Politische Sammlung Woran es bei "Aufstehen" hakt

Sahra Wagenknecht, Gründerin von "Aufstehen"

(Foto: Getty Images)
  • Der Parteiforscher Dieter Rucht hat die Zukunftschancen der linken, von Sahra Wagenknecht gegründeten Bewegung "Aufstehen" untersucht und sieht sie mittelfristig gefährdet.
  • Ein Problem sei die Gründung "von oben" gewesen.
  • Die Gruppierung sei zudem eher von "professioneller PR statt Dialog" geprägt.
Von Jens Schneider, Berlin

Es begann mit einer Webseite Anfang August. 50 000 Interessenten trugen sich innerhalb weniger Tage bei "Aufstehen" ein, der linken Sammlungsbewegung mit der Galionsfigur Sahra Wagenknecht. Zum Start im September waren es 100 000. Aber das medial furios gestartete Projekt "dürfte mittelfristig ins Stocken geraten", konstatiert nun in einer Analyse der Wissenschaftler Dieter Rucht.

In einer Untersuchung für das "Institut für Protest- und Bewegungsforschung" analysiert der renommierte Experte für soziale Bewegungen die Entwicklung der von der linken Fraktionschefin Wagenknecht und einem Kreis von Initiatoren aus der SPD, den Grünen sowie Schriftstellern und Künstlern ins Leben gerufenen Initiative. Ihr Ziel ist es, die Basis für einen Machtwechsel hin zu einer linken Bundesregierung zu schaffen. Rucht benennt Chancen, aber vor allem eine Reihe von Problemen.

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Einen zentralen Makel von "Aufstehen" sieht der Soziologe in der Gründung von oben: "Ginge es wirklich um den Aufbau einer Bewegung, so stünde bereits an deren Vorbereitung und Anfangsstadium der Versuch, vorhandene Gruppen und Organisationen in einen offenen, basisdemokratischen und längeren Diskussionsprozess einzubinden", schreibt er. Stattdessen fehlten der Initiative offenbar Verbindungen zu bereits vorhandenen Bewegungen und Netzwerken. "Aufstehen" sei eher von "professioneller PR statt Dialog" geprägt. Den Initiatoren, so Rucht, "scheint die Eigenlogik sozialer Bewegungen fremd zu sein". Die entstünden nicht per Deklamation.

Die Bewegung hat regionale Gruppen gegründet

Etwa 165 000 Menschen haben sich mittlerweile bei "Aufstehen" online registriert. Es gab einige zumeist mäßig besuchte Aktionen, so kamen am 9. November einige Hundert Menschen vor das Brandenburger Tor in Berlin zu einer Protestkundgebung gegen "soziale Kälte und Ungerechtigkeit", bei der Wagenknecht sprach. Die Bewegung hat regionale Gruppen gegründet, so zum Beispiel vier in Bayern, und die Initiatoren haben für den weiteren Aufbau einen "Arbeitsausschuss" ins Leben gerufen. Auf der Webseite werden Debatten - auf Veranstaltungen und digital - für eine Art Regierungsprogramm angekündigt, das "Aufstehen" dann im Frühsommer auf einem Kongress diskutieren will.

Rucht gibt dem ganzen Projekt längerfristig geringe Erfolgschancen. Zwar sei der Ruf nach einer Sammlung im linken Spektrum für viele attraktiv, und der Zustrom von Anhängern werde wohl noch eine Weile anhalten, "aber stagnieren", wenn die Mühen der Ebene beginnen. Für diese Aufgabe müssten sich Politiker, "die sich bisher ganz der professionellen Parteipolitik verschrieben haben und entsprechend sozialisiert wurden, auf eine andersartige Welt einlassen". Es sei nicht damit getan, sich als Bewegung zu bezeichnen.

Kritiker von "Aufstehen" argwöhnen, dass das Projekt für die in der Linkspartei umstrittene Gründerin Wagenknecht vor allem ein machtpolitisches Vehikel sei - vielleicht zur Gründung einer neuen Partei. Sollte es dazu kommen, würde ein Teil der Anhängerschaft wieder abspringen, prognostiziert Rucht: Es wäre "ziemlich sicher" das Aus für das Projekt einer breiten Sammlungsbewegung.

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