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Richtungsstreit im Front National:Le Pen gegen Le Pen

Marine Le Pen möchte die Rechtsaußenpartei Front National zu einer nationalkonservativen Alternative machen und 2012 Frankreichs Präsident Sarkozy herausfordern. Nun gefährdet ihr Vater das Kalkül: Er tut die Anschläge in Norwegen als "Unfall" eines Irren ab - und hält die Naivität der Regierung für gefährlicher als die Attentate.

Stefan Ulrich, Paris

Ihre Mission heißt "dédiabolisation", "Entteufelung". Marine Le Pen, die neue Parteichefin des Front National, will die französische Rechtsaußen-Partei vom Ruch des Extremismus befreien und zu einer nationalkonservativen Alternative machen. Im Gegensatz zu ihrem Vater, dem Parteigründer Jean Marie Le Pen, meidet sie offen fremdenfeindliche und antisemitische Parolen. Die Publizistinnen Caroline Fourest und Fiammetta Venner warnen jedoch in einem neuen Buch über die Parteivorsitzende: "Unter einer glatten Rede warten die alten Dämonen darauf, plötzlich wieder aufzutauchen." Der Front bleibe, was er immer gewesen sei - nationalistisch und fremdenfeindlich.

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Marine Le Pen will den vom Vater Jean Marie geerbten Front National in eine regierungsfähige Kraft umbauen.

(Foto: AFP)

Der Umgang der Le Pens mit den Attentaten von Norwegen scheint den Autorinnen nun recht zu geben. Zunächst bemühte sich Marine, ihre Partei scharf von dem Attentäter Anders Behring Breivik zu distanzieren. "Der Front National verurteilt diese barbarischen und feigen Taten und drückt seine totale Solidarität mit dem norwegischen Volk aus", ließ sie mitteilen. Dann kam ihr der Vater in die Quere. In einer Video-Botschaft tat er kürzlich die Attentate als "Unfall" eines Irren ab. Zugleich warf er Norwegen vor, es habe "die globale Gefahr, die die massive Einwanderung darstellt", nicht begriffen. Die Naivität der Regierung sei schlimmer als die Attentate.

Die Empörung in Frankreich war groß, von den Kommunisten bis hin zur konservativen Regierungspartei UMP. Alle forderten Marine Le Pen auf, sich von Jean Marie zu distanzieren. Die 43 Jahre alte Frontfrau schwieg sich zunächst aus. Jetzt hat sie doch noch gesprochen - und sich hinter ihren Vater gestellt. "Wenn ich mit ihm uneinig gewesen wäre oder wenn mich seine Äußerungen schockiert hätten, dann hätte ich das gesagt", erklärte sie. Die Aufregung sei "völlig künstlich".

All jene, die nie an eine Entteufelung glaubten, dürfen sich bestätigt sehen. Kommunisten und Sozialisten betonen, der Front lasse die Maske fallen. Er zeige sein böses Gesicht. Die Organisation SOS Rassismus meint, der Front sei "trotz aller kosmetischen Korrekturen die Partei des hartnäckigen Hasses".

Im Umfeld der Parteichefin kommt Unruhe auf. Wie soll Marine ihren eigensinnigen Vater in den Präsidentschaftswahlkampf 2012 einbinden? Wie soll sie damit umgehen, wenn er ihr in die Parade fährt, wie jüngst, als es um die Bestrafung besonders radikaler Parteimitglieder ging? Marine möchte es als Präsidentschaftskandidatin des Front National bis in die Stichwahl schaffen, ein Ziel, das sie Umfragen zufolge sogar erreichen könnte. Zugleich will sie die vom Vater geerbte Protestpartei in eine regierungsfähige Kraft umwandeln. Die Ausfälle des Alten könnten ihre Strategie durchkreuzen.

Doch sie könnten auch Teil dieser Strategie sein. Marine Le Pen will gemäßigtere Wähler gewinnen, ohne die traditionellen Parteianhänger zu vergraulen. Wenn sie sich mit ihrem Vater die Aufgaben teilt, lassen sich beide Flügel abdecken. "Es ist nicht schlecht, zwei Eisen im Feuer zu haben", versichert der Front-National-Veteran Bruno Gollnisch. "Um es in der Sprache des Marketing auszudrücken: Das erweitert unser Angebot." Ins Austragsstüberl abdrängen lässt sich Jean Marie Le Pen ohnehin nicht. Er rückt regelmäßig in der Parteizentrale in Nanterre an und überwacht, wie Marine sein Werk fortführt. "Niemand kann Le Pen zum Schweigen bringen, nicht einmal seine Tochter", heißt es in der Partei.

Der Extremismus-Forscher Jean-Yves Camus findet, die Äußerungen Jean Marie Le Pens über die Attentate von Norwegen seien weder als Provokation noch als Entgleisung zu deuten. Sie entsprächen tiefer Überzeugung. Der Front National behaupte bereits seit den neunziger Jahren, der Multikulturalismus werde Frankreich und Europa in einen Krieg der Ethnien stürzen. Die extreme Rechte glaube, mit Einwanderern aus anderen Kulturen und insbesondere Muslimen könne es kein friedliches Zusammenleben geben.

Le Pen spricht diese alte Überzeugung aus - und vielen Anhängern aus dem Herzen. Für seine Tochter Marine dürfte es schwer werden, die Mission Entteufelung zu erfüllen.

© SZ vom 09.08.2011/maza
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