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Saif al-Arab al-Gaddafi:Student, Rabauke, Diktatorensohn

Prügel, Spuckattacken und ein angeblicher Mordauftrag: Der nun offenbar getötete Sohn Gaddafis war in München polizeibekannt. Erstaunlicherweise konnte der libysche Diktator Sohn Saif al-Arab auf seinen Abwegen im Ausland besser schützen als daheim.

Nicolas Richter

Der Aufstand im eigenen Land hatte die Familie Gaddafi zunächst wieder vereint. Saif al-Arab, er gilt als das sechste von acht Kindern des Revolutionsführers, kehrte Anfang des Jahres nach Libyen zurück, nachdem er fünf Jahre in München gewohnt hatte.

Saif al-Arab Gaddafi Muammar Gaddafi

Aufgebrachte Anhänger Gaddafis mit einem Foto des angeblich umgekommenen Saif al-Arab

(Foto: dpa)

Das bequeme, weitgehend zwangfreie Leben in Deutschland genoss er ohne größere Hemmungen; offiziell studierte er zwar an der TU, meist aber fiel er auf, weil er in Diskotheken feierte, sich mit zweifelhafter Gesellschaft umgab und teure Autos fuhr. Zuletzt bewohnte er eine Villa in Waldperlach. Zuletzt wird es wohl auch in Tripolis nicht an Luxus gefehlt haben, die unbeschwerten Zeiten aber waren vorbei.

In einer Region, in der Macht, wenn überhaupt, an eigene Söhne weitergegeben wird, waren es Saif al-Arabs ältere Brüder, die sich mit dem Vater um die Politik kümmerten, während Saif als Student den verwöhnten Rabauken gab. Seit einigen Wochen aber musste die ganze Familie Gaddafi befürchten, vertrieben, entmachtet oder hingerichtet zu werden, die Nato flog Luftangriffe gegen die Anhänger des auch politisch völlig isolierten Regimes.

Womöglich hat sich der 29-jährige Saif al-Arab in den vergangenen Wochen nach Deutschland zurückgesehnt, wo er scheinbar viel Spaß hatte und wo sich die Sicherheitsbehörden durchaus nachsichtig zeigten mit ihm, wenn er Ärger mit der Polizei hatte, was nicht selten passierte.

Jetzt aber soll Saif al-Arab - dem Regime zufolge - ums Leben gekommen sein bei einem Luftangriff. Für Muammar al-Gaddafi, der sich Revolutionsführer nennt und einst internationalen Einfluss hatte, ist es bitter: Als seine Söhne noch um die Welt reisten, vermochte er sie besser zu schützen als jetzt, da sie ganz in seiner Nähe sind.

Wenn die jüngeren Söhne Gaddafis im Ausland waren, wuchsen sich deren Verfehlungen auch mal zu diplomatischen Katastrophen aus. Die Geduld seiner Gastgeber stellte der Staatschef selbst auf die Probe, wenn er darauf beharrte, auch in New York oder Paris sein Beduinenzelt aufzuschlagen. Als sein Sohn Motassim alias Hannibal in Genf einmal festgenommen wurde wegen Körperverletzung, forderte sein wütender Vater nichts Geringeres als die Auflösung der Schweiz.

Vom schwarzen Schaf zum Märtyrer

Nicht viel diskreter verhielt sich Saif al-Arab während seines fünfjährigen Studiums in München. In elf verschiedenen Fällen beschäftigten sich die Münchner Polizei und Justiz mit dem jungen Gaddafi. Mal prügelte er sich mit einem Türsteher, hortete mutmaßlich Waffen oder verursachte einen Verkehrsunfall. Mal kolportierten Leute aus seinem Umfeld, er habe dazu angestiftet, den verfeindeten Türsteher zu verhauen, zu verätzen, zu verstümmeln oder zu töten.

Diese Verfahren wie auch andere endeten im Nichts. Manche Beobachter mutmaßten, dass die Ermittler Angst hatten vor dem Gaddafi-Clan, vor allem vor dem Zorn des Alten, den die Schweizer schon einmal hatten ertragen müssen.

Nicht in allen Fällen ist das so eindeutig. Den angeblichen Mordauftrag Saif al-Arabs verfolgte die Staatsanwaltschaft nicht weiter, weil der Belastungszeuge höchst dubios war. Außer Zweifel steht aber, dass Gaddafi junior zuvorkommender behandelt wurde als andere, die sich ähnlich benehmen, aber nicht Gaddafi heißen.

Nachdem Saif einen Polizisten bespuckt hatte, traf sich Polizeipräsident Wilhelm Schmidbauer mit ihm im Bayerischen Hof und ermahnte ihn, sich in Deutschland an die Gesetze zu halten. Nach diesem Appell wurde es ruhiger um den Wüstensohn. In Tripolis wird man Saif, das schwarze Schaf, nun wohl zum Märtyrer verklären.

© SZ vom 02.05.2011/odg

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