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Prozess gegen Beşiktaş-Ultras:Fußball gegen Erdoğan

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Beşiktaş-Fans solidarisieren sich mit ihren 35 angeklagten Kollegen.

(Foto: AFP)
  • In Istanbul steht die Führungsriege des bekanntesten türkischen Ultra-Fanclubs Beşiktaş-Çarsı vor Gericht.
  • Die Anklage wirft ihnen einen Putschversuch gegen die Regierung vor. Die Ultras hatten sich aktiv an den Gezi-Protesten im Sommer beteiligt.
  • Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch spricht von einer "lächerlichen Parodie" eines Prozesses und fordert dessen sofortige Einstellung.

Von Christiane Schlötzer, Istanbul

Über den weiten Platz vor dem Istanbuler Justizpalast, eine öde Betonplatte, schallt aus rund tausend Kehlen der Schlachtruf: "Dieses Spiel werden wir gewinnen." Dazu schwenken die Fans des Istanbuler Fußball-Erstligisten Beşiktaş Istanbul ihre schwarz-weißen Fahnen.

Drinnen im größten Justizgebäude Europas drängen sich am Dienstagmorgen in einem auffallend kleinen Saal 35 Angeklagte und ihre Anwälte. Für den spektakulären Prozess gegen die Führungsriege des bekanntesten türkischen Ultra-Fanclubs Beşiktaş-Çarsı hat das Gericht einen geradezu winzigen Raum gewählt. Selbst Angehörige der Angeklagten finden keinen Platz mehr. Eine Mutter schreit: "Ich will zu meinem Sohn. " Polizisten drängen die Frau ab.

Bei einer Verurteilung droht den Männern lebenslange Haft

Die Anklage wirft den Çarsı-Leuten einen Putschversuch gegen die türkische Regierung vor. Die Ultras hatten sich aktiv an den Gezi-Protesten im Sommer vorigen Jahres beteiligt. Ihre Anwälte sprechen daher von einem "politischen Prozess". Bei einer Verurteilung droht den Männern - alle um die 40 Jahre alt - lebenslange Haft.

Die Staatsanwaltschaft nennt die Gruppe eine "kriminelle Vereinigung". Sie habe ausländischen Medien Fotos von den Gezi-Protesten geliefert, um diese als Bewegung wie den Arabischen Frühling darzustellen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch spricht von einer "lächerlichen Parodie" eines Prozesses und fordert dessen sofortige Einstellung.

Ayhan Güner, einer der führenden Köpfe der Gruppe, sagte der Süddeutschen Zeitung: "Als ich von der Anklage hörte, habe ich gelacht." Der prominenteste Çarsı-Mann, Cem Yakışkan, bekannt in Istanbul wie ein Volksheld, scherzte auch vor Gericht: "Wenn wir die Kraft zu einem Putsch gehabt hätten, hätten wir Beşiktaş zum Champion gemacht."

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