Westafrika:Was sollen russische Söldner in Mali?

Lesezeit: 4 min

Bald Vergangenheit? Eine gemeinsame Patrouille malischer und französischer Soldaten.

Bald Vergangenheit? Eine gemeinsame Patrouille malischer und französischer Soldaten.

(Foto: Frédéric Pétry/imago images/Hans Lucas)

Das Militär in dem Sahel-Staat will offenbar russische Söldner engagieren. Deutschland und Frankreich drohen mit dem Rückzug ihrer Soldaten aus Westafrika.

Von Bernd Dörries, Kapstadt, und Nadia Pantel, Paris

Es war nicht die entscheidende Frage, damals nach dem Putsch im Mai, aber doch eine interessante: Woher kamen auf einmal die ganzen Fahnen und Halstücher mit den Farben Russlands her, mitten in Malis Hauptstadt Bamako? Mehrere Hundert Menschen hatten sich auf einem zentralen Platz versammelt, um der Armee zu danken für den zweiten Putsch innerhalb weniger Monate, und eben auch Russland ihre Unterstützung zu zeigen, mit Flaggen und Halstüchern. Nur warum eigentlich?

Nun, fast ein halbes Jahr später, ist man etwas schlauer. Am Dienstagabend bestätigte Malis Militär das, was schon seit Tagen als Gerücht durch den Sahel wehte: Die Putschisten verhandeln mit der russischen Söldnertruppe Wagner über einen Einsatz, etwa 1000 Söldner könnten ins Land kommen, in dem auch Tausende Soldaten aus Europa ihren Dienst tun. So nahe waren sich die alten kalten Krieger schon lange nicht mehr.

"Mali möchte seine Beziehungen mittelfristig diversifizieren", sagte ein Sprecher der Junta. Was Malis Militärherrscher eine Diversifizierungsstrategie nennen, wäre für Europas Afrikapolitik ein Desaster, eine Art zweites Afghanistan im Sahel. Seit fast zehn Jahren kämpfen die Europäer, vor allem Franzosen und Deutsche, dort für einen einigermaßen stabilen Staat, gegen die Terroristen von IS und al-Qaida. "Nation Building" hatte man sich, anders als am Hindukusch, erst gar nicht auf die Fahnen geschrieben, es ging nur um ein wenig Ruhe in einem Riesenreich, das von der Fläche her etwa vier mal so groß ist wie Deutschland. Und nicht einmal das hat so richtig geklappt. Die islamistischen Terroristen und viele lokale Milizen haben Mali fest im Griff. Staatspräsident Assimi Goïta wurde maßgeblich von Deutschland ausgebildet, was nicht dazu führte, dass ihm demokratische Werte besonders wichtig sind. Zweimal putschte er bereits, nun will er die Russen ins Land holen.

"Nicht kompatibel"

In Europas Hauptstädten herrscht eine Mischung aus Wut und Fassungslosigkeit. Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian sagte am Dienstag vor der Nationalversammlung, eine Zusammenarbeit mit den russischen Söldnern sei "absolut unvereinbar" mit der Präsenz französischer Truppen und "nicht kompatibel mit dem Vorgehen der Sahel-Partner und der internationalen Partner in Mali".

In Berlin kündigte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer an, man werde mit den Partnern Konsequenzen prüfen, sollte sich Malis Militär tatsächlich zur Zusammenarbeit mit russischen Söldnern entschließen: "Dies widerspricht allem, was Deutschland, Frankreich, die EU und die Vereinten Nationen seit acht Jahren leisten."

Im Jahr 2012 überrannten Tuareg-Rebellen weite Teile des nördlichen Mali, ein Jahr später schickten die Vereinten Nationen eine 15 000 Mann starke Mission, die ein Friedensabkommen überwachen sollte. Mittlerweile sind die Tuareg aber das geringste Problem des Landes: Auch aus der Rebellion von damals entwickelten sich die Ableger von al-Qaida und dem "Islamischen Staat", es kämpfen lokale Milizen gegeneinander und gegen den Staat. Es geht um knappe Ressourcen, Macht, um Schmuggelware und Politik.

Ein halbes Dutzend Missionen versuchen, irgendwie Ordnung ins Chaos zu bringen, da ist die UN-Mission Minusma, die aber keinerlei offensives Mandat gegen die Islamisten hat - und schon Probleme dabei, sich selbst zu schützen. Deutschland beteiligt sich an den EU-Missionen zur Ausbildung von malischen Soldaten (EUTM) und zum Aufbau der Polizei (Eucap Sahel Mali). Insgesamt sind etwa 1500 Bundeswehrsoldaten im Einsatz. Frankreich betreibt mit der Operation Barkhane seine eigene, deutlich robustere Anti-Terror-Mission. Langfristig sollte sie von der G5 Sahel Joint Force abgelöst werden, einem Truppenverband aus Mali und vier Nachbarländern, der aber bisher keinen besonderen Eindruck hinterlassen hat.

Was genau 1000 russische Söldner an dieser Gesamtsituation überhaupt verbessern könnten, bleibt ein Rätsel. Angeblich sollen die Söldner hohe Beamte und Politiker beschützen und das Militär trainieren. Was aber auch schon die Europäer tun.

Die "Gruppe Wagner" existiert im offiziellen Russland gar nicht

Die "Gruppe Wagner" existiert im offiziellen Russland gar nicht, taucht aber immer da auf, wo der Kreml gerade seine geopolitischen Interessen berührt sieht, in Syrien und Libyen, in der Zentralafrikanischen Republik und im Sudan. Chef der Truppe soll Jewgenij Prigoschin sein, ein Geschäftsmann mit engen Verbindungen zu Wladimir Putin. Die Söldner seien in der Vergangenheit, "insbesondere in Syrien durch Übergriffe", auffällig geworden, warnt Frankreichs Außenminister Le Drian.

In Mali sehen das viele anders, selbst Teile der demokratischen Opposition wie der Chef der Afrikanischen Solidaritäts- und Unabhängigkeitspartei, Umar Mariko, haben sich immer wieder öffentlich für einen Einsatz Russlands ausgesprochen. Europäische Diplomaten berichten, dass die Verhandlungen mit Wagner nicht sehr weit seien. Der öffentliche Flirt mit Russland ist daher womöglich vor allem ein Zeichen der Junta an die eigene Bevölkerung: Wir können auch ohne Frankreich. Die Zuneigung zu Moskau entspringt oft einer Abneigung gegenüber Frankreich, der ehemaligen Kolonialmacht. Die Anti-Terror-Operation Barkhane ist in Teilen der Bevölkerung verhasst, seit ihrem Beginn hat sich die Sicherheitslage verschlechtert, immer wieder gibt es Berichte über zivile Opfer.

Innenpolitisch gesehen ist auch wenig besser geworden, immer wieder putscht die vom Westen unterstützte Armee, die Zivilgesellschaft ist schwach, der demokratische Transformationsprozess existiert vor allem auf dem Papier. "Der Fokus des europäischen Engagements liegt zu sehr auf dem Militärischen", sagt Christian Klatt, der Landeschef der Friedrich- Ebert-Stiftung in Malis Hauptstadt Bamako: "Die Stimme der malischen Zivilgesellschaft fehlt im Diskurs."

Im Juli hatte auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron eingestanden, dass die Erfolge in Mali bisher überschaubar waren, und angekündigt, die Hälfte seiner etwa 5000 Soldaten im Sahel abzuziehen und die Operation Barkhane zu beenden.

Jetzt sollen womöglich die Russen kommen. Wenn auch mit deutlich weniger Personal und Ausrüstung. Umsonst wird der Einsatz dennoch nicht, von zehn Millionen Dollar im Monat ist die Rede. Geld, das Mali nicht hat. Was es für die Russen interessant machen könnte, sind die großen Uran-Reserven in Mali und anderen Ländern der Sahel-Region. Die wurden bisher auch von Frankreich abgebaut.

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