Ausländer in der Schweiz "Und dann kam die Wut in mir hoch"

Plakate zur Volksabstimmung: Masseneinwanderung ja oder nein? Nein, mit Konsequenzen?

Vom Gefühl der Unerwünschtheit: Nach der Abstimmung sind in der Schweiz lebende Zuwanderer schockiert und verletzt. Sie verstehen einerseits die politische Idee hinter der Volksabstimmung. Viel wichtiger ist aber ihre Frage: Sind wir hier noch willkommen?

Protokolle: Karolina Skrobol

Deutsche, Italiener und Franzosen, die in der Schweiz leben, haben das Referendum zur Massenzuwanderung hautnah miterlebt, mit Kollegen und Freunden gesprochen, vor Wut und Entsetzen sind sie direkt auf die Straße gegangen. Für sie kann sich die Situation nur verschlechtern, denn Fremdenfeindlichkeit kannten sie bisher nicht. Sollte es Konsequenzen geben, ist die EU gefragt, die Zuwanderer hoffen auf Unterstützung. Fünf Protokolle von Ausländern, die in der Schweiz leben.

Mathias Möller, 37, Onlineredakteur aus Friesland

Von Friesland in die Schweizer Metropole - das war für mich keine große Umstellung. Seit über fünf Jahren lebe ich schon hier. Von Fremdenfeindlichkeit keine Spur. Ich wollte meiner Partnerin näher sein, deswegen habe ich mich für Zürich entschieden. Als ich von dem Ergebnis gestern hörte, konnte ich es im ersten Moment gar nicht glauben. Es war klar, dass es knapp wird, das haben die Medien vorher schon immer wieder berichtet. Nach dem ersten Schock kam die Wut in mir hoch: Am Abend ging ich auf die Straße mit bis zu 700 anderen Menschen, die genauso wütend über das Ergebnis waren. Eine Spontandemonstration. Einen Tag danach bleibt nur noch Enttäuschung, gleichzeitig bekommt man von vielen Schweizer Kollegen hier das Gefühl, willkommen zu sein. Fast 50 Prozent sind eben auch anderer Meinung. Politisch ist das eher harmlos. Was soll schon passieren? Es wird langwierige Verhandlungen geben, ändern wird sich nichts. Die Schweizer werden jetzt vom Ausland eine Weile als latent ausländerfeindlich wahrgenommen. Dies wird sich aber hoffentlich bald wieder legen.

Luca Gerosa, 31, Doktorand (Molekularbiologie an der ETH in Zürich), aus Italien

Ich lebe seit sechs Jahren in der Schweiz. Zuerst bin ich nach Zürich gekommen, um Molekularbiologie zu studieren. Nun arbeite ich an meiner Doktorarbeit. Die Schweizer sind für meinen Geschmack ein wenig unterkühlt, aber immer fair gewesen. Ausländer werden hier gut behandelt. Die Möglichkeiten und beruflichen Perspektiven sind super. Einzig die Sprachbarriere scheint ein Problem, weniger Diskriminierung in irgendeiner Form. Rein rational gesehen ist die gestrige Abstimmung schlicht eine politische Entscheidung mit wirtschaftlichen Konsequenzen. Emotional betrachtet aber sieht es ganz anders aus: Ich komme hierher um zu arbeiten, zu leben, meine Fähigkeiten einzusetzen. Es entwickelt sich eine Verbindung zur neuen Heimat. Das ist nun vorbei. Das ist ein Test für die EU. Ich hoffe, dass die EU ihre Bürger beschützt. Bei meinen Freunden in den sozialen Netzwerken gibt es zwei Lager: Die einen reagieren sehr heftig, die anderen gar nicht. Ich gehöre zur ersten Gruppe.

Michel Toubé, 37, Projektleiter aus Frankreich

Die Schweiz ist seit drei Jahren meine neue Heimat. Ich bin ein Weltenbummler, ich habe vorher in Deutschland gelebt. Ursprünglich komme ich aus Paris. Die Schweiz hat mir beruflich mehr Perspektiven und Chancen geboten als zuvor Deutschland. Ich bin zwar Ausländer, trotzdem habe ich mich in der Schweiz nie fremd gefühlt. Aber das liegt wohl eher an meinem Charakter, ich fühle mich selten als Außenseiter in einem neuen Land. Gestern durfte ich zwar nicht abstimmen, aber die Reaktionen bekomme ich hier von allen Seiten mit. Einerseits kann ich die Schweiz verstehen: Sie will ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und sich nicht von der EU bevormunden lassen. Andererseits wird das Ganze auch wirtschaftliche Konsequenzen haben. Jeder weiß doch, dass die Schweiz von Experten - die eben auch einwandern - abhängig ist. Es wird sicher noch einige Debatten dazu geben.

Sergio G. , 27, Ingenieur aus Italien

Seit März 2013 lebe ich in der Schweiz - und das sehr gerne! Ich bin Italiener und nach Zürich gezogen, weil ich mir sicher war: Beruflich habe ich hier die besseren Chancen. Ich spreche neben meiner Muttersprache auch Englisch, Französisch und aktuell lerne ich sogar Deutsch. Ich bringe viel Potenzial mit und habe gehofft, dass die Schweiz das auch ausschöpfen möchte. Als Ingenieur kann man hier auf einem ganz anderen Level arbeiten, wenn man sich die Universitäten, Forschungszentren, die ganze Technologie mal ansieht. Mein Freundeskreis - darunter Schweizer, aber auch Einwanderer anderer Nationalitäten - sieht das ähnlich. Das gestrige Votum sehe ich als Maßnahme, die Massenimmigration einzuschränken, ich verstehe sie nicht als Abstimmung gegen Ausländer. Wie es weitergeht, muss sich jetzt in der Diskussion mit Brüssel zeigen. Es kann schon sein, dass es in naher Zukunft nicht mehr so einfach sein wird, in die Schweiz zu ziehen. Wenn man nicht genau weiß, wie lange man hier bleiben kann, wird sich das eine Familie schon zweimal überlegen, umzuziehen. Für die Schweiz ist es natürlich auch nicht gerade positiv, wenn in der Zukunft Menschen mit sehr guten Qualifikationen nicht mehr hierher dürfen, obwohl sie dem Land sehr viel geben könnten.

Irmgard Thiel, 49, Mitarbeiterin im Sekretariat am Deutschen Seminar der Universität Zürich

Die Liebe hat mich in die Schweiz geholt. Aus Stuttgart bin ich weggezogen, weil ich nicht mehr in einer Fernbeziehung leben wollte. Von Fremdenfeindlichkeit habe ich hier nie etwas gespürt. Aber das gestrige Votum finde ich unmöglich. Die Schweiz kann sich doch nicht einfach die Rosinen rauspicken. Wir Nicht-Schweizer kommen zum Arbeiten und zum Leben her - anders funktioniert das eben nicht. "Man hat Arbeitskräfte gerufen und es kommen Menschen," sagte einst Max Frisch. Und genau das scheint die Schweizer nun zu erstaunen. Dass da Menschen gekommen sind, die nicht nur arbeiten. Politisch wird das nun natürlich schwieriger. Alles muss neu ausgehandelt werden. Die Schweiz hat in der EU nun ein ganz anderes Standing. Die Schweizer wollen wohl nicht sehen, dass sie an dem Ast sägen, auf dem sie eigentlich sitzen. Ich hoffe sehr auf die EU. Sie soll Rückgrat zeigen und nicht unbedingt nach wirtschaftlichen Interessen entscheiden. Wenn ich mich mit meinen deutschen Freunden hier unterhalte, dann ist das Unbehagen und die Unsicherheit groß.