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Russischer Präsident:Wie wahrscheinlich sind russische Bodentruppen?

Sie sagten, es gehe "vor allem" um Sicherheit. Worum geht es noch?

Zum einen will Putin seinen Einfluss auf das Mittelmeer nicht aufgeben. Der einzige russische Militär-Stützpunkt in der Region liegt in Tartus an der syrischen Küste. Zum anderen hat Russland auch ökonomische Interessen in Syrien: 2013 hat sich der russische Energiekonzern Sojusneftegas die Rechte an einem Gebiet vor der Küste Syriens gesichert, wo große Öl- und Gasvorkommen vermutet werden. Aber diese Faktoren allein würden im Moment kein militärisches Eingreifen rechtfertigen; sie sind eher sekundär.

Russland sagt, mit seinen Waffen will es in Syrien den IS bekämpfen. Militär-Experten ist aufgefallen, dass Russland auch Flugabwehrsysteme nach Syrien schafft. Der IS hat aber gar keine eigenen Flugzeuge.

Es ist ganz sicher so, dass der Kampf gegen den IS auch ein Vorwand ist, um das syrische Regime zu unterstützen. Das ist kein Geheimnis. Aber es ist schwer, den Russen daraus einen Strick zu drehen. Alle internationalen Mächte sehen den Anti-Terror-Kampf in Syrien auch als einen Weg, ihre eigenen Interessen zu vertreten.

Wie wahrscheinlich ist es, dass Russland selbst Rebellenstellungen bombardiert oder gar Bodentruppen schickt?

Zum jetzigen Zeitpunkt macht es für die Russen keinen Sinn, sich noch mehr in Syrien zu engagieren.

Warum nicht?

Es wäre zu kostspielig und würde von der russischen Gesellschaft nicht mitgetragen werden. Außerdem gibt es eine traditionelle Arbeitsteilung zwischen Russland und Iran: Die Iraner schicken Freiwillige - Kanonenfutter, wenn man so will - und die Russen schicken die Waffen. Die Russen müssten also gar nicht selbst eingreifen, die Iraner machen das für sie. Für den Iran ist Syrien noch viel wichtiger als für Russland. Und wenn man russischen Militärexperten glaubt, gibt es sogar schon Zusagen der Iraner, im Notfall selbst Bodentruppen zu schicken. Was wir aber sicherlich von den Russen erwarten dürfen, wenn sich die Situation in Syrien verschlechtert, ist ein begrenztes Engagement.

Was heißt das konkret?

Der Einsatz von Spezialkräften, zum Beispiel Piloten. Dafür braucht Putin nicht einmal die Zustimmung des Parlaments.

Am Wochenende reist Putin nach New York. Am Montag soll er zum ersten Mal nach acht Jahren wieder vor der UN Generalversammlung reden. Außerdem hat sich Putin hinter den Kulissen sehr um ein persönliches Treffen mit Präsident Obama bemüht. Will Putin jetzt die internationale Gemeinschaft von seinem Plan für Syrien überzeugen?

Warten wir Putins Rede in New York ab. Ich wette, dass Putin anbieten wird, mehr Oppositionsgruppen als Gesprächspartner in Betracht zu ziehen. Bisher hat Russland Gespräche mit den Rebellen ja kategorisch ausgeschlossen. Jetzt will Moskau zumindest die gemäßigten, nicht-dschihadistischen Gruppen in Verhandlungen einbeziehen. Ob er damit Erfolg hat, hängt davon ab, wie seine Rede von der internationalen Gemeinschaft aufgenommen wird. Wenn sie gut ankommt, könnte das den Weg für weitere Gespräche über ein gemeinsames Vorgehen ebnen.

Und wenn sie schlecht aufgenommen wird?

Wenn Putins Worte auf taube Ohren fallen, dann sind die Aussichten für Syrien sehr düster. Denn dann wird Putin seine Unterstützung für Damaskus vermutlich einseitig ausbauen. Das würde den Sturz Assads noch länger hinauszögern. Und es würde bedeuten, dass die Zahl der Toten auf allen Seiten weiter steigt. Deshalb ist es so wichtig, dass der Dialog mit Moskau fortgesetzt wird.

Glauben Sie, dass die USA sich auf die russischen Annäherungsversuche einlassen werden?

Ich bin kein USA-Experte, aber ich denke, dass man sich das russische Angebot in Washington sehr genau anschaut. Die Amerikaner sind über die Situation in Syrien sehr besorgt und zuletzt sah es so aus, als würden sich die Positionen annähern. Die Russen haben eingeräumt, dass Assad nicht für immer an der Macht bleiben muss. Und neulich sagte dann US-Außenminster Kerry, dass Assad zwar irgendwann gehen muss - aber nicht an einem bestimmten Tag.

© SZ.de/pamu
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