Süddeutsche Zeitung

Regierungssprecher Steffen Seibert ein Jahr im Amt:Merkels zwitschernder Mund

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Er gilt als einer der größten Fans der Kanzlerin und prominentester Polit-Twitterer der Republik: Steffen Seibert ist seit einem Jahr die Stimme der Bundesregierung. Experten loben, die Politik der Kanzlerin sei nun transparenter. Doch hat sich der einstige ZDF-Moderator auch grobe Fehler geleistet - die ihm viel Spott eingebracht haben. Eine Bilanz.

Michael König

Das Zischen hat es ihm angetan. Nicht einmal im Urlaub kann Steffen Seibert davon lassen. Seinen Jahrestag als Regierungssprecher erlebt der 51-Jährige zwischen Umzugskartons in Berlin, auf Sonnentage hoffend. Man weiß das, weil Seibert es verkündet hat - via Twitter. "Ich mag das zischende Geräusch, das mein Gerät von sich gibt, wenn ich einen Tweet absetze", hat Seibert im Mai 2011 im Zeit-Magazin geschrieben. Der Kurznachrichtendienst hat Seibert geholfen, ein eigenes Profil zu gewinnen, er hat ihn aber auch angreifbar gemacht.

Ende Februar hat Seibert damit angefangen, sein iPad zischen zu lassen. Kurz vor der Eröffnung der Computermesse Cebit schickte der frühere ZDF-Moderator und Nachrichtensprecher unter dem Kürzel @RegSprecher seine erste Botschaft ab. Persönlich, darauf legt er wert. Schreibt Seibert nicht selbst, sind seine Tweets mit dem Kürzel "(BPA)" für Bundespresseamt gekennzeichnet.

"Ich mag die Reduzierung auf die absolute Essenz einer Nachricht, die Suche nach einer Überschrift für eine ganze, lange Kanzlerinnenrede", sagt Seibert. Angela Merkels Politik erklären, ihre Botschaften eindampfen - nüchtern betrachtet ist das Seiberts Job. Ob er ihn im ersten Amtsjahr gut gemacht hat? Darüber herrscht im Regierungsviertel keine Einigkeit. Die offensichtlichen Fehler des einstigen ZDF-heute-Moderators lassen sich an einer Hand abzählen, einige jedoch waren haarsträubend.

[] Im Herbst 2010 vergrätzte er Außenminister Guido Westerwelle, weil er den Medien eine kritische Wortmeldung des damaligen FDP-Chefs zum EU-Stabilitätspakt im Kabinett verschwieg. Später ließ er sein Bedauern mitteilen, korrigierte aber die Darstellung, er habe sich entschuldigt, was die Sache noch länger in den Nachrichten hielt und allgemein als eher ungeschickte Krisenbewältigung angesehen wurde.

[] Verärgert war auch die Deutsche Bank, als Seibert im November 2010 leichtfertig einen Zusammenhang zwischen der irischen Schuldenkrise und dem Geldinstitut herstellte. Eine englische Nachrichtenagentur machte daraus eine Eilmeldung, der Aktienkurs gab nach. Seibert musste sich entschuldigen.

[] Im Juni 2011 trug Seibert maßgeblich dazu bei, das Thema Steuersenkungen zum Streitpunkt zwischen Union und FDP zu machen. Früh - und Berichten zufolge ohne Absprache mit Merkel - hatte der Regierungssprecher verkündet, Schwarz-Gelb werde für Entlastung sorgen. Das klang defintiv, dabei hatte sich die Koalitionsspitze noch auf keine konkreten Schritte geeinigt. In den Medien machten daraufhin Rechentabellen die Runde. Die Debatte blieb wochenlang virulent. Steffen Seibert sieht hier allerdings keine Schuld bei sich: Seine Äußerungen seien "komplett" mit der Kanzlerin abgesprochen gewesen.

[] Einmal räumte Seibert ein, die Frankfurter Allgemeine Zeitung an diesem Tag noch nicht gelesen zu haben, weshalb er von Kritik des Bundestagspräsidenten an der Kanzlerin nichts wisse. Die Hauptstadtjournalisten reagierten mit Unverständnis und Spott.

Überhaupt, die Journalisten. Bei ihnen hatte Seibert von Beginn an einen schweren Stand. Das war in erster Linie seinem Vorgänger Ulrich Wilhelm geschuldet, der als Intendant zum Bayerischen Rundfunk wechselte. Der hin und wieder als "bayerischer Robert Redford" geadelte Jurist galt als über alle Maßen fleißig. Sein Arbeitseifer sei nur von der Kanzlerin übertroffen worden, hieß es.

Zwar habe auch Wilhelm Anlaufschwierigkeiten gehabt, sei als Jurist und ehemaliger Amtschef des bayerischen Wissenschaftsministeriums jedoch mit dem politischen Betrieb vertraut gewesen - was seinem Nachfolger Seibert nicht vergönnt ist. Zudem habe Wilhelm stets für Erklärungen gesorgt und Hintergrundgespräche geführt, während der einstige ZDF-Moderator Seibert eher die Bilder im Blick habe.

