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Schweiz:Abrüstung im Waffenland

Swiss flags are pictured on the rifle of a participant to the Fribourg County 300m riffle final at the shooting range in Romont

Feuer frei: In Fribourg nimmt ein Schweizer an einem Schützenwettbewerb teil.

(Foto: Denis Balibouse/Reuters)

Das eigene Gewehr im Schrank gehört zum Selbstverständnis der Schweizer. Doch wenn sie weiter offene Grenzen wollen, müssen sie ihr Waffenrecht verschärfen. Darüber stimmt das Land am Sonntag ab.

Das Mädchen liegt auf dem Bauch, Gehörschutz auf den Ohren, Ellbogen angewinkelt, Stiefelspitzen in die Matte gedrückt. Das Sturmgewehr vor ihr ruht auf einer Stütze. Es knallt, der Oberkörper zuckt kurz. Dann knallt es nochmal. Insgesamt 18 Schüsse gibt die 15-Jährige ab: Einzelfeuer, Kurzfeuer, Schnellfeuer. So sind die Regeln beim Feldschießen. An die 130 000 Teilnehmer machen jedes Jahr mit bei diesem schweizerischen Großereignis im Frühsommer, messen sich in ihren Schützenvereinen am Gewehr oder an der Pistole, am Ende wird landesweit verglichen.

Ein milder Mittwochabend im Mai am Rand von Schaffhausen. Die Rapsfelder leuchten, die Straßen winden sich sanft durch die Hügel. Ein paar Vögel sind zu hören, und dazwischen immer wieder: Schüsse. Beim Schießverein Buchthalen kann man heute Abend schon mal vorschießen, das eigentliche Feldschießen findet erst zehn Tage später statt. Im holzverkleideten Schützenhaus herrscht ein Kommen und Gehen, die 18 Schuss sind schnell abgefeuert, rasch kommen die Nächsten dran.

Rechts warten ein paar Jungs, nicht älter als 13, auf ihren Einsatz, sie kichern und fluchen, dank Gehörschutz ist alles einen Tick zu laut. Der Jungschützenleiter rügt sie mit einem scharfen Blick, er kniet noch neben dem 15-jährigen Mädchen, gibt leise Tipps. Am anderen Ende des Schießstands holt ein älterer Mann das Magazin aus seinem Sturmgewehr. Er hat seine 18 Schuss gerade abgegeben und macht sich, Gewehr über der Schulter, auf den Weg in die Schützenstube nebenan. Er sei 66, sagt er noch, und schieße seit 52 Jahren.

Viele Schweizer fühlen sich fremdbestimmt von der EU

Glaubt man den vielen Männern und wenigen Frauen an diesem Abend im Schützenhaus, könnte es so etwas wie das Feldschießen bald nicht mehr geben. Am Wochenende gehen die Schweizer wieder an die Urne, es ist der zweite von vier Abstimmungssonntagen im Jahr. Diesmal sollen die Stimmberechtigten über ein neues Waffenrecht befinden. Oder, wie es einige der Buchthaler Schützen formulieren: über die Entwaffnung der Schweiz.

2,3 Millionen

Schusswaffen in Privatbesitz soll es laut einer Schätzung des Genfer Forschungsprojekts "Small Arms Survey" in der Schweiz geben. Auf mindestens jeden vierten Schweizer kommt demnach eine Waffe. In Deutschland kommt nur auf jeden fünften Einwohner eine Waffe. Die Forscher schätzen die Schusswaffenzahl hierzulande auf knapp 16 Millionen. Den Spitzenplatz nehmen die USA ein, wo es mehr private Schusswaffen als Einwohner gibt.

Die Eidgenossenschaft ist ein Waffenland. In ihrer jüngsten Studie schätzt die Genfer Organisation Small Arms Survey die Zahl von Schusswaffen in Privatbesitz auf etwa 2,3 Millionen. Bei knapp 8,5 Millionen Einwohnern kommt also auf jeden vierten Schweizer eine Waffe - eine Dichte, mit der das Land auf Platz 16 weltweit rangiert. Laut einer Studie von 2007 sind in fast 29 Prozent der Schweizer Haushalte Schusswaffen zu finden. In den USA waren es zum Erhebungszeitpunkt gar nicht so viel mehr: knapp 43 Prozent.

Die schweizerische Waffenpassion hat viel mit dem politischen Selbstverständnis des Landes zu tun. Bewaffnete Neutralität - also: sich grundsätzlich raushalten, aber im Zweifelsfall in der Lage sein, sich zu verteidigen, das ist ein wichtiger Grundsatz eidgenössischer Politik. Entsprechend legt man Wert auf die Armee, auf die Wehrpflicht für alle männlichen Schweizer. Ein relativ großer Teil der Bevölkerung weiß mit Waffen umzugehen. Und: Schweizer Soldaten dürfen ihr Sturmgewehr nach dem Wehrdienst als Privatbesitz mit nach Hause nehmen.

Für alle anderen ist es dank des liberalen Waffenrechts relativ leicht, Pistolen oder Gewehre zu kaufen. Geschossen wird dann in einem der vielen Schießvereine: Mehrere Tausend gibt es in der Schweiz, mit acht Jahren kann man am Luftgewehr anfangen, mit 15 ist das Sturmgewehr dran.