Schweizer Volksabstimmung:"Wer will, kriegt einen Job"

"Gut 70 Prozent der tausend Beschäftigten sind frontalieri, Grenzgänger", gibt Tarchini zu. Doch er schränkt ein: "Mit Tessinern allein könnten wir nie alle Jobs besetzen." Der Unternehmer hatte sich gehörig Ärger mit seiner Bemerkung eingehandelt, dass die Tessiner nur "nicht flexibel genug" seien, um sich auf dem Arbeitsmarkt durchzusetzen. "Wer will, kriegt einen Job", bekräftigt er auch nun wieder. Eine Gruppe von Aktivisten hatte ihm daraufhin den Ordner mit den abgelehnten Bewerbungen überreicht, den er nun widerwillig von sich schiebt.

Einer der Urheber dieser Aktion war Lorenzo Quadri. Der jungenhaft wirkende 39-Jährige mit dem blonden Pferdeschwanz vertritt die populistische Lega dei Ticinesi im Parlament in Bern. Im Hauptberuf gibt er die Sonntagszeitung Mattino della domenica heraus, ein buntes Kampfblatt. Am Sonntag vor der Abstimmung hatte er Mel Gibson als schottischen Freiheitshelden Braveheart auf den Titel gehoben, unter der Überschrift "Lotta all' ultimo voto" - Kampf bis zur letzten Stimme.

"Die Lega weist in Bern seit Jahren darauf hin, dass sich hier ein Problem zusammenbraut", sagt er. "Aber man hat uns immer damit abgespeist, dass es statistisch gesehen nicht so schlimm ist." Das Votum gegen die Zuwanderung sieht er denn auch als einen letzten, verzweifelten Hilfeschrei an die Bundesregierung. Von der Gleichgültigkeit hat seine vor 23 Jahren gegründete Partei freilich auch politisch profitiert: Die Lega ist aus dem politischen Leben nicht mehr wegzudenken. Im vergangenen Jahr eroberte sie sogar das Amt des Bürgermeisters von Lugano.

In seinem Kampf gegen die Einwanderung hatten Quadri und die Lega einen unerwarteten Verbündeten gefunden: Die Verdi, der Tessiner Ableger der Schweizerischen Grünen, schlossen sich dem Vorhaben an. Deren Vorsitzender, Sergio Savoia, sprach unverhohlen davon, dass der Kanton von italienischen Firmen, die sich nun ebenfalls in großer Zahl im Tessin niederlassen, buchstäblich "kolonisiert" werde.

Auch andere Bemerkungen klingen nicht so, wie man sie von einem grünen Spitzenpolitiker erwartet. "Die Personenfreizügigkeit", sagt er, "bereitet eine Katastrophe für eine ganze Generation vor. Ich will nicht, dass unsere Kinder das Tessin verlassen und jenseits des Gotthard Arbeit suchen müssen, weil sie daheim keine finden." Seinen Parteifreunden in Bern, Zürich und Genf bereitete der ehemalige populäre Radiomann mit diesen Äußerungen keine Freude. Aber auch sie ließen die Tessiner Parteigliederung gewähren. Die Annahme der Initiative durch die Wähler ist für Savoia freilich ohnehin nur so viel wie ein Pflaster auf einer schwärenden Wunde.

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