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Schießerei in Ottawa:Der Mensch ist des Menschen Wolf

War der Attentäter von Ottawa ein "Lone wolf"? Terrorexperten halten diese Einzelgänger für ein größeres Risiko als lange geplante Anschläge wie 9/11. Sie brauchen weder Telefon noch E-Mails. Das macht sie so unberechenbar.

Von Reymer Klüver

Alles deutet darauf hin, dass Michael Z.-B., der Mordschütze von Ottawa, ein Einzeltäter war. Zum Islam habe er sich hingezogen gefühlt, schreibt die angesehene kanadische Tageszeitung Globe and Mail, seit Jahren habe er bereits einen wirren Eindruck gemacht. Das macht die Sache nicht weniger beunruhigend - im Gegenteil. Kaum etwas fürchten die kanadischen, überhaupt alle westlichen Sicherheitsdienste mehr als einen Einzelgänger, der scheinbar aus dem Nichts auftaucht und schwer bewaffnet Schrecken verbreitet: den sogenannten lone wolf, den einsamen Wolf, der sein Opfer umkreist und aus dem Hinterhalt angreift.

In Kanadas Nachbarland USA haben in den letzten Monaten praktisch alle Top-Sicherheitsleute in Washington vom Justizminister über den FBI-Direktor bis hin zu den Chefs diverser Geheimdienste vor der wachsenden Gefahr von Anschlägen solcher Einzelgänger gewarnt. Sie lassen sich von den Behörden nur schwer verhindern, weil sie ihre Pläne - im Gegensatz zu größeren Anschlägen mit mehreren Beteiligten - nicht mit anderen abstimmen müssen. Es gibt also keine Telefongespräche, die man abhören, keine E-Mails, die man abfangen könnte. Und die Gefahr wächst, weil sich immer mehr junge Menschen in Amerika und Europa von der dschihadistischen Ideologie anstecken lassen.

Nur ein Attentäter mit linkem Hintergrund

Die meisten Erfahrungen mit Lone-wolf-Attacken haben die Amerikaner - und das schon lange bevor die Islamisten zum Problem wurden. In den Neunzigerjahren gab es ganze Anschlagsserien, die sich als das Werk durchgeknallter, mörderischer Einzeltäter herausstellten: das Bombenattentat von Oklahoma im April 1995, bei dem 168 Menschen starben; der Anschlag auf die Olympischen Spiele ein Jahr später in Atlanta mit zwei Toten; die Briefbombenanschläge des sogenannten Una-Bombers, denen drei Menschen zum Opfer fielen (er war als Einziger unter den damaligen lone wolves ein linker Anarchist). So sehr wurden die Einzelgänger ausschließlich mit dem rechten Terror in Verbindung gebracht, dass noch 1998 eine FBI-Aktion gegen einen der führenden US-Suprematisten nicht zufällig unter dem Code-Namen "Operation Lone Wolf" lief.

Die USA sind im Vergleich zu anderen westlichen Industriestaaten schon immer deutlich häufiger Schauplatz solcher Attacken gewesen. Nach den Anschlägen von 9/11 und dem Beginn der Kriege in Afghanistan und im Irak haben besonders die Einzelgänger-Attacken mit islamistischen Hintergrund rapide zugenommen. Schon der berüchtigte Sniper von Washington, John Allen Muhammad, der im Oktober 2002 zehn Menschen erschoss, fühlte sich nicht nur von seiner Frau und dem Rest der Welt schlecht behandelt, sondern offenkundig auch als Kämpfer der Nation of Islam. 2009 tötete Nidal Hasan, ein Major in der US-Armee, 13 Menschen in Fort Hood in Texas aus Protest gegen die Kriege in Afghanistan und im Irak. Auch das Bombenattentat auf den Boston Marathon 2013, bei dem drei Menschen starben, war das Werk islamistischer Einzelgänger, zweier Einwandererkinder aus Tschetschenien (der Prozess gegen den überlebenden der Brüder, den 19-jährigen Dzhokhar Tsarnaev, soll am 5. Januar beginnen).

Ein Großteil der lone wolves sind, so haben Experten am US Naval War College nach der Attacke von Fort Hood recherchiert, vor der Tat in eine Lebenskrise geraten, hatten Eheprobleme, den Job verloren, waren in Geldschwierigkeiten; nicht wenige wurden zumindest zeitweise psychiatrisch behandelt; sie litten an Depressionen, Schizophrenie oder bipolaren Störungen. Die Hälfte war vorbestraft. Egal mit welchem Hintergrund - alle lone wolves berufen sich zur Begründung ihrer Tat auf die Ideologie einer extremistischen Gruppierung. Zu der haben sie aber keinerlei persönlichen Kontakt, sondern planen ihre Anschläge auf eigene Faust. Nach Einschätzung der meisten Terrorexperten stellen die Attacken solcher, in so vieler Hinsicht eben unberechenbarer Täter in den USA heute ein größeres Sicherheitsrisiko dar als groß angelegte, von langer Hand geplante Anschläge wie 9/11.

Sicherheitsbehörden verhindern immer mehr Terrortaten

Tatsächlich aber haben die US-Sicherheitsbehörden in den vergangenen Jahren immer häufiger geplante Terrortaten von Einzeltätern verhindern können. In den Neunzigerjahren wurde nur ein Viertel der Anschläge abgewendet, weil sie den Behörden rechtzeitig bekannt geworden waren. Zwischen 2000 und 2010 waren es schon zwei Drittel. Seit 2010 ist die Quote in den USA noch besser: Nur elf Prozent der Attentäter konnten - wie in Boston - ihre Pläne umsetzen. Alle anderen sind vorher aufgeflogen - so wie 2009 die Bombenanschläge auf die New Yorker U-Bahn oder ein Jahr später ein Anschlag auf den Times Square.

Dennoch machen die lone wolves den US-Behörden gerade in jüngster Zeit enorme Sorgen. Ein Amerikaner aus Florida, der sich im Mai bei einem Selbstmordanschlag in Syrien in die Luft sprengte, hatte zuvor eine Videobotschaft an seine Landsleute aufgezeichnet: "Ihr wähnt euch in Sicherheit, aber wir werden euch holen. Merkt euch meine Worte." Solche Drohungen bleiben nicht ohne Wirkung. "Alle, die wir uns damit jeden Tag beschäftigen, haben die Befürchtung, dass uns einer durch die Lappen geht", sagte im Sommer der Chef des Geheimdienstausschusses im Repräsentantenhaus, Mike Rogers. Entweder werde es Europa zuerst treffen oder die USA. Nun war es Kanada.

© SZ vom 24.10.2014/mane

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