bedeckt München 17°

Räumung des Lagers von Calais:Der "Dschungel" verschwindet, das Problem bleibt

Die Abwicklung des Flüchtlingslagers von Calais gleicht der Auflösung einer Kleinstadt. Doch der Traum von Großbritannien, den viele Flüchtlinge haben, wird damit nicht verschwinden.

Von Paul Munzinger

Der Ausweg aus dem Dschungel soll in geordneten Bahnen verlaufen. Eine 3000 Quadratmeter große Lagerhalle ist zu einem Busbahnhof umfunktioniert worden, in vier Schlangen stellen sich die Menschen an: Familien, allein reisende Männer, allein reisende Minderjährige, besonders verletzliche Personen. Auf einer Frankreichkarte können sie wählen, in welche Region sie wollen, nur Paris und Korsika sind ausgenommen. Ganz oben auf der Landkarte markiert ein roter Punkt die Küstenstadt Calais, "You are here" steht auf Englisch daneben.

Belgien, Deutschland, Italien, Spanien sind auf der Karte verzeichnet. Großbritannien, 50 Kilometer Luftlinie von Calais entfernt, ist es nicht.

Je nach Ziel ihrer Reise erhalten die Migranten ein buntes Armband, nach der Ankunft können sie einen Asylantrag stellen. Sind 50 Menschen mit dem gleichen Armband zusammengekommen, startet ein Bus. Pünktlich um acht Uhr morgens öffnet die Lagerhalle, wenig später fährt der erste Bus los. Er soll 50 Sudanesen nach Burgund bringen, an Bord gibt es belegte Brote, Äpfel, Wasser. Es ist der erste Transport von vielen, die den Dschungel von Calais in den nächsten Tagen verlassen sollen.

Und es sind die ersten 50 von insgesamt etwa 6400 Flüchtlingen, die von hier aus auf ganz Frankreich verteilt werden sollen. Die Abwicklung des Dschungels gleicht der Auflösung einer Kleinstadt. Ob sie ein Erfolg wird, für die Flüchtlinge, für Calais, für Frankreich, ist vollkommen offen.

Kein Ort auf dem europäischen Festland liegt geographisch näher an Großbritannien als Calais. Doch für kaum einen Menschen auf dem europäischen Festland war die Insel so unerreichbar wie für die Migranten in dem Lager östlich der Stadt an der Kanalküste. Bis zu 10 000 Menschen lebten hier in den vergangenen zwei Jahren in Zelten und primitiven Holzhütten. Die allermeisten von ihnen hatten die Hoffnung, eines Nachts auf einer Fähre, in einem LKW oder einem Zug durch den Tunnel auf die andere Seite des Kanals zu gelangen. Manche haben dort Angehörige. Andere erhoffen sich ein besseres Leben in England - eine Hoffnung, die sich nicht selten eher auf Gerüchte als auf Tatsachen zu gründen scheint.

Doch Großbritannien hat alles getan, um sich die Menschen vom Leib zu halten. Schon 2003 vereinbarte London mit Frankreich, dass die britische Grenze de facto auf französischem Boden kontrolliert wird. Zuletzt wurde sogar mit dem Bau einer Mauer begonnen. Und Frankreich tat fast nichts, um den Menschen das Leben erträglicher zu machen.

2000 Migranten sollen entschlossen sein, zu bleiben

In einer Woche soll der Dschungel Geschichte sein. Erst werden die Bewohner weggebracht, dann kommen, so sieht es der Plan vor, die Bulldozer. Nachdem es am Sonntagabend und Montagmorgen noch Ausschreitungen gab, verlief der Tag dann weitgehend ruhig, sagt Yohann Duquenoy, ein Bewohner von Calais, der den Flüchtlingen im Dschungel schon seit Jahren überall da hilft, wo jemand gebraucht wird; der mit ihnen eine Schule baute oder Fahrräder reparierte. Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve sprach von einer ruhigen und geordneten Operation.

Ob es so ruhig bleibt, ist fraglich. Die Stimmung unter den Bewohnern des Dschungels sei geteilt, berichtet Duquenoy. Die einen seien froh, dass sie ihre schlammigen Behausungen bald gegen ein Zimmer mit Heizung und fließendem Wasser eintauschen können. Andere wollten sich ihren Traum von England nicht nehmen lassen. Etwa 2000 Migranten seien entschlossen zu bleiben, sagt er. Ob die Räumung des Dschungels gelingt, entscheide sich nicht jetzt, sondern dann, wenn nur noch jene da sind, die nicht gehen wollen. Ihnen droht die Festnahme und die Ausweisung.

Und 600 Migranten, schätzt Duquenoy, seien bereits verschwunden, keiner wisse wohin. Der Unterhausabgeordnete von Dover forderte bereits, die Grenzkontrollen zu verstärken. Verzweifelter als je zuvor würden die Migranten nun versuchen, nach Großbritannien zu kommen.

Der Traum von der Insel, das wissen sie nirgends besser als in Calais, wird mit der Auflösung des Dschungels nicht verschwinden. Die Nähe zu Großbritannien, der Hafen, der Eurotunnel haben die Stadt schon vor zwanzig Jahren zu einem Brennpunkt der globalen Migrationsbewegung gemacht, als der Rest Europas davon noch praktisch keine Notiz nahm. Ein erstes Camp wurde 2002 unter dem damaligen Innenminister Nicolas Sarkozy dichtgemacht. "Wir setzen einem weltweiten Symbol für das Anfachen illegaler Immigration ein Ende", sagte Sarkozy damals. Er täuschte sich. 2009 löste die Polizei erneut ein Lager auf, es war das erste, das der "Dschungel" genannt wurde. Es folgte das nächste Lager, der "neue Dschungel". In Calais wollen sie diese Kette nun unbedingt durchbrechen, vor allem mit stärkerer Polizeipräsenz.

"Die Auflösung des Dschungels ist nur der Kampf gegen Symptome"

Dass das gelingen wird, bezweifelt Karl Kopp, Europa-Referent von Pro Asyl. Der französischen Regierung gehe es im anlaufenden Präsidentschaftswahlkampf vor allem darum, Härte zu zeigen. Davor, das beklagt auch Yohann Duquenoy, habe sie weggeschaut, nur ein einziges Mal war François Hollande in Calais. "Das Wegschaffen der Menschen", sagt Kopp, "löst das Grundproblem nicht: Das Fehlen legaler Wege nach Großbritannien. Die Auflösung des Dschungels ist nur der Kampf gegen Symptome." Wenn das eine Lager aufgelöst werde, bildeten sich eben anderswo neue Camps, neue Dschungel.

Die Flüchtlinge hätten nun vor allem Angst, dass sie vergessen werden. Denn zumindest das hätten die katastrophalen Zustände im Dschungel bewirkt: dass die Welt nicht mehr wegsehen könne. 500 akkreditierte Journalisten begleiteten das Geschehen in Calais, sogar ein Team aus Bangladesch war vor Ort. Französische und britische Medien berichteten in Live-Blogs, auf Facebook gab es Live-Videos. Dass die Journalisten die Flüchtlinge nun auch nach Burgund begleiten werden, ist nicht zu erwarten.

© SZ.de/dayk/ghe
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB