bedeckt München 18°

Schießerei in Ottawa:Der Held ist bekannt, der Täter im Dunkeln

Sergeant-at-Arms Kevin Vickers is pictured in the Senate chamber on Parliament Hill in Ottawa

Sicherheitschef Kevin Vickers auf einem Archivbild im Parlament von Ottawa

(Foto: REUTERS)

Er soll den Todesschützen von Ottawa gestoppt haben: Kevin Vickers schoss auf Michael Z.-B., als dieser in das kanadische Parlament eindrang. Vickers wird dafür gefeiert - zugleich fragen sich die Kanadier nach dem Motiv des Täters.

Von Antonie Rietzschel

Sie habe an nichts Schlimmes gedacht. "Vielleicht ein Feueralarm oder sowas", erinnert sich die Abgeordnete im Gespräch mit dem Fernsehsender CBC. Doch dann hörte sie die Schüsse. Die Regierung glaubt, dass es sich bei der Schießerei in Ottawa, bei der ein Soldat starb, um einen Akt des Terrors handelt. Im Mittelpunkt stehen nun drei Männer, deren Wege sich am 22. Oktober in der kanadischen Hauptstadt auf tragische Weise kreuzten.

Der Täter: Michael Z.-B.

Kurz nach Bekanntwerden des Namens des Todesschützen tauchen erste Informationen zu dessen Identität auf. Bisher sind es aber nur Splitter, die sich nicht zu einem Gesamtbild zusammensetzen lassen. Im Netz kursiert zum Beispiel ein Foto, das durch einen Twitteraccount an die Öffentlichkeit gelang, den angeblich die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) benutzte. Das Nutzerprofil wurde inzwischen abgeschaltet. Auf dem Bild soll Michael Z.-B. zu sehen sein. Dem Fernsehsender CBC zufolge hat die kanadische Polizei die Echtheit des Fotos bestätigt. Von wann die Aufnahme stammt, ist jedoch unklar.

Der Islamische Staat hat der New York Times zufolge Sympathisanten aufgerufen Rachemorde in den Ländern zu begehen, die sich an den Luftschlägen gegen IS beteiligen. Auch Kanada wurde explizit genannt. War die Tat des 32-Jährigen also ein solcher Terroranschlag? Diese Frage lässt sich derzeit nicht beantworten.

Der Kanadier Z.-B., der nördlich von Montreal aufwuchs, ist muslimischer Konvertit. Er nannte sich manchmal Abdul statt Michael. Der kanadischen Zeitung The Globe and Mail zufolge galt er als "Reisender mit hohem Sicherheitsrisiko". Die Behörden zogen deswegen seinen Pass ein, ähnlich wie bei einem anderen Attentäter, der am Dienstag in Kanada zwei Soldaten überfuhr und anschließend von der Polizei erschossen wurde. Der 32-jährige Z.-B. war den Behörden außerdem wegen seiner kriminellen Vergangenheit bekannt. In Montreal und Ottawa war er mehrmals wegen Drogenbesitzes festgenommen worden. Im Dezember 2011 verübte er in Vancouver einen Raubüberfall.

Einem Freund zufolge soll er anschließend längere Zeit in Libyen verbracht haben. Dave B. lernte Michael Z.-B. vor drei Jahren in einer Moschee kennen. Der kanadischen Zeitung The Globe and Mail zufolge trafen sie sich regelmäßig. Zunächst habe Michael Z.-B. nicht den Eindruck gemacht, extremistisch zu sein, wird Dave B. von der Zeitung zitiert. Aber nach und nach habe er seine andere Seite offenbart. "Wir haben uns in der Küche unterhalten. Plötzlich sagte er, der Teufel sei hinter ihm her." Er glaube Michael Z.-B. habe geistige Probleme gehabt. Das letzte Mal soll Dave B. den Todesschützen vor sechs Monaten gesehen haben. Angeblich wollte der zurück nach Libyen, um zu studieren, wie er Dave B. versicherte. Doch der Plan gelang aus bekannten Gründen nicht.

Warum Z.-B. am 22. Oktober 2014 bewaffnet zum Kriegerdenkmal in Ottawa fuhr und einen Soldaten tötete, darüber lässt sich nur spekulieren.

Das Opfer: Nathan C.

Am Mittwochmorgen hat Nathan C. eine Ehrenwache am "National War Memorial" mitten im Zentrum der kanadischen Stadt Ottawa abgehalten. Das Denkmal und die Soldaten in Uniform sind ein beliebtes Touristenziel.

Kurz vor zehn Uhr schießt Michael Z.-B., womöglich mit einem Gewehr, auf den Soldaten. Die Kugeln treffen Nathan C. in die Brust. Der 24-Jährige hat keine Chance, weil er Ehrengardist ist, ist seine Waffe nicht geladen. Er sackt zusammen (hier ein Augenzeugenbericht). Ein Krankenwagen bringt den Verletzten ins Krankenhaus. Kurz danach stirbt er an den Folgen der Schussverletzung.

C. war Reservist der kanadischen Armee. Er diente im Regiment der "The Argyll and Sutherland Highlanders". "Unsere Gedanken sind bei seiner Familie", heißt es in einem kurzen Statement der Einheit. C. war verheiratet und hatte einen Sohn. Die Polizei schirmt das Haus der Familie in Hamilton von der Presse ab (mehr dazu in einem Bericht des Fernsehsenders CBC).

Der Held: Kevin Vickers

Nach den Schüssen am Kriegerdenkmal steigt Michael Z.-B. in seinen Wagen (ein Augenzeuge hat ihn womöglich dabei gefilmt) und fährt in Richtung Parlamentsgebäude. Dort liefert er sich ein Feuergefecht mit den Sicherheitskräften. Kevin Vickers soll Berichten zufolge Z.-B. erschossen haben. Auch wenn es noch keine offizielle Bestätigung gibt, wird er schon jetzt als Held gefeiert. Er habe den Parlamentsmitgliedern und den Angestellten das Leben gerettet, twitterte der Abgeordnete Craig Scott.

Der 58-jährige Vickers ist Parlamentswächter und als solcher übernimmt er eher zeremonielle Aufgaben. Aber er ist auch für die Sicherheit der Politiker und des Personals verantwortlich. Wenn hohe Staatsoberhäupter das Parlament besuchen, ist Vickers meist nicht weit entfernt. Laut CNN ist er schon an der Seite von Angela Merkel und dem australischen Premierminister Tony Abbott gesehen worden. Vor seiner Tätigkeit im Parlament war Vickers Polizist. Seinem Bruder zufolge schoss er am Mittwoch das erste Mal im Dienst. "Wir sind froh, dass es ihm gut geht", sagte John Vickers CNN.

© Süddeutsche.de/ghe/rus

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite