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Sam Nunberg:Früherer Trump-Berater redet sich um Kopf und Kragen

Sam Nunberg im CNN-Interview

(Foto: CNN)

Weil Sam Nunberg für Trump Wahlkampf machte, interessiert sich Robert Mueller für ihn. Doch Nunberg will nicht mit dem Sonderermittler kooperieren - und spottet in Interviews über Trump. Im Ernstfall droht ihm Gefängnis.

Es ist eine Geschichte, die das politische Washington liebt. Konflikt, Enttäuschung, Beleidigungen, Verrat und Anschuldigungen: Alles ist drin und entsprechend viel berichten Kabel-Sender und Polit-Websites. Sam Nunberg, einst Berater von US-Präsident Donald Trump, hat öffentlich erklärt, dass er in der Russland-Untersuchung nicht mit Sonderermittler Robert Mueller zusammenarbeiten werde.

Nunberg hat von Mueller eine Anordnung erhalten, am Freitag vor einer Grand Jury zu erscheinen. Er werde dem aber nicht nachkommen und Mueller auch keine der angeforderten Dokumente übergeben. Über Mueller, der ihn schon früher interviewt hat, sagte er der Washington Post: "Dann soll er mich halt verhaften." Falls Nunberg wirklich nicht vor die Grand Jury tritt, dann könnte er tatsächlich in Haft genommen werden (dies geschah zuletzt 1996 mit Susan McDougal, einer Geschäftspartnerin von Bill Clinton).

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Dass Washington sich so obsessiv mit Nunberg beschäftigt, liegt auch daran, dass dieser seine Beweggründe und Gedanken in mindestens einem halben Dutzend Interviews erläuterte, in denen er unter anderem Trump als "Idioten" und dessen Sprecherin als "Witz" bezeichnete sowie mehrere brisante Andeutungen machte. Am Ende eines turbulenten Tages war nicht mehr klar, ob Nunberg wirklich hart bleibt oder doch zur Zusammenarbeit mit Mueller bereit ist. Dies sind die wichtigsten Aspekte einer besonders bizarren Episode des Trump-Russland-Dramas.

Das ist Sam Nunberg

Der heute 36-Jährige war seit 2012 immer wieder für Donald Trump tätig und nimmt für sich in Anspruch, den Immobilien-Unternehmer 2013 mit dem damaligen Breitbart-Chef Stephen Bannon bekannt gemacht zu haben. Nunberg unterstützt Trumps populistische Linie und ist ein Zögling von Roger Stone, der einst für Richard Nixon arbeitete. Stone bezeichnet sich gern als "Trickster", dem jedes Mittel und jede Lüge recht sei - und er ist seit Jahrzehnten mit Trump befreundet.

Als dieser 2015 seine Kampagne fürs Weiße Haus startete, wurde Nunberg politischer Berater. Im August des gleichen Jahres wurde Nunberg gefeuert, nachdem bekannt wurde, dass er sich in sozialen Medien rassistisch gegenüber schwarzen Aktivisten sowie US-Präsident Barack Obama geäußert hatte.

Trotz seines Rauswurfs sprach Nunberg weiter regelmäßig mit Trump - auch nach dem Einzug ins Weiße Haus, was ihn für Reporter interessant machte. Moderatorin Katy Tur bringt es auf den Punkt: "Sam war immer eine besondere Figur im Trump-Universum. Er ist hilfreich, aber man darf ihm nichts glauben, ohne sich durch weitere Quellen abzusichern."

Darum interessiert sich Sonderermittler Mueller für Nunberg

Die Antwort ergibt sich aus dessen Werdegang: Nunberg war jahrelang sehr nah dran an Donald Trump und kennt alle wichtigen Akteure aus dessen Wahlkampf. Neben Corey Lewandowski, Trumps erstem Wahlkampfmanager, und der gerade zurückgetretenen Hope Hicks weiß wohl niemand besser Bescheid über die ersten Wochen und Monate der Trump-Kampagne des Jahres 2015.

Das sagt er über US-Präsident Trump

Nunbergs Interview-Marathon begann mit einem Gespräch mit der Washington Post, in dem er Mueller öffentlich die Stirn bot. Er klagte darüber, dass Trump ihn "schrecklich" behandele und dass der Präsident dies bereuen werde. Zu CNN sagte er, Trump habe sich wie "ein Idiot" verhalten und so den Eindruck von Absprachen mit Russland befeuert, etwa indem er Moskaus Außenminister nach dem Rauswurf von FBI-Chef James Comey im Weißen Haus empfing. "Wer zum Teufel hat ihm geraten, die Russen ins Oval Office zu lassen?"

Vor allem jene Demokraten im Kongress, die obsessiv jede Verbindung nach Moskau prüfen, werden sich für Nunbergs Aussage zum Treffen von Trump-Sohn Donald junior, Paul Manafort und Jared Kushner mit der russischen Anwältin Natalia Weselnizkaja im Trump Tower im Juni 2016 interessieren. Nunberg ist überzeugt, dass Trump senior vorab über das Treffen informiert war.

