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Schere zwischen Arm und Reich:Ordentlich bis recht ordentlich

Die Mehrheit der Deutschen lebt ordentlich bis recht ordentlich und fürchtet sich ausweislich der meisten Umfragen nicht sehr vor der Zukunft. Sicherlich findet man die Exzesse der Reichen ärgerlich, glaubt aber durchaus nicht, dass es mit Deutschland und den Deutschen den Bach runtergeht. Die relative Resistenz der Mittelschicht gegen Untergangsszenarien mag auch damit zu tun haben, dass man sich an solche Szenarien sowie an deren Nicht-Erfüllung gewöhnt hat. Der Atomkrieg hat nicht stattgefunden, die Wälder sind nicht gestorben, das Öl ist auch noch nicht alle, die Islamisten haben nicht einmal Berlin Neukölln übernommen, und sogar den Euro gibt es Ende 2012 noch.

Offenbar haben politisch wie ökonomisch stabile Gesellschaften die Eigenart, besonders elaborierte Untergangsvorstellungen zu entwickeln und sie mit anschwellender Intensität zu verbreiten. Es mag auch die Furcht davor sein, dass man keinen wirklichen Anlass zur Furcht haben könnte. Jedenfalls hat die Ausbreitung dessen, was schlecht ist oder schlecht werden könnte, zu Beginn des 21. Jahrhunderts wirklich professionelles Niveau erreicht.

Gerade dank des Internets, das neben vielen anderen Eigenschaften auch die einer Apokalypse-Maschine hat, ist es für den Durchschnittsmenschen heute jederzeit möglich, Analysen jeder Art abzurufen, welche die gestiegene Wahrscheinlichkeit des individuellen Unglücks sowie mannigfaltige Gründe für den politischen und/oder ökonomischen Niedergang zum Gegenstand haben.

Notabene, Journalisten beteiligen sich gern an der Suche nach Anlässen zur Furcht. Sie scheinen in dieser Funktion die katholischen Pfarrer abgelöst zu haben, die früher nie darum verlegen waren, den Menschen die Vielfalt begangener oder möglicher Sünden sowie die damit zusammenhängende Verdammnis vor Augen zu halten.

Zurück ins 20.Jahrhundert

Natürlich ist dies kein Plädoyer dafür, dass alles so bleiben soll wie es ist, weil es der Mehrheit ja einigermaßen gut geht. Das Engagement vieler ganz normaler Menschen, aber auch die Arbeit der meisten jener, die Politik machen, zielt darauf ab, die Lebensbedingungen aller zu verbessern. Und es ist politisch wie moralisch gewiss nötiger, zum Beispiel arme Kinder, deren Mütter von Hartz IV leben, zu unterstützen als etwa den Spitzensteuersatz auf relativ niedrigem Niveau zu halten. Gezielte Umverteilung ist in diesem Sinne nicht die Folge einer eindimensionalen Betrachtung der Gesellschaft, sondern ein Gebot der politischen Moral - gerade in einer Gesellschaft, in der es der Mehrheit so gut geht wie kaum jemals zuvor. (Genau das übrigens macht die stetige Erfüllung des zum Klischee erstarrten Wunsches so schwierig, dass es jeder Kinder-Generation immer besser gehen solle als der Generation ihrer Eltern.)

Wer allerdings die heutige Gesellschaft nur als Spaltprodukt der Besitzverhältnisse sieht und diese deswegen ändern will, der stürmt mit kühnem, aber verschleiertem Blick nach vorne zurück ins 20.Jahrhundert, ins Zeitalter der Ideologien.

Die Beschreibung der Gesellschaft als eines zwischen Arm und Reich zerrissenen Nicht-Gemeinwesens ist nicht hinreichend, ja sie ist angesichts der Vielfältigkeit des Lebens hierzulande sogar falsch. Es gibt so vieles, das ein anderes Bild erkennen lässt. Nur ein Beispiel: In der kommenden Dekade werden viele Menschen in Rente gehen, die als Angehörige der starken Baby-Boomer-Generation sich noch nicht zur Ruhe setzen wollen. (Die meisten von ihnen müssen keineswegs hinzuverdienen, denn entgegen aller Schwarzmalerei sind in absehbarer Zeit nur wenige von Altersarmut bedroht.) Es ist also wahrscheinlich, dass es unter den jungen Senioren viele geben wird, die sich engagieren - politisch, sozial, in bürgerschaftlicher Arbeit. Auch dies wird die Gesellschaft, ihren Zusammenhalt und ihren Geist stärken und fördern.

© SZ vom 29.12.2012/mike

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