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Judenretter Oskar Schindler:"Er hatte ein weiches Herz"

Mietek Pemper, Foto: Oswald

Mietek Pemper (88) hat seine Erfahrungen im KZ Plaszow in dem Buch "Der rettende Weg. Schindlers Liste - die wahre Geschichte" aufgeschrieben.

(Foto: Bernd Oswald)

Sein Coup machte das Unternehmen "Schindlers Liste" überhaupt erst möglich: Mietek Pemper über den Einfallsreichtum Oskar Schindlers und wie die Geretteten selbst zu Rettern wurden. Ein Interview.

Augsburg, im April: Obwohl er bereits 88 Jahre alt ist und seine Stimmbänder angeschlagen sind, erklärt sich Mietek Pemper zum Interview mit der SZ bereit. Auch mit mehr als sechs Jahrzehnten Abstand fällt es ihm schwer, über die Geschehnisse im Konzentrationslager Plaszow zu sprechen, in dem er als Stenograph des sadistischen Kommandanten Amon Göth zu dienen hatte. Sein Leben verdankt Pemper zum einen Oskar Schindler, zum anderen seinem eigenen Einfallsreichtum. Er spricht in den höchsten Tönen von dem deutschen Bonvivant, der am 28. April 2008 seinen 100. Geburtstag hätte. (Update: Pemper starb 2011.)

SZ.de: Was war Ihr erster Eindruck von Oskar Schindler? Sahen Sie in ihm einen Kriegsgewinnler, eine Nazi-Größe?

Mietek Pemper: Itzhak Stern, sein Buchhalter in der Emailwarenfabrik, lag mit mir auf einer Pritsche. Er erzählte mir, Schindler sei ein besonderer Deutscher, der seine jüdischen Arbeiter retten wolle. Mit ihm könne man offen über alles reden. Dann sah ich Schindler das erste Mal persönlich: ein großgewachsener Mann mit goldenem NSDAP-Abzeichen am Revers. Ich fragte mich: Wie lässt sich das mit der positiven Beurteilung durch Ithzak Stern vereinbaren?

SZ.de: Warum fasste Oskar Schindler den Entschluss, so viele Juden wie möglich zu retten?

Pemper: Bei Schindler gab es einen Prozess des moralischen Wandels. Er war anfangs ein überzeugter Nationalsozialist, wollte ein großes starkes Deutschland mit Österreich und 1938/39 einem Teil der Sudetengebiete. Er kam nicht als Retter nach Krakau - Schindler wollte dort gutes Geschäft machen. Im Laufe der Zeit, als er sah, wie die Juden behandelt wurden, haben ihm die Leute leidgetan. Er hatte ein weiches Herz. Eine Rolle hat auch die Tatsache gespielt, dass er im Sudetenland jüdische Klassenkameraden hatte, im Haus des Rabbiners von Zwittau verkehrte und so Freundschaften geschlossen hatte.

SZ.de: Wie kam es dann zu der großen Rettungsaktion?

Pemper: In der Korrespondenz, die über den Schreibtisch von Amon Göth (Kommandant des Arbeits- bzw. Konzentrationslagers Krakau-Plaszow) ging, las ich in der zweiten Hälfte 1943 Folgendes: Sollte die Lage an der Ostfront erfordern, dass man die Lagerinsassen verlegen muss, dann sollen nur diejenigen jüdischen Arbeitskräfte Richtung Westen verlegt werden, die bei "siegentscheidenden" Produktionen eingesetzt sind. Das wäre einem Todesurteil für das Lager Plaszow gleichgekommen, weil wir zu 80 Prozent Textilwaren, vor allem Uniformen, fertigten.

SZ.de: Was hieß "siegentscheidend"?

Pemper: "Siegentscheidend" konnte nur die Rüstungsproduktion sein. Ich deutete das auch ganz vorsichtig Oskar Schindler an. Er hatte eine legere Art und sprach vertrauensselig mit vielen Leuten. Ich fürchtete, dass er mich ungewollt "verpfeifen" könnte - und versuchte also, im Gespräch mit ihm mit einem Minimum an Informationen auszukommen.

SZ.de: Wie reagierte Schindler?

Pemper: Anfangs bagatellisierte er: "Was machst du dir Sorgen? Mit den Emailwaren bin ich doch in der Metallbranche tätig." Als ich sah, dass er das nicht ernst nahm, sagte ich: "Siegentscheidend" seien Email-Töpfe bestimmt nicht. Schindler entgegnete: "Hast du diesen Begriff in den Briefen wirklich gelesen?" Ich bejahte.

