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Grüner Jens Kerstan:Verändern in Verantwortung

prof

Reedersohn Jens Kerstan ist in Hamburg geboren und geblieben, er streitet mit Geduld und ohne Illusionen. Nun lässt er als grüner Umweltsenator Straßen für Diesel­autos sperren.

Das Dieselfahrverbot, das die Hansestadt Hamburg von 31. Mai an verhängen wird, verfolgt den Umweltsenator Jens Kerstan gerade überallhin. Selbst sein Zahnarzt hat ihn neulich darauf angesprochen.

"Wegen Ihnen darf ich mit meinem Auto nicht mehr durch die Max-Brauer-Allee, stimmt doch?" Ja, stimmt! Leugnen war zwecklos, denn der Zahnarzt hatte Kerstan in den "Tagesthemen" gesehen. Die Frage klang auch nicht gerade begeistert, und die Behandlung ging los. "Da war ich kurzfristig in Sorge", sagt Kerstan.

Der 52-Jährige lacht, als er diese Episode erzählt. Sie zeigt, wie sehr das erste Dieselfahrverbot in Deutschland die Menschen beschäftigt. Kerstan ist das Gegenteil eines verbissenen Menschen, meistens vergnügt und mit Augenzwinkern unterwegs. Als Grüner in Hamburg braucht er diesen Humor wohl auch, wenn er das ökologische Bewusstsein der konservativen Eliten schärfen will.

Und die Aufregung um das Dieselfahrverbot amüsiert ihn erst recht. Erstens, weil es eigentlich gar kein Fahrverbot ist, sondern offiziell nur eine Durchfahrtsbeschränkung für Dieselfahrzeuge bis Euronorm 5 an zwei Straßenabschnitten in Altona, für die das örtliche Verwaltungsgericht nach diversen Klagen bessere Stickoxid-Werte einforderte; Umleitungen werden ausgeschildert, ein Abschnitt ist nur für Lkw gesperrt. Zweitens schmunzelt Kerstan darüber, wie sehr eine konkrete, nicht mal strenge Maßnahme für reinere Luft die Autofahrernation aufrührt: "Schon erstaunlich, wie erstaunlich die Leute es finden, wenn man auch nur ansatzweise anfängt zu reagieren."

Naturschutz halten viele immer noch für zu umständlich und teuer. Gerade in Hamburg bekommen Kerstan und die Grünen das zu spüren. Dass die Elbe für große Containerschiffe vertieft werden soll, mussten sie zum Beispiel schon schlucken, als sie von 2008 bis 2010 mit der CDU die erste schwarz-grüne Koalition in Deutschland bildeten; Kerstan war damals Fraktionschef.

Bei den Koalitionsverhandlungen nach der Bürgerschaftswahl 2015 konnten die Grünen sich dann mit der SPD erst mal nicht auf ein klares Dieselfahrverbot verständigen, der damalige Bürgermeister Olaf Scholz wollte es auf keinen Fall. Der Kompromiss, der nun umgesetzt wird, ergab sich erst im Regierungsalltag. Bis heute eckt Kerstans Behörde immer wieder an, wenn sie Grünflächen ausbauen oder mit kommunalen Netzwerken alternative Wärmeversorgung fördern will.

Kerstan, in Hamburg geboren und geblieben, streitet mit Geduld und ohne Illusionen. Er gehört zu jenen Grünen, die in Verantwortung etwas verändern wollen. Von moralischer Bevormundung hält er wenig, viel dagegen von einer Vernunftpolitik, die Verständnis für den Wunsch nach Wohlstand zeigt, aber zugleich auch Haltung in Umwelt- und Sozialfragen.

Er ist Sohn eines Reeders, das hat ihn genauso geprägt wie sein frühes Engagement in der Umweltbewegung. Im Volkswirtschaftsstudium waren Wirtschafts- und Umweltpolitik seine Schwerpunkte, in der Fraktion gehörten Haushalt und Finanzen dazu. Er sagt: "Wenn man Zukunft für die Gesellschaft organisieren will, wird man Ökonomie und Ökologie unter einen Hut bringen müssen."

Der Dieselskandal bei VW hat ihn in der Meinung bestärkt, dass die Industrie einen politischen Rahmen braucht, der sie zu nachhaltigen Technologien verpflichtet. Kerstan ist deshalb unzufrieden mit der Bundesregierung, welche die Autoindustrie nicht in die Pflicht nehme und die Autofahrer belaste. "Wir haben ja nur zu dieser Durchfahrtsbeschränkung greifen müssen, weil die Bundesregierung seit drei Jahren überhaupt nicht reagiert", sagt Kerstan, "wenn man die Autos auf Kosten der Industrie nachrüsten würde, hätten wir auf keinem einzigen Meter in unserer Stadt ein Problem."

Von Hamburgs Dieselsperre erhofft er sich ein Signal, das nicht nur in der Praxis seines Zahnarztes ankommt.

© SZ vom 28.05.2018/odg

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