Kampf-Festivals Wo Rechtsextreme für den Umsturz trainieren

Fundstücke, die bei einer Razzia in der rechtsextremen Hooligan- und Kampfsportszene beschlagnahmt wurden.

(Foto: imago images / Martin Müller)
  • Seit einigen Jahren nimmt die Zahl der Kampfveranstaltungen in der rechten Szene zu, sie werden zudem immer professioneller organisiert.
  • Dem liegt ein Kalkül zugrunde: Rechtsextreme wollen sich auf einen angeblichen Tag X vorbereiten, sie phantasieren vom gewaltsamen Umsturz.
  • Auch wenn das unrealistisch ist: Die Entwicklung bereitet den Sicherheitsbehörden Sorgen.
Von Antonie Rietzschel, Leipzig

Im Juni sollen die Kämpfe beginnen. Unter dem Motto "Siege werden sich erkämpft" wollen Kampfsportler aus der rechtsextremen Szene beim "Tiwaz - Kampf der freien Männer" gegeneinander antreten. Das Turnier fand zum ersten Mal im Sommer 2018 in Grünhain im sächsischen Erzgebirge statt. 250 Zuschauer kamen. Für die zweite Auflage haben die Veranstalter einen neuen Ort gewählt. Der Ankündigung zufolge soll er in Mitteldeutschland liegen. Womöglich eine strategische Entscheidung, um das Event für Neonazis aus ganz Deutschland besser erreichbar zu machen.

Musik, Kleidung, Schmuck - die rechtsextreme Szene hat sich über Jahre einen eigenen Lifestyle erschaffen. Es gibt lange gewachsene Verbindungen in die Hooligan- und Türsteher-Szene. Die Affinität zum Kampfsport ist in dem Zusammenhang nicht wirklich neu. Neu aber sind die strategische Ausrichtung der Netzwerke und die Professionalisierung von Kampfveranstaltungen. Rechtsextremismus-Experten zufolge geht es nicht nur ums Kräftemessen. Es gilt, sich auf einen angeblichen Tag X vorzubereiten, auf den gewaltsamen Umsturz, von dem Rechtsextreme träumen.

Wachsende Bedeutung

Es ist eine Entwicklung, die den Sicherheitsbehörden Sorgen bereitet, wie die Antwort des Innenministeriums auf eine Kleine Anfrage der Grünen zeigt. Der Trend, Kampfsport zu betreiben, habe sich insbesondere in den vergangenen zwei Jahren "zunehmend verstärkt", heißt es in dem Papier. Es sei zu befürchten, dass die "Professionalisierung von Rechtsextremisten im Kampfsport für Auseinandersetzungen auf der Straße mit dem politischen Gegner oder der Polizei genutzt wird". Entsprechende Vorfälle gab es bereits: So beteiligten sich Kampfsportler aus der Neonazi-Szene am Überfall auf den linken Stadtteil Leipzig-Connewitz im Januar 2016. Auch bei den Ausschreitungen in Chemnitz im vergangenen Jahr waren sie nach Informationen der Sicherheitsbehörden vor Ort.

Die Zahl rechtsextremer Teams in Deutschland ist überschaubar. Deren Kämpfer traten in der Vergangenheit bei offiziell unpolitischen Wettkämpfen auf. Dem Innenministerium zufolge gewinnen jedoch szeneinterne Kampfveranstaltungen an Bedeutung. Sie seien mittlerweile vergleichbar identitätsstiftend wie der Besuch von großen Musikveranstaltungen.

Rechtsextremismus Ku-Klux-Klan agierte in Deutschland unbemerkt
Rechtsextremismus

Ku-Klux-Klan agierte in Deutschland unbemerkt

Gruppen des Rassistenklubs sind auch hierzulande zunehmend aktiv. Eine von ihnen gibt es offenbar schon seit Jahren, aber blieb von den Behörden lange unbemerkt.   Von Frederik Obermaier

In dem Zusammenhang verweist das Innenministerium auf mehrere kleine Events, aber auch auf den "Kampf der Nibelungen". Bis 2017 fand die auf Mixed Martial Arts spezialisierte Veranstaltungsreihe vor allem in Nordrhein-Westfalen statt. Der Organisator ist ein bekannter Neonazi aus Dortmund. Zu seinen Unterstützern zählt Denis Nikitin (hier im Porträt), Gründer des russischen Neonazi-Netzwerks "White Rex" und Mit-Organisator diverser Kampfsportveranstaltungen.

Im Frühjahr 2018 wurde der "Kampf der Nibelungen" auf das "Schild-und-Schwert-Festival" ins sächsische Ostritz verlegt, nahe der polnischen Grenze. Das Festival, organisiert vom NPD-Kader Thorsten Heise, wurde damit zu einem rechtsextremen Mega-Event mit Konzerten, Vorträgen - und Ringkämpfen. Im Oktober 2018 fand der "Kampf der Nibelungen" erneut in Ostritz statt. Die Kämpfer kamen aus dem gesamtem Bundesgebiet. Aber auch Rechtsextreme aus Bulgarien und Griechenland traten gegeneinander an. Mehr als 500 Menschen sahen zu.

Neues Selbstbewusstsein

Ähnlich wie die großangelegten Musik-Festivals der vergangenen Jahre dienen Kampfsportveranstaltungen wie der "Kampf der Nibelungen" oder das "Tiwaz" der Vernetzung. Gleichzeitig beobachten die Sicherheitsbehörden, dass die Events auch Zuschauer anlocken, die sich bisher nicht in der rechtsextremen Szene verorten ließen. Es handle sich um junge kampfsportaffine und rechtsgerichtete Männer bis etwa 25 Jahre, heißt es in der Antwort des Innenministeriums auf die Kleine Anfrage der Grünen. "Ob sie sich dauerhaft als Aktivisten in rechtsextremistische Strukturen einbinden lassen, ist jedoch fraglich. Allerdings stehen sie anlassbezogen als Mobilisierungspotential für Demonstrationen zur Verfügung."

Die Sicherheitsbehörden können wenig gegen die Veranstaltungen tun, da sie häufig konspirativ organisiert werden und in geschlossenen Privaträumen stattfinden. Die Veranstalter von Großevents wie dem "Kampf der Nibelungen" würden sich zudem an die Auflagen halten und deswegen kaum Einschränkungen erfahren, so das Innenministerium. Innerhalb der Szene gebe es deswegen auch ein neues Selbstbewusstsein, nach außen offener zu kommunizieren. So hatten die Veranstalter des "Kampf der Nibelungen" auf Facebook für Ende März ein Seminar für den "Straßenkampf" angekündigt.

Anfang April gelang den Sicherheitsbehörden zumindest ein kleiner Erfolg. Die Polizei führte in mehreren Bundesländern Razzien durch. In der Neonazi-Hochburg Cottbus gingen sie gegen mehrere Personen vor, die der Hooligan- aber auch der Kampfsport-Szene zuzuordnen sind. Sie stehen unter dem Verdacht, eine kriminelle Vereinigung gebildet zu haben.

Demokratie "Ich habe mich nicht einzumischen"

Thüringens Justizminister zu umstrittenen Ermittlungen

"Ich habe mich nicht einzumischen"

Immer mehr Fälle nähren den Verdacht, dass ein Staatsanwalt aus Gera linke Aktivisten besonders hart verfolgte. Gegen eine Auschwitz-Äußerung unternahm er kaum etwas. Thüringens Justizminister war die Kritik daran lange bekannt.   Von Antonie Rietzschel