SZ.de: Daraufhin stellte Schindler seine Emailwarenfabrik auf Granatenproduktion um.

Pemper: Dafür beantragte er beim SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt in Berlin 1000 jüdische Zwangsarbeiter. In der Genehmigung aus Berlin hieß es ausdrücklich, dass das nur Leute sein dürfen, die bei der "siegentscheidenden" Produktion eingesetzt sind. Da sagte Schindler zu mir: "Du hast Recht gehabt." Wenn ich dieses Wort "siegentscheidend" nicht in einem der Protokolle gefunden hätte, weiß ich nicht, wie die Sache ausgegangen wäre.

SZ.de: Im Herbst 1944 - die Rote Armee rückte immer näher - fällte Schindler die Entscheidung, seine Fabrik nach Brünnlitz in Mähren zu verlagern. Wie arrangierte er es, dass er "seine" jüdischen Arbeiter mitnehmen durfte?

Pemper: Schindler ließ wie so oft seine Kontakte spielen, die er in seiner Zeit als deutscher Spion (Anm. d. Red: bei der Spionageabwehr von Admiral Canaris) aufgebaut hatte. Er sagte der SS-Verwaltung in Berlin zum Beispiel, er könne nicht 300 x-beliebige Frauen aus Auschwitz aufnehmen. Er benötige geschultes Personal, das seine hochsensiblen Maschinen bedienen könne.

Und als der Lagerleiter von Brünnlitz - SS-Untersturmführer Leipold - fragte, warum so viele Mädchen da sind, war Schindler um eine Antwort nicht verlegen: "Ich brauche diese jungen Frauen wegen ihrer feingliedrigen Finger, damit sie meine Automaten bedienen können." Es ist unglaublich, was Schindler für Ideen hatte, um das alles zu erklären. Die jungen Frauen waren meistens Kinder von älteren männlichen Insassen. So haben "seine" Juden - teilweise mit Familie - überlebt.

SZ.de: Schindler hatte die Genehmigung für 1000 Arbeiter. Gerettet hat er fast 1200 Juden. Wie kam das?

Pemper: Ende 1944, Anfang 1945 rief jemand von der Bahnhofsverwaltung bei Brünnlitz Schindler an und fragte, ob dieser vielleicht etwa 100 Arbeiter aus Golleschau, einem Filiallager von Auschwitz, angefordert habe. Die verplompten Viehwaggons standen auf einem Nebengleis, aus dem Frachtbrief ging hervor, es seien Metallarbeiter. Da sagte Schindler geistesgegenwärtig: "Schieben Sie diese Waggons auf meine Fabrikgleise, das sind die von mir in Berlin angeforderten Rüstungsarbeiter." Dank intensiver ärztlicher Betreuung auf Schindlers Geheiß hin haben die meisten überlebt. Sie sehen: Es bedurfte sehr viel Einfallsreichtum, Phantasie, Mut und Risikobereitschaft - nicht nur von Seiten Oskar Schindlers.

SZ.de: Sie hatten die Idee, die das Lager Plaszow vor der Liquidierung bewahrt hat. Als Stenograph des KZ-Lagerkommandanten Göth aber gab es für Sie keine Aussicht, selbst auf Schindlers Liste zu kommen. Hatten Sie sich damit abgefunden, Plaszow nicht zu überleben?

Pemper: Ja. Die Entscheidung Göths, mich zu seinem Schreiber zu machen, kam einem halben Todesurteil gleich. Göth hätte mich niemals lebendig aus dem Lager ziehen lassen - aus Angst, dass ich dann erzähle, was er hier alles getrieben hat (Anm. der Red.: Göth war maßgeblich an der Liquidierung des Krakauer Ghettos beteiligt und ermordete als Lagerkommandant willkürlich Hunderte Häftlinge.) Auch Oskar Schindler hat mir das bestätigt. Erst als Göth im September 1944 von der SS verhaftet worden war, stiegen meine Überlebenschancen.

SZ.de: Wie kam es zu Schindlers Liste?

Pemper: Die gesamte Rettungsaktion wurde unter dem Namen "Schindlers Liste" bekannt. Es kann aber nicht von einer einzigen Liste die Rede sein. Es gab einige, sich aufeinander beziehende Listen. An ihrer Erstellung wirkten einige Personen mit, auch ich. Letztlich hatte Schindler die Federführung. Er gab die Generalanweisung: "Meine Leute kommen auf die Liste."

