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Schweizer Initiative Ecopop:Bäume statt Kinder

A Swiss aircraft is pictured at Cointrin airport on the border with France and Switzerland in Ferney Voltaire near Geneva

Ecopop will weniger Zuwanderung in der Schweiz. Dabei werden rechtsextreme und ökologische Argumente vermischt.

(Foto: REUTERS)

"Birkenstock-Rassisten" - in der Schweiz droht die nächste Abstimmung. Und bei "Ecopop" geht es gleich ums Ganze: Wie viele Menschen verträgt die Welt? Rechtsextreme und ökologische Argumente werden verquickt.

Die Musikanlage spielt ein Schweizer Kinderlied, es handelt vom Winter und vom Schnee. Armin steht mitten in seinen Duplo-Steinen und tanzt, den Text kann er auswendig. Dann streckt er seine Hand aus: "Komm, wir spielen." Dass er den Besuch vor zwei Minuten das erste Mal gesehen hat, ist egal. Voller Vertrauen reicht er seinen Lieblings-Laster rüber, streicht sich die langen blonden Haare aus dem Gesicht. Zwei Sekunden später tanzt er wieder leise summend durchs Wohnzimmer.

Wäre es besser gewesen, wenn Armin im Frühjahr 2012 nicht auf die Welt gekommen wäre? Absurd. Doch in der Welt von Armins Vater Benno Büeler müsste dieser Gedanke eigentlich naheliegen.

Seit vier Jahren engagiert sich Büeler in einem Verein namens "Ecopop" - der Name leitet sich von den französischen Begriffen "Ecologie" und "Population" ab. Er fußt auf dieser Gleichung: Je weniger Menschen auf der Erde leben, desto besser. Für die Umwelt. Und für die Menschen, die nun mal doch auf der Erde leben.

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Umweltschutz als Heimatschutz. Wie radikal ist die Schweizer Initiative "Ecopop"?

Zu viel Migration belastet die Natur der Schweiz zunehmend. Das behauptet zumindest die Initiative "Ecopop", über die an diesem Wochenende die Eidgenossen per Volksabstimmung abstimmen. Wird hier Umweltschutz missbraucht, um gegen Zuwanderung vorzugehen?   Diskutieren Sie mit uns.

Gigantischer ökologischer Fußabdruck

Auch der herzige Armin stößt schließlich CO₂ aus. Er isst, trinkt, benötigt Windeln, Handtücher, Jeans und Ski-Hosen. Wenn er groß ist, will er womöglich nach Thailand fliegen, Auto fahren, ein Smartphone besitzen. Er wird in eine eigene Wohnung ziehen, die nach Schweizer Standard mindestens 45 Quadratmeter misst, er wird sie einrichten, heizen, und wenn es sozusagen ganz schlimm kommt: eines Tages eine Familie gründen.

Das ist ein gigantischer ökologischer Fußabdruck, sagen Menschen, denen die Umwelt am Herzen liegt. Armins Vater Benno Büeler ist so ein Mensch.

Als der Club of Rome im Jahr 1972 seine Studie "Die Grenzen des Wachstums" herausbringt, ist Benno Büeler elf Jahre alt. Der vernünftige Umgang mit der Natur wird sein Lebensthema. Später tritt er der Grünen Partei bei, verteilt Flugblätter, fliegt nicht mit dem Flugzeug, fährt nicht Auto. Ein grüner Idealist, wie es in den Achtzigerjahren so viele gibt.

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Dieser Text ist lediglich ein Auszug. Lesen Sie die gesamte Reportage in der Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 14. November und in der digitalen Ausgabe für Tablet, Smartphone und Windows 8.

Büeler nimmt einen kleinen Schluck von einem außerordentlich guten Espresso. Nachdenklich schaut er in den verregneten Garten, der sich hinter den großen Fensterscheiben auftut: "Ich war naiv. Ich dachte, wir sind doch alle vernunftbegabte Menschen. Wir müssen nicht immer mehr konsumieren."

Er will nicht länger naiv sein. Der Bart, mit dem er noch vor ein paar Monaten in der Zeitung abgebildet war, ist ab. Büeler ist jetzt ein prominenter Mann, der zur besten Sendezeit im Fernsehen auftritt. Mit stechendem Blick wirbt er für einen neuen Verfassungsartikel, der die Schweiz radikal verändern würde. Nur noch 0,2 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung des Landes sollen jedes Jahr zuwandern dürfen, das sind etwa 16 000 Menschen.

