Mord in Berlin:Die Spur führt zum Kreml

Berlin den 31.08.2019 Demonstration vor der Russischen Botschaft, Unter den Linden. Protestiert wird wegen des Mordes an

Proteste vor der Russischen Botschaft in Berlin nach der Ermordung eines Georgiers mit tschetschenischen Wurzeln.

(Foto: Olaf Wagner via www.imago-images.de/imago images/Olaf Wagner)
  • Im Fall des im August auf offener Straße in Berlin erschossenen Georgier soll Generalbundesanwalt Peter Frank noch diese Woche die Ermittlungen übernehmen.
  • Der Generalbundesanwalt ist für die Ermittlungen gegen ausländische Spione zuständig.
  • Die Indizien, dass staatliche russische Stellen in den Mord verwickelt gewesen sein könnten, verdichten sich.

Von Florian Flade, Georg Mascolo und Ronen Steinke, Berlin

Selimchan Changoschwili fürchtete sich, er fürchtete um sein Leben. Der russische Staat sei hinter ihm her, sagte der Tschetschene mit georgischem Pass bei seiner Asylanhörung im brandenburgischen Eisenhüttenstadt im Januar 2017. Mehrere Mordanschläge habe es in den vergangenen Jahren auf ihn gegeben, behauptete der ehemalige Rebellenkommandeur. Was er denn befürchte, wenn er nach Georgien zurückkehren müsste, wollte der Mitarbeiter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge von ihm wissen. "Die Leute, die mit den Russen zusammenarbeiten", antwortete Changoschwili. Es gebe auch welche in den Sicherheitsbehörden in Georgien. "Es gibt Tausende von Möglichkeiten, mich dort zu erledigen. Ich habe keine Chance, mich dort zu verstecken."

Der Mann durfte zunächst in Deutschland bleiben, so wie er es sich gewünscht hatte. Aber sicher war er auch hier nicht. Am 23. August 2019 gegen 11.58 Uhr wurde Changoschwili ermordet. Nicht in Russland oder im Kaukasus, sondern mitten in Berlin. Im Kleinen Tiergarten in Stadtteil Moabit war der vierfache Vater gerade auf dem Weg zum Freitagsgebet in der Moschee, als sich ein Mann von hinten auf einem Fahrrad näherte und ihm aus kurzer Distanz mit einer Pistole in den Kopf schoss. Changoschwili war sofort tot.

Der mutmaßliche Täter sitzt in Berlin in Untersuchungshaft

Die Tat gibt seitdem Rätsel auf - wer steckte hinter dem Attentat? War es ein Auftragsmord aus dem kriminellen Milieu? Eine Fehde unter Kaukasiern? Oder gar ein Attentat im Auftrag des Kreml?

Der mutmaßliche Todesschütze hatte nach der Tat versucht, mit einem E-Roller zu fliehen, war jedoch festgenommen worden: Es ist ein stämmiger Mann mit Schnauzbart und auffälligen Tätowierungen. Laut seinem Pass handelt es sich um den russischen Staatsbürger Vadim Sokolov. Er sitzt in Berlin in Untersuchungshaft und schweigt. Einmal soll er Besuch von Diplomaten der russischen Botschaft bekommen haben, die ihn konsularisch betreuen.

Die Ermittlungen in dem Fall führt Berlins Landeskriminalamt. Der Vorwurf gegen den festgenommenen Tatverdächtigen lautete bislang: Mord. Weil die Tat aber eine so große Brisanz birgt, lässt sich der Generalbundesanwalt Peter Frank von Beginn an über die Ermittlungen informieren, der Karlsruher Ankläger ist zuständig für fremde Spione. Das Bundeskriminalamt (BKA) ist beteiligt, so wie auch die deutschen Geheimdienste.

Jetzt könnte der Fall allerdings eine neue Dimension bekommen: Peter Franks Bundesanwaltschaft will das Verfahren nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR noch in dieser Woche offiziell übernehmen. Und zwar, weil sich die Hinweise auf einen Geheimdiensthintergrund verdichten. In Karlsruhe geht man inzwischen davon aus, dass der russische Staat oder staatliche Stellen der Tschetschenischen Teilrepublik den Mord in Moabit in Auftrag gegeben haben könnten. Auch der Spiegel hatte darüber berichtet.

Weitere Verwicklungen zwischen dem mutmaßlichen Täter und Russland

So sind die Ermittler vor Kurzem auf eine verdächtige Fahndungsausschreibung der russischen Behörden gestoßen: Im Jahr 2013 soll der gebürtige Kasache Vadim K. einen russischen Geschäftsmann ermordet haben - auch er war damals wohl bei der Tatbegehung auf einem Fahrrad unterwegs. Ein Abgleich der biometrischen Daten der damaligen Fahndungsbilder ergab nun eine hohe Ähnlichkeit mit dem in Berlin festgenommenen Tatverdächtigen Vadim Sokolov. Und auffällig ist dabei: Russland hatte die internationale Fahndung nach Vadim K. im Jahr 2015 ganz plötzlich eingestellt. Der Verdacht der deutschen Ermittler lautet nun: Russische Dienste könnten den mutmaßlichen Mörder gefunden, für ihre eigenen Zwecke rekrutiert und ihm daraufhin eine falsche Identität verschafft haben.

Ein weiterer Hinweis auf eine mögliche staatliche Verwicklung in den Mord in Berlin liefert eine Faxnummer, die bei den Ermittlungen auftauchte. Der mutmaßliche Mörder Vadim Sokolov war über Paris in die Europäische Union eingereist und hatte zuvor in einem französischen Konsulat ein Schengen-Visum beantragt. Dabei soll eine Faxnummer verwendet worden sein, die zu einem Unternehmen führt, das in der Vergangenheit mit dem russischen Verteidigungsministerium zusammengearbeitet haben soll.

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