Ebenso ernst sind Nunbergs Aussagen über den Stand der Recherchen von Sonderermittler Mueller - und seine Antwort auf die Frage von Katy Tur, ob Mueller etwas gegen Trump in der Hand habe: "Das könnte sehr gut sein." Weiter sagte er: "Die Art, wie sie nach seinen Geschäftskontakten fragen und sich erkundigen, ob ich nach meinem Rauswurf etwas gehört habe, lässt mich darüber nachdenken, ob sie nicht einen Verdacht haben." Er halte es für denkbar, dass Trump "etwas während der Wahl 2016" getan habe.

Brisant ist auch Nunbergs Aussage, dass ihm Trumps Bodyguard Keith Schiller erzählt habe, dass der aserbaidschanische Popstar Emin Ağalarov (über ihn wurde das Treffen im Trump Tower arrangiert) bei einem Besuch Trumps in Moskau im Jahr 2013 "Frauen auf Trumps Zimmer schicken" wollte. Der heutige US-Präsident, so Nunberg", sei aber "smart" genug, so etwas nicht zuzulassen.

Dass Nunberg in einem weiteren Interview Sarah Huckabee Sanders, die Sprecherin des Weißen Hauses, als "Witz", "fett" und "unattraktiv" beschimpft hat, wird Trump noch weiter verärgert haben - die Wahrscheinlichkeit eines morgendlichen Tweetstorms ist recht hoch. Maggie Haberman von der New York Times (auch sie sprach mit Nunberg) dürfte mit ihrer Prognose richtig liegen: "Trump wird vor Wut schäumen und Mueller wird sich bestärkt fühlen."

Das offenbart der Vorgang über Muellers Arbeit

Wenn man die für diese Präsidentschaft typische öffentliche Schlammschlacht beiseite lässt, dann bietet der Fall interessante Einblicke in das Vorgehen von Sonderermittler Mueller. Nunberg hat der Post die Vorladung überlassen (hier als PDF) und diese zweiseitige subpoena zeigt, wie breit ermittelt wird. So soll Nunberg "jegliche Form von Kommunikation" seit November 2015 vorlegen, die es zwischen ihm und zehn Personen gab: Neben US-Präsident Trump und Bannon stehen auf der Liste auch der angeklagte Paul Manafort sowie Hope Hicks, Corey Lewandowski und Trump-Anwalt Michael Cohen.

Als "Form von Kommunikation" gelten E-Mails, Briefe, Rechnungen, Kalender, Anruferlisten sowie "Aufzeichnungen" jeglicher Art. Nunberg, der Muellers Vorgehen als "Hexenjagd" bezeichnet, ist empört über diese Anforderung und fragt, wie er diese Unmengen an Daten herbeischaffen solle. Nunberg verrät auch, dass er es abgelehnt habe, gegen Trumps langjährigen Freund Roger Stone (dessen enge Kontakte zu Wikileaks publizierte jüngst der Atlantic) auszusagen, da dieser sein "Freund und Förderer" sei.

Und im MSNBC-Interview beschrieb Nunberg, wie umfassend die Fragen waren, die Robert Mueller und sein Team ihm während des ersten Interviews gestellt haben. "Warum hat Trump Entscheidungen in bestimmten Politik-Feldern getroffen, die seinen Geschäftsinteressen nützen könnten?" "Haben Sie Leute in Trumps Büro Russisch sprechen gehört?" "Hat Roger Stone mit Wikileaks-Gründer Julian Assange zusammengearbeitet?"

Wie gesagt: Sam Nunberg ist nicht die glaubwürdigste Quelle und außer Mueller selbst weiß niemand genau, welche Strategie dessen Team verfolgt. Doch der Eindruck verfestigt sich: Hier wird äußerst methodisch vorgegangen und kaum ein Detail aus Trumps Geschäftsleben scheint zu klein.

So könnte es nach dem Interview-Marathon weitergehen

Mehrere Reporter berichteten am Montagabend, dass Nunberg doch bereit sein könnte, vor der Grand Jury zu erscheinen. Oft wurde dieser Tag als "Nunberg meltdown" beschrieben, um zu verdeutlichen, dass sich der 36-Jährige ziemlich um Kopf und Kragen redete. Er wirkte mitunter wie im Rausch und fragte die TV-Journalisten nach Tipps, wie er sich verhalten solle. Auf CNN konfrontierte Moderatorin Erin Burnett ihn mit einem Gerücht, das viele Trump-Verbündeten streuten: Er sei entweder betrunken oder habe seine Medikamente nicht genommen.

Nunberg wies den Vorwurf zurück und beschuldigte vielmehr das Weiße Haus, ihn fertigmachen zu wollen - und gleichzeitig Trump einen schlechten Dienst zu erweisen. Wenn er dort noch etwas zu sagen hätte, so Nunberg, dann stünden Trumps Zustimmungswerte bei mehr als 50 Prozent - und nicht unter der 40-Prozent-Marke. Die Debatte unter US-Medienjournalisten, ob Kabelsender wie CNN Nunberg ausgenutzt haben und ob sie ihn nicht vor sich selbst hätten schützen müssen (Details hier), dürfte so lange weiter gehen, bis sich Nunbergs Ex-Chef äußert.

Dass der ehemalige Reality-TV-Star Donald Trump diese Auftritte unkommentiert lässt, scheint schwer vorstellbar.

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