Umfragen sprechen von 35 bis 53 Prozent Zustimmung für diese hoch verführerische Initiative

Außerdem soll die Schweiz zehn Prozent ihrer Entwicklungshilfe, etwa 150 Millionen Franken pro Jahr, in Familienplanungsprogramme investieren. Am 30. November wird über die Initiative mit dem Namen "Stopp der Überbevölkerung" abgestimmt. Eine zubetonierte Schweiz, in der nicht acht, sondern zwölf Millionen Menschen dicht gedrängt leben - diese Horrorvision hält Ecopop den Bürgern vor. Umfragen zufolge können sich zwischen 35 bis 53 Prozent der Schweizer vorstellen, mit "Ja" zu stimmen.

Alle Parteien - von den Grünen bis zur rechtspopulistischen Schweizerischen Volkspartei SVP - lehnen die Initiative ab, Arbeitgeber, Wissenschaftler, Gewerkschaften, Entwicklungshelfer: sie alle machen sich für ein "Nein" zu Ecopop stark.

Anders als bei der Masseneinwanderungsinitiative im Februar, als sich kaum jemand vorstellen konnte, dass tatsächlich eine Mehrheit für die Abschottung der Schweiz stimmen könnte, will sich dieses Mal hinterher keiner vorwerfen lassen, nichts getan zu haben. Jeder, der Zug fährt, fernsieht oder einen Briefkasten besitzt, hat inzwischen die Botschaft vernommen: Mit der Annahme von Ecopop wären die Verträge zwischen der Schweiz und der Europäischen Union (EU), die auf einer Freizügigkeit der Personen basieren, Geschichte.

Unternehmen, die ausländische Arbeitnehmer einstellen wollen, könnten das oft nicht mehr. Universitäten müssten vielleicht auf den Harvard-Professor verzichten, Banken auf den CEO aus London, das Berg-Restaurant auf die Kellnerin aus Brandenburg. Von Flüchtlingen ganz zu schweigen. Selbst Ecopop-Leute geben zu: Ökonomisch gesehen könnte die Zuwanderungsbeschränkung Nachteile bringen.

"Mister Ecopop" - Kaum einer wirkt so überzeugend

Dem lustigen kleinen Herrn mit der Brille, der an einem Mittwoch Ende Oktober durch die Mehrzweckhalle des Örtchens Eiken im Kanton Aargau stolziert, kann man nicht vorwerfen, nichts von Ökonomie zu verstehen. Hans Geiger ist 71 Jahre alt, vor seiner Pensionierung war er Wirtschaftsprofessor an der Universität Zürich und Generaldirektor der Großbank Credit Suisse. "Mister Ecopop" wird er in den Schweizer Medien genannt. Kaum einem gelingt es, so überzeugend für die Initiative zu trommeln wie Hans Geiger.

An diesem Abend will er die Delegierten der rechtskonservativen SVP des Kanton Aargau überzeugen. Er ist seit 1979 Partei-Mitglied. Trotzdem ist es keine leichte Aufgabe: Die Parteiführung der SVP ist gegen Ecopop. "Ich habe keine Zweifel, dass diese Leute hier am 30. November Ja ankreuzen", sagt Geiger gerade so laut, dass man es trotz Blaskapelle verstehen kann. Diese Leute, das sind die Ortsvorsteher und lokalen Abgeordneten der SVP. Parteikader. Einige Nationalräte sind aus Bern angereist. Wagen sie es, an diesem Abend, offen gegen ihre eigene Führung zu stimmen?

Verquickung rechtsextremer und ökologischer Argumente

Geiger schaut durch die Reihen. Es gibt Kuchen, Rauchwürste und Bier. Der Frauenanteil liegt bei maximal zehn Prozent. Auf der Bühne sitzt ein Stofftier namens Willy, das Maskottchen der Partei. Ein Wachhund, hieß es vor einigen Wochen, als Willy vorgestellt wurde, der die Freiheit der Schweiz schützen solle. Wenn er sie bedroht sieht, beispielsweise durch die EU oder zu viele Ausländer, schlägt Willy - eine Kurzform von Wilhelm Tell - sofort an. Geiger grinst. Er hat ein gutes Gefühl.

