Mein Leben in Deutschland:Die Pressefreiheit ist wichtiger als alles andere

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Demonstration gegen geplantes Versammlungsgesetz

Gewalt gegen Journalisten: Bei dieser Demonstration in Düsseldorf gegen das geplante Versammlungsgesetz für Nordrhein-Westfalen sollen Mitarbeiter der Nachrichtenagentur dpa am 26. Juni von Polizisten geschlagen worden sein.

(Foto: Roberto Pfeil/dpa)

Immer öfter werden Journalisten angegriffen, auch hierzulande. Das ist Anlass zu mehr Besorgnis, meint unser Kolumnist.

Von Yahya Alaous

In Sachen Pressefreiheit ist es im vergangenen Jahr auch in diesem Land leider zu einer Verschlechterung gekommen. Laut dem Jahrbuch der Pressefreiheit, das Reporter ohne Grenzen seit 2013 herausgibt, wurde Deutschland von "gut" auf "zufriedenstellend" zurückgestuft. Das ist ein Rückschlag in einem Land, dessen Bürger stolz sind auf die Freiheit der Medien, die ihnen als eine echte vierte Instanz gelten.

Seit meiner Ankunft in Deutschland 2015 habe ich dieses Pressefreiheits-Ranking verfolgt. Zu Beginn jedes Jahres freue ich mich darauf, sicherzustellen, dass nur die weiße Farbe, die "gute", die Karte von Deutschland bedeckt, aber das ist in diesem Jahr nicht geschehen, da das "zufriedenstellende" Gelb in der Lage war, das Weiß zu verdrängen und zu ersetzen. Ich war enttäuscht von der Verschlechterung des Deutschland-Ratings, obwohl dies angesichts der Berichte über Angriffe auf viele Medienschaffende im vergangenen Jahr zu erwarten war.

Yahya Alaous

ist syrischer Journalist. Der heute 47-Jährige saß von 2002 bis 2004 im Gefängnis. Anfang des Jahres flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern über den Libanon nach Deutschland. Seit fünf Monaten lebt er mit seiner Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland" (die erste Kolumne finden Sie hier).

Übersetzung: Jasna Zajcek

Das Gute daran ist, dass wir eine Beobachtungsstelle haben, die die Situation der Medienfreiheit in diesem Land und auch in anderen Ländern nicht nur im Blick hat, sondern als Herausforderung und Hindernis für die Journalisten ernst nimmt und sie dann auf den Tisch der öffentlichen Meinung legt.

Als sich während der Corona-Pandemie im vorigen Jahr ein Abschwung der Wirtschaft ankündigte, war die Sorge und Unzufriedenheit der Bürger groß; man forderte schnelles Handeln. Die Verschlechterung des deutschen Rankings bei der Medienfreiheit löste keine solche Reaktion aus. Tatsächlich haben viele Menschen nichts davon mitbekommen und vielleicht nicht einmal davon gehört, obwohl Reporter ohne Grenzen mehrmals vor der Verschlechterung gewarnt hat.

Zu wenig Hilfe von der Polizei

Reporter ohne Grenzen hat etablierte Standards, um den Zustand der Pressefreiheit in einem Land zu messen. Meiner Meinung nach lag ein wichtiger Grund für die steigende Zahl von Angriffen auf Journalisten darin, dass die Polizei ihnen, vor allem während Demonstrationen, nicht genug geholfen hat. Besonders bedenklich ist, dass die Attacken auf Journalisten von deutschen Bürgern selbst kamen.

Es ist nicht einfach, die Einstellung der Menschen gegenüber der journalistischen Arbeit zu verändern und die Medienfreiheit wieder als wichtigen, ja heiligen Wert zu etablieren. Das ist echte Arbeit, aber sie muss getan werden, denn sonst drohen in Deutschland Zustände wie in Frankreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten. Diese Länder waren seit der Einführung des Index im Jahr 2013 nie in der Farbe Weiß.

Als Journalist, der aus einem Land kommt, in dem jede Form von Freiheit unterdrückt wird, bin ich der Ansicht, dass die gesetzlich garantierte Medien-, Meinungs- und Redefreiheit wichtiger ist als alles andere. Die Stärke eines Landes liegt nicht nur in seiner Wirtschaftskraft, sondern auch in den Freiheiten, die es schützt und gewährt.

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