprochen wurde - es darum ging, "die Verhältnisse zu verändern und basale Rechte zu erstreiten". Vieles spreche dafür, in der Solidarität "die entscheidende soziale 'Ressource'" zu sehen, auf der die Organisationsmacht etwa der Gewerkschaften aufbauen konnte.

Ein Paradebeispiel in dem Zusammenhang stellt der Haymarket Riot von 1886 dar, als knapp 100 000 Arbeiter in Chicago für den Achtstundentag streikten. Drei Jahre später beschloss die Zweite Internationale, von da an jährlich am 1. Mai in allen Ländern und Städten gleichzeitig für dieses Ziel zu demonstrieren. "Es zeigt das lokale und nationale Grenzen sprengende Potenzial der Idee der Arbeitersolidarität, dass ihr schon in einem frühen Stadium eine transnationale Dimension eingeschrieben war", schreiben die Autoren. Der Erfolg der Bewegung ist hinlänglich bekannt, noch heute ist der 1. Mai in vielen Ländern gesetzlicher Feiertag.

Solidarität bedeutete immer eine wechselseitige Beziehung: Ich helfe dir, weil ich erwarten kann, dass du mir unter umgekehrten Voraussetzungen auch helfen würdest. Das unterscheide sie von Altruismus oder allgemeiner Menschenliebe, schreiben die Autoren. "Solidarität - das bedeutete nicht etwa eine mildtätige Gabe, sondern einen Anspruch aufgrund geteilter Werte und des in der Vergangenheit erbrachten Dienstes für die gemeinsame Sache."

Solidarität: Dietmar Süß, Cornelius Torp: Solidarität. Vom 19. Jahrhundert bis zur Corona-Krise. Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2021. 216 Seiten, 20 Euro

Dietmar Süß, Cornelius Torp: Solidarität. Vom 19. Jahrhundert bis zur Corona-Krise. Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2021. 216 Seiten, 20 Euro

Im Terror des NS-Regimes führte dieses Prinzip etwa in den Konzentrationslagern dazu, dass die inhaftierten Sozialdemokraten und Kommunisten in erster Linie für "ihre Leute" sorgten - es blieb ihnen im Angesicht der faschistischen Gewalt wohl auch nichts anderes übrig. "Wie an keinem anderen Ort offenbaren die Erfahrungen der Häftlingsgesellschaft all die Widersprüche, die sich mit der Solidarität als sozialer Praxis und einer besonderen Form sozialen Handelns verbanden."

Nach 1945 wandelte sich der Begriff

Torp und Süß zeigen, wie sich der Begriff der Solidarität nach dem Zweiten Weltkrieg wandelte: Als er 1959 im Godesberger Programm der SPD auftauchte, wurde er schon universell interpretiert und bedeutete nun "eher Schutz der Schwächeren" statt "Kampf der Gleichberechtigten". Mit der Bedeutung des Begriffs änderten sich schließlich die Formen solidarischen Protests: Der Früchteboykott gegen das Apartheidregime in Südafrika zeigte, wie der Kampf für Gerechtigkeit auf eine individuelle Konsumentscheidung an der Supermarktkasse heruntergebrochen werden konnte. Solidarität sei "zunehmend mit der Geschichte des Konsums verbunden" und habe "insofern einen Prozess der Vermarktlichung erfahren", schreiben die Autoren.

Mit ihrem Buch bieten sie den Lesern nicht nur einen gelungenen historischen Überblick, sondern geben ihnen Definitionen an die Hand, mit denen sich leere Worthülsen von aufrichtiger Solidarität unterscheiden lassen. Das ist aufschlussreich gerade im Kontext der Corona-Pandemie. Auf individueller Ebene ist Solidarität demnach als Handlungsmotiv erkennbar, "wenn eine egoistische Verfolgung des Eigeninteresses ein anderes Handeln nahegelegt hätte." So betrachtet erscheint es fraglich, ob die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, schon ein Zeichen von Solidarität darstellt - wo doch bereits das egoistische Eigeninteresse dafür spricht. Für den Umkehrschluss spricht schon mehr: Sich nicht impfen zu lassen, ist unsolidarisch.

Süß und Torp zeigen aber auch, dass Solidarität in der Pandemie da an Grenzen stoßen muss, wo sie sich bloß auf eine soziale Gruppe bezieht und eine andere ausschließt. Im globalen Kampf gegen ein Virus kann diese Strategie nicht funktionieren. "Ohne solidarisches Handeln im Sinne einer Versorgung auch der ärmsten Länder mit Impfstoff wird sie in Gestalt der einen oder anderen Mutation auch die reichsten Regionen der Erde immer wieder heimsuchen." Derzeit sind in ganz Afrika weniger als zehn Prozent der Menschen geimpft. Vielleicht ist es wieder einmal an der Zeit, den Solidaritätsbegriff zu erweitern.

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