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Proteste im Wendland:Polizei geht mit Wasserwerfern gegen Castor-Gegner vor

Der Castor ist noch gar nicht da, doch die Proteste gegen den Atommüll-Transport eskalieren: Im Wendland setzt die Polizei Tränengas, Wasserwerfer und Schlagstöcke gegen Demonstranten ein. Die Aktivisten hatten eine Kreuzung besetzt - und offenbar mit Feuerwerkskörpern geworfen.

An diesem Freitagvormittag wird der Castor-Transport in Deutschland erwartet, doch noch steht der Zug im nordfranzösischen Rémilly. Das bestätigte ein Sprecher der französischen Umweltpartei Les Verts der Nachrichtenagentur dapd. Damit widerspricht der Politiker mehreren Berichten aus der Nacht zum Freitag auf dem Onlinedienst Twitter.

Die Proteste gegen den Castor-Transport waren am Donnerstagabend erstmals eskaliert. Die Polizei setzte gegen mehrere hundert Umweltschützer im Wendland Tränengas, Wasserwerfer und Schlagstöcke ein. Die Beamten nahmen vier Aktivisten fest, wie ein Sprecher des Polizei-Presseteams "Castor" mitteilte. Die Lüneburger Polizei bestätigte außerdem den Einsatz von Wasserwerfern.

Die Beamten seien auf einer Kreuzung der B 216 bei Metzingen (Kreis Lüchow-Dannenberg) nach einer Kundgebung mit Feuerwerkskörpern und Farbbeuteln attackiert worden. Daraufhin hätten sie selbst Tränengas, aber auch einen Wasserwerfer eingesetzt. Insgesamt seien acht Polizisten und eine Demonstrantin verletzt worden.

Zu der Kundgebung hatte die Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz Lüchow-Dannenberg aufgerufen. Nach Polizeiangaben hätten zuletzt bis zu 600 Demonstranten die Kreuzung bei Metzingen blockiert.

Nach dem Vorfall in Metzingen sei die Nacht im Wendland ruhig verlaufen. Atomkraftgegner haben aber bereits weitere Protestaktionen an den Schienen angekündigt, um den Castor-Transport aufzuhalten.

Im Saarland stellen sich die Sicherheitskräfte an diesem Freitag auf eine Ankunft des mit elf Spezialbehältern beladenen Zuges am Mittag ein. Dort planen Atomkraftgegner mehrere Aktionen. Alternativ könnte der Zug aber auch die Strecke über das pfälzische Berg oder Kehl in Baden-Württemberg nehmen. Eine offizielle Bestätigung für die Streckenführung gibt es aus Sicherheitsgründen nicht.

Der Atommüll-Zug hatte am Donnerstagvormittag die französische Gemeinde Rémilly rund 65 Autokilometer südwestlich von Saarbrücken erreicht. Nach Greenpeace-Angaben deutete ein ungewöhnlich großes Polizeiaufgebot bereits auf einen längeren Halt hin. Offenbar sollten in Rémilly auch das Zugpersonal und die Lokomotive ausgetauscht werden.

Die Polizei will beim Castor-Transport nach Gorleben konsequent gegen mögliche Straftäter vorgehen. Das sagte Lüneburgs Polizeipräsident Friedrich Niehörster in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Er kündigte an, die Einsatzkräfte würden keine Straftaten wie etwa das Schottern der Gleise dulden - dabei holen Atomkraftgegner Steine aus dem Gleisbett, um den Zug so aufzuhalten. "Die Polizei wird sich beherzt dagegen stemmen", sagte der Polizeipräsident.

Atomkraftgegner rufen Polizisten zum Desertieren auf

Derweil trat das niedersächsische Umweltministerium Befürchtungen entgegen, wonach der laufende Castor-Transport zu hohe Strahlendosen abgeben könnte. "Alle elf Behälter halten den Wert für die beim Transport zulässige Strahlendosis von 100 Mikrosievert pro Stunde im Abstand von zwei Metern ein", sagte eine Sprecherin des Ministeriums.

Sie bezog sich dabei auf eine Veröffentlichung der deutschen Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) in Köln. Diese Messungen hätten ergeben, dass die höchste Stundendosis in zwei Metern Abstand eines Behälters bei 75 Mikrosievert gelegen habe. Das entspräche drei Viertel des zulässigen Grenzwerts. Offizielle Daten über die Belastung auf der Strecke lagen allerdings nicht vor.

Aus Sorge über die Strahlenbelastung forderten Atomkraftgegner alle Polizisten beim Begleiten des Transports zum Desertieren auf. "Wer noch Kinder bekommen möchte, sollte desertieren und weglaufen", sagte die Vorsitzende der Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, Kerstin Rudek.

Der Transport des Atommülls nach Gorleben ist seit Jahrzehnten umstritten. Greenpeace und andere Organisationen halten den Salzstock an der früheren DDR-Grenze für zu unsicher, um hier den Müll für immer in rund 800 Metern Tiefe zu lagern. Seit vielen Jahren gibt es daher Proteste gegen Castor-Transporte in das nahe des Salzstocks gelegene oberirdische Zwischenlager, wo der Müll bis zur Endlagerung abkühlen soll. Der laufende Transport ist der letzte mit hoch radioaktiven Abfällen aus der Wiederaufarbeitung deutscher Brennelemente in Frankreich Richtung Gorleben.

© dapd/dpa

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