Regierungssprecher Steffen Seibert ein Jahr im Amt:Twitter - der Schock des Neuen

Lesezeit: 5 min

Während Wilhelm bei vielen Reportern als "Merkels lächelnder Mund" beliebt war, gilt Seibert eher als Klammeraffe der Kanzlerin. Klammeraffe - so wurde einst das @-Zeichen genannt, mit dem sich der Regierungssprecher bei Twitter schmückt. Und auch darin liegt ein Problem Seiberts: Mit seiner Internet-Offensive hat er einigen Berliner Journalisten die eigene Rückständigkeit vor Augen geführt. Während Experten seine Twitter-Aktivität loben und 33.000 Menschen Seiberts Botschaften verfolgen, fühlen sich Berichterstatter übergangen.

"Seibert nutzt Twitter professionell und zeitgemäß", sagt der Duisburger Politikwissenschaftler Christoph Bieber. "Seine Mitteilungen sind dem Format angepasst. Seibert nimmt bewusst in Kauf, dass er nur bedingt argumentieren kann. Er stellt sich dem Dialog mit anderen Twitter-Nutzern. Damit trifft er den Nerv seiner Zielgruppe, sonst hätte er nicht so erheblich viele Follower gewonnen."

Allerdings mahnt Bieber, der in seinem Buch "Politik digital" auf die Vorzüge sozialer Netzwerke bei der Vermittlung politischer Inhalte hingewiesen hat, Seiberts Twitter-Nutzung dürfe nicht bedeuten, dass sich der Regierungssprecher einer Diskussion mit kritischen Journalisten versperre.

In den Augen seiner Gegnerist genau das schon einmal passiert - damals, im März. Seibert hatte eine Washington-Reise der Kanzlerin via Twitter angekündigt, den Termin jedoch nicht - wie sonst üblich - auch auf dem konventionellen Weg (E-Mail, Faxabruf, Papier) bekannt gemacht. In der Bundespressekonferenz kam es daraufhin zu absurden Szenen.

Seibert - ein junger, tougher Typ?

Der Ton der Fragen, die Seiberts Stellvertreter Christoph Steegmanns beantworten musste, klang "ein bisschen wie ein betrogener Ehemann, der aus der Zeitung erfahren muss, dass seine Frau einen anderen hat" (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung). "Ältere Menschen" seien mit diesen "neumodischen Kommunikationsformen nicht so vertraut", hieß es seitens der Hauptstadtjournalisten. Ob Herr Seibert das nur mache, weil er ein "junger tougher Typ" sein wolle?

Die üblichen Verdächtigen unter den Bloggern und Twitter-Meinungsführern gossen daraufhin kübelweise Häme und Spott über die "Offline-Medien" aus. Und ein langjähriger Berlin-Korrespondent räumte im Nachklapp ein, es gebe wohl eine "gewisse Bräsigkeit" in der Branche.

Seibert stand in der Außendarstellung als Vorreiter der neuen Medien da, die Journaille war blamiert. Und reagierte: Manch ein Kollege, der soziale Netzwerke eben noch aus beruflichen Gründen ablehnte, war nun aus denselben Gründen mit Eifer dabei. Als Seibert im Mai bei Twitter ein Tippfehler unterlief und er Osama (bin Laden) mit (US-Präsident Barack) Obama verwechselte, griffen das bemerkenswert viele klassische Medien auf. Und auch als vor kurzem ein gefälschtes Google-Plus-Konto in Seiberts Namen auftauchte, war das in vielen Zeitungsspalten nachzulesen.

"Es war in diesem Moment sehr richtig, die Hauptstadtjournalisten herauszufordern", sagt auch Politikwissenschaftler Bieber. "Es herrschte ein Schock des Neuen vor, der dem einen oder anderen zu denken gegeben haben wird."

Das Verhältnis zwischen Seibert und den Journalisten wurde dadurch allerdings nicht unbedingt besser. "Ich finde es gut, dass er das macht. Aber etwas Neues habe ich über Twitter noch nicht erfahren", moniert ein Wirtschaftskorrespondent hinter vorgehaltener Hand. Tweets à la "Kanzlerin: toll" würden ihm keinen Erkenntnisgewinn bringen.

Seibert selbst bemühte sich, seine Twitter-Nutzung ins rechte Licht zu rücken: "Ahnte nicht, dass das solche Wellen schlägt. Mein Twittern ist kein Umgehen der Journalisten, sondern ein Zugehen auf andere", schrieb er bei dem Kurznachrichtendienst. Und im Zeit-Magazin erwähnte er, dass er privat am liebsten Postkarten schreibe.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB