Serie "Deutscher Herbst":Die Methoden von BKA-Chef Herold

52844401

Das Konzept von BKA-Chef Horst Herold: "Den Gegner zwingen, selbst Spuren zu produzieren."

(Foto: imago stock&people)

Um das Versteck der Schleyer-Entführer aufzuspüren, entwickelt Herold eine revolutionäre Methode: die computer-basierte Rasterfahndung.

Von Robert Probst

SZ-Serie "Deutscher Herbst"

Vor 40 Jahren stand die Bundesrepublik vor ihrer bislang größten Herausforderung. Die Rote Armee Fraktion (RAF), die im April 1977 Generalbundesanwalt Siegfried Buback und im Juli den Bankier Jürgen Ponto ermordet hatte, entführte den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Ziel war es, die RAF-Anführer und andere Kampfgenossen aus den Gefängnissen freizupressen. Die SZ dokumentiert die dramatischen Tage der Schleyer-Entführung vom 5. September bis zum 19. Oktober, für die sich der Begriff "Deutscher Herbst" eingeprägt hat. Hinzu kommen politische Einschätzungen von damals und heute sowie neue Erkenntnisse der Zeitgeschichte. Die bisher erschienenen Folgen im Überblick.

Tag 26: Freitag, 30. September. Baader-Anwalt in Paris verhaftet

Das BKA teilt den Entführern mit, dass Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski von seinen Verhandlungen in Vietnam zurückgekehrt sei: "Die Regierung der Volksrepublik Vietnam lehnt die Aufnahme der Gefangenen ab. Auch Algerien hat nunmehr erklärt, daß es nicht zum Aufnahmeland von Terroristen werden wolle." Wischnewski war die vergangenen 16 Tage fast ununterbrochen unterwegs, um mit den Regierungen der von Andreas Baader genannten Zielländer Kontakt aufzunehmen. Obwohl einige Staaten durchaus Sympathie für die RAF hegen, gelingt es "Ben Wisch", von allen die erwünschte Absage zu erhalten.

In Paris wird der seit Juli untergetauchte Stuttgarter Rechtsanwalt Klaus Croissant verhaftet. Der ehemalige Wahlverteidiger von Andreas Baader ist dringend verdächtig, die RAF unterstützt zu haben. Über seine Kanzlei liefen, so die Vermutung (die erst später bewiesen werden konnte) die Kassiber der Stammheimer Gefangenen (und der Waffenschmuggel, von dem niemand ahnte) in die Haftanstalt. Croissant verstand sich als aktivistischer Anwalt und war Gründer des "Internationalen Komitee zur Verteidigung politischer Gefangener in Westeuropa". Er war vom Baader-Meinhof-Prozess ausgeschlossen und später verhaftet und angeklagt worden. Jedoch kam er wieder frei und setzte sich nach Frankreich ab, wo er politisches Asyl zu erhalten hoffte. Nach seiner Festnahme wird Croissant im November nach Deutschland ausgeliefert und im Februar 1979 zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Tag 27: Samstag, 1.Oktober. Die Fahndungsmethode des Horst Herold

Die Entführer beschweren sich, dass das Bundeskriminalamt (BKA) die Fahndung nicht eingestellt habe. Sie stellen fest, "dass das BKA offensichtlich auch in Kürze die gestellten Forderungen nicht erfüllen will und dass auf dieser Basis keine Verhandlungen mehr geführt werden können. Solange auf diese Forderungen nicht eingegangen wird, wird das Kommando auch kein neues Lebenszeichen von Herrn Schleyer geben." Es ist die 21. Nachricht der RAF seit dem 5. September.

Trotz dieser Warnungen läuft seit fast vier Wochen die größte Polizeiaktion in der Nachkriegsgeschichte. Bereits am 6. September hatte Innenminister Werner Maihofer alle Polizeikräfte des Bundes der Zentralen Einsatzleitung unterstellt und die Länder gebeten, für ihre Polizei und Verfassungsschutzorgane Anweisungen entgegenzunehmen. "Allmächtiger" Einsatzleiter ist BKA-Präsident Horst Herold, 53. Der damalige Regierungssprecher Klaus Bölling beschrieb ihn einmal so: "Herold war schon in der ersten Stunde im Unterschied zu anderen absolut unaufgeregt. Man konnte, wenn man ihm zuhörte, den Eindruck gewinnen, daß er auf eine solche Tat geradezu gewartet hatte. Und er schien mir eine Art Genugtuung darüber zu empfinden, daß das Ereignis ausbrach." Der CSU-Landesgruppenchef Friedrich Zimmermann bezeichnete ihn im Nachhinein als "brillanten Mann" und einen im positiven Sinne "Besessenen".

"Deutscher Herbst"

Quellen und Literatur zur SZ-Serie über den RAF-Terrorismus 1977. Zur Übersicht

Herolds Konzept lautet seit langem: "Den Gegner zwingen, selbst Spuren zu produzieren." Zu diesem Zweck hatte er seit Mitte der siebziger Jahre mit großer Energie das BKA zu einer Zentrale für Terrorbekämpfung ausgebaut und die Rasterfahndung erfunden. Dabei werden personenbezogene Daten aus verschiedenen Registern nach bestimmten Merkmalen abgeglichen, um so Verhaltensweisen von im Untergrund lebenden Terroristen auf die Spur zu kommen. Verdächtig ist etwa, wer Miete und Strom bar bezahlt.

Herolds Hauptwaffen sind die Häftlingsüberwachung (HÜ), die Beobachtende Fahndung (BEFA) und die Computerdatei PIOS (Personen, Institutionen, Objekte, Sachen). Der nimmermüde Analyst und Tüftler setzt darauf, die Entführer möglichst lange hinzuhalten. Jeder Zeitgewinn würde die Chancen erhöhen, das Versteck Schleyers zu finden. Die Bundesregierung folgt dieser Strategie. Während der sechs Wochen werden 35 000 Spuren durch PIOS geschleust - der entscheidende Hinweis auf das Schleyer-Versteck in Erftstadt-Liblar jedoch nicht.

Datenschutzrechtliche Bedenken macht in dieser Zeit kaum jemand geltend. Erst später wurde "Kommissar Computer" zum Sinnbild des Überwachungsstaats. Einige behaupteten gar, der BKA-Chef habe während der Schleyer-Entführung als "Oberkanzler" agiert und Kanzler Helmut Schmidt als Marionette geführt. Der Herold-Biograph Dieter Schenk weist dies zurück und bilanziert: "Herold war neben Schmidt die überragende Figur im Schleyer-Fall, seine kriminalistischen Entscheidungen halten jeder Überprüfung stand." In seinen Erinnerungen schreibt Herold von einer "fast lebenslangen Bedrückung, Schleyer nicht befreit zu haben".

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB