Annalena Baerbock im Profil:Alles, nur kein Grünzeug

Landesmitgliederversammlung Grüne Hamburg

"Die Haltung 'das haben wir schon immer so gemacht', finde ich schwierig", sagt Baerbock über ihre Partei. Sie will sich daran machen, das zu ändern.

(Foto: dpa)

Annalena Baerbock gilt als furchtlos und unideologisch, ihre Kandidatur für den Parteivorsitz der Grünen als aussichtsreich: Sie könnte einiges in der Partei durcheinanderbringen.

Von Constanze von Bullion, Berlin

Sie gehört zu der Sorte Frau, die nicht zu Furchtsamkeit neigt und auch den eigenen Parteifreunden gern mal Widerworte in den Weg legt, so zum Nachdenken. Jetzt hat sich Annalena Baerbock entschieden, beim nächsten Parteitag der Grünen für den Posten der Parteivorsitzenden zu kandidieren.

Bei vielen Grünen, die noch an Post-Jamaika-Verstimmung leiden, gilt die 36-jährige Bundestagsabgeordnete und Mutter von zwei Kindern als Wunschkandidatin für den Parteivorsitz, auch weil sie für einen Generationswechsel stehen könnte. Ein Selbstläufer aber ist die Bewerbung nicht. Baerbock könnte den Prozess grüner Selbsterneuerung einigermaßen durcheinanderbringen.

Die frühere Chefin der Brandenburger Grünen gehört zum realpolitischen Flügel ihrer Partei - genau wie der schleswig-holsteinische Umweltminister Robert Habeck. Auch Habeck wünschen sich viele Grüne an die Parteispitze, auch er hat am Sonntag seine Kandidatur bekannt gegeben. Allerdings tat er das nach monatelangem Zögern und erst, nachdem Baerbock am Samstag bekannt gab, dass sie nicht mehr abzuwarten gedenkt. Es sei "fatal", schrieb sie auf Facebook, "wenn nun auch noch von uns Grünen der Eindruck entstünde, es drehe sich alles nur um die Männer und wenn die sich entschieden haben, käme dann einfach noch irgend ne Frau an Mister X Seite."

"Die Haltung 'das haben wir schon immer so gemacht', finde ich schwierig"

Gemeint war damit auch Noch-Parteichef Cem Özdemir, der nach dem Fraktionsvorsitz greifen könnte. Dass grüne Alphamänner sich Spitzenjobs aussuchen, bevor die Frauen dazusortiert werden wie Grünzeug, passt Baerbock nicht. Überhaupt, sie wird gern mal etwas deutlicher, auch mit älteren Semestern ihrer Partei, die ihr bisweilen zu ideologisch sind. "Die Haltung 'das haben wir schon immer so gemacht', finde ich schwierig", sagte Baerbock kürzlich. "Wir haben schon in Gorleben auf der Straße gesessen, wir haben den Atomausstieg gemacht - die Jüngeren wissen gar nicht, was Gorleben ist. Denen müssen wir erklären, warum sie heute Grün wählen sollen."

Ihr Elternhaus, sagte Baerbock mit liebevoller Nachsicht, sei "bisschen so ein Hippiehaushalt" gewesen. Sie kommt vom Dorf in Niedersachsen, wollte eigentlich Kriegsreporterin werden und trat mit 25 Jahren bei den Grünen ein. Bis dahin hatte sie Politik studiert und einen Master in Völkerrecht in London gemacht. Baerbock arbeitete drei Jahre für eine grüne Europaabgeordnete in Brüssel, bevor sie 2009 an die Spitze des kleinen Brandenburger Landesverbands befördert wurde. Er machte 2012 von sich reden, als der Schatzmeister mit der Kasse durchbrannte.

Baerbock gab 2013 den Landesvorsitz ab, sitzt seitdem im Bundestag und gilt da als Allrounderin und Klimaexpertin, der Brandenburger Braunkohle wegen. Bei den Jamaika-Sondierungen war sie grüne Verhandlungsführerin in Sachen Europa. Ob sie es schafft an die Parteispitze? Mal sehen, sagt Baerbock. Die Chancen könnten schlechter stehen.

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