Ruanda:Held oder Terrorist?

Paul Rusesabagina

Paul Rusesabagina, in rosa Häftlingskleidung, im Gespräch mit einem seiner Anwälte.

(Foto: Muhizi Olivier/AP)

Paul Rusesabagina wurde gefeiert, weil er während des Genozids in Ruanda mehr als 1000 Menschen das Leben rettete. Hollywood verfilmte sein Leben. Nun wurde er als Mörder verurteilt. Wie kann das sein?

Von Bernd Dörries, Kapstadt

Das Urteil wollte er sich nicht selbst anhören, so wie er schon lange entschieden hatte, dem Gerichtsverfahren gegen ihn und 20 andere nicht mehr zu folgen. Am Montag wurde Paul Rusesabagina für schuldig befunden, wegen Unterstützung einer terroristischen Organisation, er muss für 25 Jahre ins Gefängnis.

Das Gericht in Ruandas Hauptstadt Kigali sah es als erwiesen an, dass Rusesabagina die von ihm mitgegründete bewaffnete Gruppe Nationale Befreiungsfront (FLN) finanziell unterstützte und bei Anwerbung von Kämpfern und der Planung von Anschlägen beteiligt war. Der Held aus dem Hotel Ruanda ist nun also ein verurteilter Terrorist.

Nur, was ist so ein Urteil wert in einem Land wie Ruanda, dem Menschenrechtsorganisationen regelmäßig schwere Vergehen vorwerfen. Immer wieder verschwinden Kritiker oder werden im Ausland ermordet aufgefunden. "Wir wussten, dass es für meinen Vater kein faires Verfahren geben würde, und nun weiß es auch die Welt", sagte Carine Kanimba, die Tochter Rusesabaginas, nach der Verkündung des Urteils.

Paul Rusesabagina galt vielen lange als eine Art Oskar Schindler Afrikas, während des Genozids an den Tutsi in Ruanda im Jahr 1994 rettete er, der Hutu, mindestens tausend Menschen vor den Schlächtern ins Hotel Mille Collines, dessen Manager er damals war. Immer wieder standen die Mörder vor der Tür, mal hat er sie mit Bier und Schnaps bestochen, mal seine Kontakte in die höchsten Ebenen des mörderischen Regimes spielen lassen.

Das Mahnen vor weiteren Völkermorden wurde zu seinem Beruf

Es dauerte lange, bis sich seine Geschichte herumsprach, Rusesabagina arbeitete als Taxifahrer in Brüssel, als Hollywood 1999 an seine Tür klopfte und sein Leben in "Hotel Ruanda" verfilmte. Er war nun berühmt, das Mahnen und Warnen vor weiteren Völkermorden wurde zu seinem Beruf, er trat vor Studentinnen und Studenten und in Talkshows auf der ganzen Welt auf.

Im Jahr 2006 schrieb er seine Autobiografie, in der es nicht nur um das Ruanda des Genozids ging, sondern auch das des neuen Präsidenten Paul Kagame. "Ruanda ist heute eine Nation, die von und für das Wohlergehen einer kleinen Elite von Tutsi regiert wird", schreibt Rusesabagina in dem Buch. In der alten Heimat beginnen regierungstreue Medien daraufhin zu hinterfragen, ob Rusesabagina wirklich so heldenhaft war, wie er tat? Zeugen treten auf, die behaupten, er habe Geld genommen für die Zimmer. Die Angriffe auf den Charakter sind in Paul Kagames Ruanda ein nicht unübliches Mittel, mit Kritikern umzugehen.

Womöglich führen die ständigen Angriffe bei Paul Rusesabagina zu einer Veränderung, er war früher ein gemäßigter Hutu, jetzt gründet er Parteien und Organisationen zusammen mit Leuten, die damals im Genozid auf der Seite der Täter standen. Und er äußert krude Theorien: Die meisten Killer an den Straßensperren in Kigali seien Leute von Kagame gewesen, behauptet er in einem Interview 2007.

in Jahrzehnt später ruft er in einem Youtube-Video offen zum bewaffneten Sturz auf: "Die FLN hat den Kampf begonnen, um das Volk Ruandas zu befreien", erklärt er. "Da alle politischen Mittel ausprobiert wurden und versagt haben, ist es an der Zeit, unser letztes Mittel zu versuchen. Daher gebe ich meine uneingeschränkte Unterstützung, dass unsere Jugend, die Nationalen Befreiungskräfte der FLN, den Kampf gegen die Kagame-Armee beginnt, um das ruandische Volk zu befreien."

Eines Morgens sahen ihn seine Kinder in Häftlingskleidung

Das Video ist eines der Hauptbeweismittel der Anklage, dazu kommt Material, das belgische Ermittler bei einer Razzia 2019 auf dem Computer und den Mobiltelefonen von Rusesabagina gefunden haben sollen. Es sind Dokumente von Western Union, die angeblich Geldflüsse an die FLN belegen. Und Chat-Nachrichten, die beweisen sollen, wie nahe Rusesabagina dran war an den tatsächlichen Aktionen der FLN, die 2018 mehrere Anschläge verübten in Ruanda, bei denen neun Zivilisten wahllos umgebracht wurden.

Spätestens jetzt war Rusesabagina ganz oben auf der Fahndungsliste. Er war seit vielen Jahren nicht mehr in Ruanda gewesen, viel zu gefährlich, hatte er immer gesagt. Doch eines Morgens sahen seine Kinder ihn im Fernsehen plötzlich in Kigali, in Häftlingskleidung. Ihr Vater sei entführt worden, vom Flughafen in Dubai, sagen sie. Ein kleiner und ganz legaler Trick, sagt die Regierung Ruandas, man habe Rusesabagina glauben lassen, ins Nachbarland Burundi zu fliegen, zu einem befreundeten Pfarrer.

Vor Gericht sagt er aus, zumindest anfänglich, in den Voranhörungen: "Wir haben die FLN als bewaffneten Flügel gegründet, nicht als terroristische Organisation, wie die Anklage behauptet. (...) Ich bestreite nicht, dass die FLN Verbrechen begangen hat, aber meine Rolle war die Diplomatie." Im März geht er nicht mehr in den Gerichtssaal.

Seine Anwälte werfen den Justizbehörden in Ruanda vor, keinen ungehinderten Zugang zu ihrem Mandanten gehabt zu haben. Die Familie spricht von 258 Tagen Einzelhaft und Folter. Europäische Diplomaten erzählen allerdings davon, dass die belgische Botschaft ungehinderten Zugang zu Rusesabagina hatte und ihn bei guter Gesundheit vorgefunden habe. Die belgische Außenministerin Sophie Wilmès kritisierte allerdings auch öffentlich, dass Rusesabagina, der belgischer Staatsbürger ist, "trotz wiederholter Appelle aus Belgien keinen fairen und gerechten Prozess" bekommen habe. Die Familie von Rusesabagina fordert, Europa und die USA müssten jetzt handeln, wenn es ihnen ernst sei mit den Menschenrechten.

© SZ/perr
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