"Seibert ruft dich an und erzählt dir in vielen Worten nichts, anstatt einfach mal zuzugeben, dass er nichts sagen darf", beklagt sich ein Journalist einer überregionalen Zeitung, der häufig mit dem Regierungssprecher in Kontakt tritt. "Das hätte Wilhelm anders geregelt." Hinderlich sei zudem die "beinahe kindliche Naivität", die Seibert der Kanzlerin entgegen bringe. Fotografen verweisen in diesem Zusammenhang auf die Körpersprache der beiden - wenn Merkel lächelt, scheint auch Seibert bemerkenswert gelöst.

Twitter - der Schock des Neuen

Während Wilhelm bei vielen Reportern als "Merkels lächelnder Mund" beliebt war, gilt Seibert eher als Klammeraffe der Kanzlerin. Klammeraffe - so wurde einst das @-Zeichen genannt, mit dem sich der Regierungssprecher bei Twitter schmückt. Und auch darin liegt ein Problem Seiberts: Mit seiner Internet-Offensive hat er einigen Berliner Journalisten die eigene Rückständigkeit vor Augen geführt. Während Experten seine Twitter-Aktivität loben und 33.000 Menschen Seiberts Botschaften verfolgen, fühlen sich Berichterstatter übergangen.

"Seibert nutzt Twitter professionell und zeitgemäß", sagt der Duisburger Politikwissenschaftler Christoph Bieber. "Seine Mitteilungen sind dem Format angepasst. Seibert nimmt bewusst in Kauf, dass er nur bedingt argumentieren kann. Er stellt sich dem Dialog mit anderen Twitter-Nutzern. Damit trifft er den Nerv seiner Zielgruppe, sonst hätte er nicht so erheblich viele Follower gewonnen."

Allerdings mahnt Bieber, der in seinem Buch "Politik digital" auf die Vorzüge sozialer Netzwerke bei der Vermittlung politischer Inhalte hingewiesen hat, Seiberts Twitter-Nutzung dürfe nicht bedeuten, dass sich der Regierungssprecher einer Diskussion mit kritischen Journalisten versperre.

In den Augen seiner Gegnerist genau das schon einmal passiert - damals, im März. Seibert hatte eine Washington-Reise der Kanzlerin via Twitter angekündigt, den Termin jedoch nicht - wie sonst üblich - auch auf dem konventionellen Weg (E-Mail, Faxabruf, Papier) bekannt gemacht. In der Bundespressekonferenz kam es daraufhin zu absurden Szenen.

Seibert - ein junger, tougher Typ?

Der Ton der Fragen, die Seiberts Stellvertreter Christoph Steegmanns beantworten musste, klang "ein bisschen wie ein betrogener Ehemann, der aus der Zeitung erfahren muss, dass seine Frau einen anderen hat" (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung). "Ältere Menschen" seien mit diesen "neumodischen Kommunikationsformen nicht so vertraut", hieß es seitens der Hauptstadtjournalisten. Ob Herr Seibert das nur mache, weil er ein "junger tougher Typ" sein wolle?

Die üblichen Verdächtigen unter den Bloggern und Twitter-Meinungsführern gossen daraufhin kübelweise Häme und Spott über die "Offline-Medien" aus. Und ein langjähriger Berlin-Korrespondent räumte im Nachklapp ein, es gebe wohl eine "gewisse Bräsigkeit" in der Branche.

Seibert stand in der Außendarstellung als Vorreiter der neuen Medien da, die Journaille war blamiert. Und reagierte: Manch ein Kollege, der soziale Netzwerke eben noch aus beruflichen Gründen ablehnte, war nun aus denselben Gründen mit Eifer dabei. Als Seibert im Mai bei Twitter ein Tippfehler unterlief und er Osama (bin Laden) mit (US-Präsident Barack) Obama verwechselte, griffen das bemerkenswert viele klassische Medien auf. Und auch als vor kurzem ein gefälschtes Google-Plus-Konto in Seiberts Namen auftauchte, war das in vielen Zeitungsspalten nachzulesen.

"Es war in diesem Moment sehr richtig, die Hauptstadtjournalisten herauszufordern", sagt auch Politikwissenschaftler Bieber. "Es herrschte ein Schock des Neuen vor, der dem einen oder anderen zu denken gegeben haben wird."

Das Verhältnis zwischen Seibert und den Journalisten wurde dadurch allerdings nicht unbedingt besser. "Ich finde es gut, dass er das macht. Aber etwas Neues habe ich über Twitter noch nicht erfahren", moniert ein Wirtschaftskorrespondent hinter vorgehaltener Hand. Tweets à la "Kanzlerin: toll" würden ihm keinen Erkenntnisgewinn bringen.

Seibert selbst bemühte sich, seine Twitter-Nutzung ins rechte Licht zu rücken: "Ahnte nicht, dass das solche Wellen schlägt. Mein Twittern ist kein Umgehen der Journalisten, sondern ein Zugehen auf andere", schrieb er bei dem Kurznachrichtendienst. Und im Zeit-Magazin erwähnte er, dass er privat am liebsten Postkarten schreibe.

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