Serie "Deutscher Herbst":Keine Plattenspieler mehr

Stuttgart Stammheim Kopie

Noch bis zum Tag der Schleyer-Entführung genießen im siebten Stock in Stuttgart-Stammheim die prominenten RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe zahlreiche Privilegien - von Fernseher bis mehrstündige Zusammenkünfte. Danach isoliert das BKA die Gefängnisinsassen fast vollkommen von der Außenwelt.

(Foto: imago)

Heute vor 40 Jahren: Nach Schleyers Entführung verschärft Stuttgart-Stammheim seine Haftbedingungen. Eine Katastrophe bahnt sich im Gefängnis an. In seinem Buch "Der Baader Meinhof Komplex" schreibt Stefan Aust später: Der Staat könnte davon gewusst haben.

Von Robert Probst

SZ-Serie "Deutscher Herbst"

Vor 40 Jahren stand die Bundesrepublik vor ihrer bislang größten Herausforderung. Die Rote Armee Fraktion (RAF), die im April 1977 Generalbundesanwalt Siegfried Buback und im Juli den Bankier Jürgen Ponto ermordet hatte, entführte den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Ziel war es, die RAF-Anführer und andere Kampfgenossen aus den Gefängnissen freizupressen. Die SZ dokumentiert die dramatischen Tage der Schleyer-Entführung vom 5. September bis zum 19. Oktober, für die sich der Begriff "Deutscher Herbst" eingeprägt hat. Hinzu kommen politische Einschätzungen von damals und heute sowie neue Erkenntnisse der Zeitgeschichte. Die bisher erschienenen Folgen im Überblick.

Tag 28: Sonntag, 2. Oktober. Isolation der RAF-Gefangenen

Das Gesetz zur Isolation der RAF-Gefangenen tritt um 0.00 Uhr in Kraft, Minuten später stellt Justizminister Hans-Jochen Vogel die Kontaktsperre für 72 Häftlinge fest - sie soll zunächst für 30 Tage gelten. Die in der Praxis seit vier Wochen bestehende Unterbindung jeglicher Kommunikation von Gefangenen untereinander und mit ihren Anwälten wird somit nachträglich legalisiert.

Am Vormittag übermittelt das BKA den Entführern eine weitere Botschaft: Man sei bereit, mit weiteren Zielländern zu verhandeln, notwendig sei dazu aber ein neuer Lebensbeweis des entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Auf diverse Vorhaltungen der Terroristen lautet die lapidare Antwort: "Verzögerungen im Nachrichtenaustausch haben bisher nur die Entführer bewirkt."

Der Polizei gelingt die Festnahme des RAF-Mitglieds Volker Speitel. Der hatte in Dänemark eine Veranstaltung gegen das Kontaktsperregesetz vorbereitet und war dann mit dem Zug zurück nach Deutschland gefahren. Speitel war Kurier zwischen den Stammheimer Gefangenen und den im Untergrund lebenden Terroristen. Er hatte auch die Gerichtsakten präpariert, mit denen Waffen ins Gefängnis geschmuggelt wurden. Seine Befragung beginnt nach amtlichen Angaben erst nach dem Selbstmord in Stammheim, seine Frau Angelika gehört zu den Schleyer-Entführern. Volker Speitel wird im Dezember 1977 zu drei Jahren und zwei Monaten Haft wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung verurteilt.

Tag 29: Montag, 3. Oktober. "Schleichende Gleichgültigkeit"

Die Entführung von Hanns Martin Schleyer geht in ihre fünfte Woche. Im Leitartikel der Süddeutschen Zeitung macht sich Robert Leicht Gedanken, wie die lange Dauer des Falls am politischen System zehrt und wie sich das Verhalten der Öffentlichkeit verändert hat: "Manchmal hat man den Eindruck, als würde die Tatsache, daß nach wie vor ein Menschenleben unmittelbar auf dem Spiel steht, von allerlei anderen Dingen in den Hintergrund gedrängt, sei es von spekulativer Polemik, von schleichender Gleichgültigkeit oder - beklemmender Beweis für den kollektiven Verdrängungszwang des Menschen - von makaber-dummen Witzen, die inzwischen an jenen Stammtischen kursieren, an denen zuvor die Todesstrafe das Hauptthema war."

