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Sebastian Kurz:ÖVP profitiert bislang nicht von Kurz' Beliebtheit

Die demonstrativ eigenständige Außenpolitik von Sebastian Kurz birgt Risiken. Einerseits verstärkt er Erosionstendenzen innerhalb der EU. Auf der anderen Seite geht es auch um das Eigenverständnis Österreichs. Das Land im Herzen des Kontinents ist seit jeher ein Scharnier zwischen Nord und Süd, zwischen West und Ost. Dass sich die Österreicher doch eher als Westeuropäer sehen, zeigt ein Blick in die Geschichte: Der Erste Weltkrieg war für Wien vor allem ein Krieg gegen das Slawentum. Und noch vor wenigen Jahren war ein Wahlkampfschlager der deutschtümelnden FPÖ die Angst vor Kriminellen und billigen Arbeitskräften aus den östlichen Nachbarstaaten.

Doch wegen der Flüchtlingskrise vollzieht Sebastian Kurz die Volte: Der Außenminister schickt sich an, Österreich auf den Weg nach Osteuropa zu bringen. Auf die Unterstützung der EU-feindlichen FPÖ kann er sich verlassen.

Kurz' höflich geschniegeltes Auftreten, sein Alter von 30 Jahren, und auch seine politischen Aussagen kommen bei den Österreichern gut an. Kurz ist populärer als Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) und rangiert in Umfragen noch deutlicher vor FPÖ-Chef Strache. Allerdings gibt es eine massive Diskrepanz von Parteien und Frontleuten: Die ÖVP profitiert bislang nicht von Kurz' Beliebtheit. Sie dümpelt derzeit rund 15 Prozentpunkte hinter der FPÖ. Popularität einzelner Personen ist flüchtig, eine einzelne Affäre kann alles jäh zunichte machen.

Ein weiterer Aspekt in dem Interview ist interessant, denn es enthält eine offene Flanke von Kurz. Beim Gesprächseinstieg wird er auf die Grenzöffnung im Herbst 2015 angesprochen. Kurz will Merkel dafür nicht kritisieren, überhaupt: "Der Blick in die Vergangenheit und die Suche nach Schuldigen nützt ja nichts", sagt Kurz nicht ohne Eigensinn. Schließlich war es seine Regierung in Wien, die damals die Deutschen um Hilfe angerufen hat. Kurz, damals auch schon Außenminister, werkelte an jenem turbulenten 4. September 2015 an der Grenzöffnung mit, die er nun verdammt. Sein Beitrag: Gemeinsam mit seinem deutschen Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier formulierte er einen Text, mit dem die Aufnahme der Flüchtlinge aus Ungarn offiziell bekannt gegeben wurde, schreibt die Zeit.

Der junge Polit-Star betreibt seinen Kurs also durchaus auch mit persönlichem Risiko. Kurz und seine ÖVP hoffen offensichtlich, dass die Popularität des Ministers doch noch auf seine Partei übergeht. Doch der Trend geht eher in Richtung Stagnation. Bleibt es bei den aktuellen politischen Kräfteverhältnissen in Österreich, könnte Kurz nicht als jüngster Regierungschef Österreichs in die Geschichte eingehen. Sondern als das Polittalent, das sein Land vom Westen entfremdet und Strache das Kanzleramt beschert hat.