Russland:Die sibirische Steppe brennt

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Russland: Ein Feuerwehrmann in einem niedergebrannten Waldstück bei Kurgan.

Ein Feuerwehrmann in einem niedergebrannten Waldstück bei Kurgan.

(Foto: Russian Emergency Ministry Press Service/dpa)

In diesem Jahr wüten die Feuer besonders nah an Dörfern und Siedlungen. Der Kreml hat erst spät reagiert, die Menschen fühlen sich alleingelassen.

Von Silke Bigalke, Moskau

Eine dichte Decke aus pechschwarzem Rauch liegt über der Landstraße, macht den Tag zur Nacht. Der Wald ringsum steht in tiefroten Flammen. Nur eine Gruppe weißer Birken trennt die Handykamera von dem Inferno. "Fürchterlich", sagt jemand aus dem Off. Das Video soll nahe der sibirischen Stadt Omsk entstanden sein. Ein Twitteraccount mit dem Namen "Omsker Bürgervereinigung" hat es Mitte April veröffentlicht.

"Nicht weit von Omsk, entlang der Tscherlak-Straße, stehen mehr als 100 Hektar Kiefernwald in Flammen", steht über dem Video. Der Rauch sei über Dutzende Kilometer weit zu sehen gewesen. "Währenddessen veranstaltet der Gouverneur der Region Festspiele 'Za presidenta'", schreibt die Bürgervereinigung, "und was das regionale Ministerium für Notsituationen tut, das ist überhaupt nicht klar." Bitterkeit ist da herauszulesen: "Za presidenta" - für den Präsidenten - lautet das Motto für ein Kampfsportfest in Omsk, das Z steht für die Unterstützung der russischen Truppen in der Ukraine.

Tatsächlich schien der Kreml lange mit anderen Dingen beschäftigt zu sein, während Brände mehrere Millionen Hektar russischer Fläche und fast 1300 Häuser in mehr als 110 Dörfern und Siedlungen fraßen. 16 Menschen starben, das sind die Zahlen des Katastrophenschutzministeriums von vergangener Woche. Zwar brennt in Sibirien jeden Sommer der Wald und jedes Frühjahr die Steppe. Der Klimawandel, das wärmere, trockenere Wetter trägt dazu bei. Meistens wüten die Feuer dann in abgelegenen, menschenleeren Regionen, wo sie kaum zu löschen sind. Dieses Jahr aber kommen die Brände Dörfern und Siedlungen besonders nahe.

Auf Twitter findet man viele Videos von den Flammen und vom giftigen Rauch, der etwa in den Großstädten Nowosibirsk und Krasnojarsk hing. Manchmal stand über diesen Bildern der Hashtag #своихнебросаем - das heißt: "Die Unsrigen lassen wir nicht im Stich". Mit diesem Spruch wirbt der Staat für seine "militärische Spezialoperation" in der Ukraine, so muss der Krieg in Russland genannt werden. Dass er nun von Opfern der Brände quasi zweckentfremdet wurde, zeigt auch, wie allein gelassen sich diese Menschen fühlen.

Eine Fläche größer als Luxemburg hat bereits gebrannt

Wladimir Putin hat erst am Tag nach der jährlichen Siegesparade auf die Lage reagiert, am 10. Mai rief er eine Krisensitzung zusammen. Katastrophenschutzminister Alexander Tschuprijan berichtete über die Lage, sprach von 270 000 Hektar Waldfläche, die dieses Jahr bereits gebrannt hätten, einer Fläche etwas größer als Luxemburg, und von 4000 einzelnen Feuern. "Wir dürfen nicht erlauben", sagte Putin "dass sich die Situation des letzten Jahres wiederholt, als die Waldbrände die längsten und intensivsten seit Jahren waren."

2021 hatte das Feuer mehr als 18 Millionen Hektar Wald in Russland zerstört. Zum ersten Mal zog der Rauch damals bis zum Nordpol. Greenpeace in Russland berichtet in diesem Jahr bereits von knapp 5,2 Millionen Hektar Fläche, die brennen oder brannten. Die Organisation stützt sich auf Zahlen der nationalen Forstbehörde, die Satelliten nutzt, um diese Brände zu überwachen. Dass sie sich so stark von denen des Katastrophenministers unterscheiden, liegt womöglich daran, dass Tschuprijan nur die reinen Waldbrände gezählt hat.

Die meisten Feuer wüten derzeit allerdings in Russlands Steppen, auf Grasland und landwirtschaftlichen Flächen. Sie brennen nicht nur in Jakutien, das letztes Jahr so schwer betroffen war, sondern in vielen Regionen, etwa in Omsk, Krasnojarsk, Kurgan, Tjumen, Irkutsk. Die Brände breiteten sich wegen des starken Windes besonders schnell aus, schrieb die Organisation vergangene Woche und berichtete, dass auch eine Schule, ein Kindergarten, ein Sägewerk den Flammen zum Opfer gefallen seien.

Die Feuerquellen sind laut Greenpeace oft Land- und Forstwirte, die altes Gras, Unkraut oder Holz auf diese Weise loswerden wollten, oder Gartenbesitzer, die ihre Abfälle verbrennen. Wenn landwirtschaftliche Flächen zuwuchern, schreibt Greenpeace, dann drohten Eigentümern und Pächtern hohe Strafen. "Das zwingt sie, Flächen auf einfachste und billigste Weise zu säubern - mit Feuer."

Es mangelt an Feuerwehrleuten und Ausrüstung

Die Umweltorganisation kritisiert die russischen Behörden auch wegen weit grundsätzlicherer Dinge: "Es gibt immer noch nur sehr wenige Leute, Ausrüstung und Geld, um Feuer zu löschen", antwortet Brandschutz-Experte Grigorij Kuksin auf Anfrage. "Es gibt ernsthafte Probleme in der Wirtschaft. Wir haben keinen Zugang zu modernen Technologien." Gleichzeitig veränderte sich das Klima, nähmen die Brände zu, würden gefährlicher. Beispielsweise steige das Risiko für Torfbrände, die besonders viel Treibhausgas freisetzen, und unter dem Eis im hohen Norden auch während der Winter weiterschwelen.

Die Awialessoochrana, die fliegende Feuerwehr der russischen Forstbehörde, meldete am Montag 120 gelöschte Brände in 19 russischen Regionen - allein an diesem Tag. Auch Fallschirmjäger der fliegenden Feuerwehr seien an den Löscharbeiten beteiligt gewesen. Als vergangenen Sommer die Waldbrände in Jakutien wüteten, schickte das russische Militär Hubschrauber und schwere Frachtflugzeuge der Armee zu Hilfe, sie ließen große Wassermassen über dem brennenden Wald ab. Einige internationale Medien zitieren nun schon ausländische Experten, die mutmaßen, dass das Militär in diesem Jahr weniger Ressourcen für Einsätze innerhalb Russlands haben werde. Im Land selbst möchte das niemand kommentieren; für die Flächenbrände dieser Wochen sind Löschflugzeuge ohnehin nicht so nützlich. Ob es einen Mangel gibt, zeigt sich wohl erst später, wenn im Sommer die Waldbrandsaison beginnt.

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