Dass zwei Männer, die so unterschiedlich sind wie Benno Büeler und Hans Geiger öffentlich für die selbe Sache kämpfen, ist bemerkenswert. Geiger ist vermutlich als Banker öfter in der Businessclass um die Welt geflogen, als Büeler in seiner Küche in Winterthur vegetarischen Couscous zubereiten konnte. Büeler hält ein Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent für "nicht nachhaltig" und findet es "im höchsten Maße egoistisch", armen Ländern ihre gut ausgebildete Mittelschicht, ihre Ärzte, abzuwerben. Hans Geiger findet schlicht, dass es jetzt mal gut ist mit der Zuwanderung in die Schweiz. Die wirtschaftlichen Nachteile einer Beschränkung würden durch ein Plus an Lebensqualität mehr als aufgewogen. Wenn Geiger von Ökologie spricht, sagt er: "Lebensraum".

Auf dem SVP-Parteitag in Eiken lässt sich alles auf diese Formel bringen: Je weniger Ausländer, desto besser.

Als Hans Geiger ans Mikrofon tritt, wird es still im Saal. Der Professor aus Zürich ist berühmt. Es sei ganz einfach, sagt Geiger, Ecopop könne endlich etwas bewirken. Alles andere, zum Beispiel die Masseneinwanderungsinitiative, war nicht konkret genug und ließ "denen in Bern" zu viele Schlupflöcher.

Balthasar Glättli kennt diese Argumentation. Der Grünen-Politiker ist einer der prominentesten Gegner der Initiative. Im August, als Ecopop noch ein fast unbekannter Verein war, veröffentlichte er das Buch "Die unheimlichen Ökologen". Es warnt vor der Verquickung rechtsextremer und ökologischer Argumente. Eine Streitschrift voll beunruhigender historischer Beispiele, mit der der junge Politiker durchs Land zieht. Er diskutiert mit Grünen, Braunen und Populisten. "Von Öko-Konservativen bis zu Fremdenhassern ist bei den Unterstützern von Ecopop alles dabei", sagt Glättli. "Das Verführerische an dieser Initiative ist, dass sie reale Probleme anspricht", glaubt er. Und dann sage die Initiative: "Schuld an all dem ist nicht unsere Art zu wirtschaften. Es sind nicht unsere Häuser, die freie Flächen zersiedeln, nicht unsere Autos, die die Natur kaputt machen. Es sind die anderen. Wenn sie nicht wären, wäre alles gut."

Die Botschaft von Ecopop verfängt

Wer ehrlich ist, weiß, dass es eben nicht Kinder in der Sub-Sahara sind, die zum Schutz der Umwelt gar nicht geboren werden dürften. Sondern dass es genau unsere Häuser und unsere Autos und all die anderen Annehmlichkeiten der Industrieländer sind, die für den Großteil des weltweiten CO₂-Ausstoßes verantwortlich sind.

Die Botschaft von Ecopop verfängt trotzdem. Bei Umweltschützern wie Büeler, bei Rechtspopulisten wie Geiger. Bei denen, die sich persönlich von Ausländern übervorteilt fühlen. Es sind prominente Namen dabei: der Christdemokrat und frühere Direktor des WWF Schweiz, Philippe Roch. Alt-Nationalräte. Professoren. Männer aus der oberen Mitte der Gesellschaft. Viele von ihnen sind empört, dass sie sich nun "Birkenstock-Rassisten" nennen lassen müssen, dass in der ganzen Schweiz Nein-zu-Ecopop-Plakate kleben - mit einem Sackgassen-Schild als Kopf.

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Analyse
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Wie viel Schweizer sind genug? Die radikale Öko-Bewegung "Ecopop" will die Einwanderung auf ein Minimum drosseln. Am Wochenende stimmen die Eidgenossen über eine Initiative ab, die ausgesprochen böse Züge annimmt.   Von Thomas Steinfeld

Im Einfamilienhaus von Benno Büeler steht im Regal das Buch vom Rössli Hü, das jedes Kind in der Schweiz kennt. In einem seiner Talk-Show-Auftritte stellt Büeler einem jungen Publikum die Frage: "Wie wollt ihr leben? Welche Schweiz wollt ihr einmal haben, wenn wir tot sind?"

Die Antwort auf diese Frage ist immer die gleiche. Im Wohnzimmer von Benno Büeler. Bei den Rauchwürsten der SVP. Sie ist einfach und gerade deshalb so verführerisch: Wir wollen die Schweiz, die wir schon kennen. Alles andere ist uns egal.