Ein Blatt von "Schindlers Liste", die 1999 als Bestandteil eines Koffers mit dem Nachlass des 1974 verstorbenen deutschen Industriellen gefunden wurde.

(Foto: Foto: dpa)

SZ.de: Bei Kriegsende haben die Arbeiter des Lagers in Brünnlitz Schindler überredet, dass er mit seiner Frau vor der Roten Armee Richtung Bayern flieht. Haben sie auf diesem Weg Schindler das Leben gerettet?

Pemper: Durch Kontakte mit tschechischen Partisanen hatten wir erfahren, dass Schindler - je nachdem, welche russische Einheit das Lager Brünnlitz befreien würde - an die Wand gestellt und als Deutscher, als Unternehmer und als hochdekoriertes NSDAP-Mitglied erschossen würde.

Das haben wir Schindler behutsam zu verstehen gegeben. Dann haben wir ihn mit einem Schreiben ausgestattet, gerichtet an die erste amerikanische Einheit, die er auf der anderen Seite treffen würde. In dem Brief stand, was er alles für uns getan hat. Einige Lagerinsassen haben sich dieser Kolonne angeschlossen, um das auch persönlich bezeugen zu können. Das war das Mindeste, was wir für ihn tun konnten.

SZ.de: Nach dem Krieg war Oskar Schindler nicht mehr viel Erfolg beschieden - weder privat noch geschäftlich. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Pemper: Oskar Schindler wuchs während der Kriegsjahre über sich hinaus, doch nach dem Krieg verglühte seine Kraft rasch. Seine Glanzjahre waren diese fünf, sechs Jahre des Krieges. Weder vor 1939 noch nach 1945 vollbrachte Schindler etwas Besonderes. Er war ein außergewöhnlicher Mann, aber nur für außergewöhnliche Zeiten.

Erst nach dem Krieg haben wir erfahren, dass die Rettungsaktion Schindlers eine Ausnahmeerscheinung war und dass wir besonderes Glück hatten, einen mutigen und risikobereiten Retter, eben Oskar Schindler, gefunden zu haben. Unsere Dankbarkeit stieg nach dem Krieg, weil wir erfahren haben, dass es - leider - nicht Dutzende Schindlers gegeben hat und dass unsere Überlebenschancen in einem anderen Lager, ohne Schindler, gleich null gewesen wären.

SZ.de: Deswegen halten auch die Kinder und Enkel der Schindler-Juden das Andenken an ihn aufrecht.

Pemper: Vor allem in den USA gibt es viele Straßen, die nach Schindler benannt sind, auch Schindler-Klubs und Treffen der Überlebenden und deren Kinder, die so an die Rettungsaktion Schindlers erinnern. Die lebenden Geretteten und deren Kinder und Enkel wissen, dass sie leben, weil es einen Schindler gegeben hat, der bereit war, sehr viel zu riskieren, um "seine" etwa 1200 Juden in fast aussichtsloser Lage zu retten. Sechs Millionen Juden sind grausam ermordet worden! Daran muss man denken, wenn man ermessen will, wie groß die Tat von Schindler war.

Mieczyslaw (Mietek) Pemper wurde 1920 im polnischen Krakau geboren und wuchs in einer deutsch-polnisch-jüdischen Familie auf. 1943 wurde er mit seiner Familie im KZ Plaszow interniert. KZ-Kommandant Amon Göth wählte ihn wegen seiner Sprachkenntnisse als persönlichen Schreiber aus. Es ist der einzige bekannte Fall, in dem ein jüdischer Häftling einem KZ-Kommandanten in einer solchen Funktion diente. Pemper und seine Familie standen selbt auf Schindlers Liste und überlebten den Holocaust.

Nach dem Krieg studierte Pemper in Krakau Soziologie, bis die neuen kommunistischen Machthaber dieses Fach als "bourgeois" abschafften. Bis zu seiner Übersiedlung nach Augsburg 1958 arbeitete Pemper in leitender Position im Büro für Wirtschaftsprüfung staatlicher Betriebe in Krakau. Zu Oskar Schindler hatte er bis zu dessen Tod 1974 Kontakt. Pemper wurde 2002 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet, seit 2007 ist er zudem Ehrenbürger der Stadt Augsburg.

© SZ.de/jja/odg

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