Der Spiegel startet eine fünfteilige Serie mit dem Versuch, das viel diskutierte Phänomen der RAF-Sympathisanten zu untersuchen (Titel: "Mord beginnt beim bösen Wort"). Herausgeber Rudolf Augstein schreibt mit Blick auf das Kontaktsperregesetz: "Mitnichten sind unsere Terroristen erfolglos. Daß sie keine neue Ordnung stiften können, weil sie keine vor Augen haben, ist klar. Aber die gewordene Gesellschaft, das Gewordene schlechthin im Kern zu treffen, dazu reicht ihre terroristische Energie aus. (. . .) Der Rechtsstaat ist nicht mehr tabu. Er steht zur Disposition der Terroristen. (. . .) Der Tugend-Terror lebt, wenn nicht zuallererst, so doch auch von Sympathisanten. Aber jede neue Drehung gegen den Rechtsstaat macht Sympathisanten zu Tätern, nach der Devise: Wer nicht schießt, muss erschossen werden."

Tag 30: Dienstag, 4. Oktober. Der Mythos von der "Isolationsfolter"

Das Bundesverfassungsgericht lehnt die Beschwerde mehrerer Anwälte und RAF-Häftlinge gegen die Kontaktsperre ab, die seit dem 6. September praktiziert wird. Die Richter führen unter anderem aus: "Der Senat verkennt dabei nicht, daß die beanstandete Unterbindung von Kontakten zwischen Verteidigern und ihren inhaftierten Mandanten auch solche Anwälte treffen kann, die bisher keinen Anlaß zu der Annahme gegeben haben, sie könnten bewußt oder unbewußt zur Unterstützung terroristischer Gewalttäter oder zur Förderung von Terrorakten beitragen. Diese generalisierende Wirkung des einstweiligen Besuchsverbots ist indessen, will man nicht seine Effizienz überhaupt in Frage stellen, nicht zu umgehen."

Seit Jahren war die Behauptung von der "Isolations- und Vernichtungsfolter" das propagandistische Hauptinstrument der RAF, der ihr immer wieder neue Sympathisanten für den Kampf gegen einen "faschistischen Staat" bescherte. Im Nachhinein wurde dies als Mythos entlarvt, wenngleich diverse Gefangenen in der Tat unter "verschärfter" und "strenger" Einzelhaft gelitten haben und andere nicht vor der Selbsttötung durch Hungerstreik - als Protest gegen die angeblich Isolation - zurückschreckten.

"Deutscher Herbst"

Quellen und Literatur zur SZ-Serie über den RAF-Terrorismus 1977. Zur Übersicht

Im siebten Stock in Stuttgart-Stammheim ging es dagegen oft eher fidel zu. Dort genossen die prominenten RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe zahlreiche Privilegien - Fernseher, Plattenspieler, enorme Büchersammlungen und tägliche, mehrstündige Zusammenkünfte (Umschluss).

Am Abend der Schleyer-Entführung endeten die Privilegien, Fernsehapparate und Radios werden entfernt; Post, Zeitungen und gemeinsame Treffen sind fortan verboten. Dennoch können die drei zu lebenslanger Haft Verurteilten und Irmgard Möller weiter miteinander kommunizieren, vor allem mit lautem Rufen durch die Luftschlitze der Zellentüren oder über die Fenster.

Als dies bemerkt wird, werden in der Nacht Schaumstoffmatten vor die Luftschlitze gestellt. Offenbar gab es auch die Möglichkeit, durch die Manipulation von zwei stromführenden Leitungen im Zellentrakt und den Umbau von Plattenspielern zu Sende- und Empfangsgeräten eine geheime Sprechanlage zu betreiben. Zu diesem Ergebnis kam jedenfalls später ein Untersuchungsausschuss des Stuttgarter Landtags. Für die Einrichtung einer solchen Wechselsprechanlage hätten sogar "Schulbuchkenntnisse" ausgereicht. Einige Sachbuchautoren jedoch zweifeln die Geschichte mit der Sprechanlage an.

Der Autor Stefan Aust (Der Baader Meinhof Komplex) weist zudem stets auf starke Indizien hin, die RAF-Häftlinge in Stammheim seien abgehört worden, durch Wanzen oder eben die Sprechanlage, die Raspe gebastelt haben soll. Träfe dies zu, hätten die Selbstmorde in Stammheim unter den Augen des Staates stattgefunden. Einen Beweis dafür gibt es aber nicht. Was in der Welt so passiert, erfährt Raspe durch ein kleines, eingeschmuggeltes Transistorradio, das bei diversen Zellendurchsuchungen nicht entdeckt wird.

Die Serie erschien in einer ersten Version 2007 - und wurde für die Neuveröffentlichung leicht überarbeitet und erweitert. Die Rechtschreibung in Zitaten entspricht der Schreibweise der damaligen Zeit.

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