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Mein Leben in Deutschland:Die große Illusion

Warten auf den Piks

Der Stoff für Verschwörungstheorien aller Art

(Foto: Thomas Frey/dpa)

Auch unter den Geflüchteten gibt es Impfskeptiker. Was das mit dem Glauben an einen verbreiteten Verschwörungsmythos im Nahen Osten zu tun hat, erklärt unser Kolumnist Yahya Alaous.

Von Yahya Alaous

Warten auf den Piks

Der Stoff für Verschwörungstheorien aller Art

(Foto: Thomas Frey/dpa)

Genauso wie deutsche Staatsbürger bereiten sich Flüchtlinge darauf vor, den Impfstoff gegen das Coronavirus zu erhalten. Mit Ausnahme einer kleinen Gruppe, deren Angehörige immer noch zögern, zu entscheiden, ob sie den Impfschutz annehmen oder ablehnen werden. Die meisten Unentschlossenen unter meinen syrischen Bekannten stammen aus dem "Verschwörungsmythos"-Freundesclub. Manche glauben, dass man anhand der Impfung mit ihrem kostbaren Genmaterial spielen möchte, oder dass versucht wird, die Menschheit zu zerstören oder mindestens zu verstümmeln.

Die zweite Gruppe der Impfskeptiker besteht aus generell zögerlichen oder verängstigten Menschen. Sie sind es gewohnt, jede Herausforderung sehr ernst zu nehmen und ausreichend zu bedenken, bevor sie eine Entscheidung treffen. Dann gibt es noch diejenigen, die sich anhand von oft zweifelhaften Youtube-Clips in ihren sozialen Netzwerken informieren, um sich irgendwann für oder gegen die Impfung zu entscheiden.

Seit dem Ausbruch der Pandemie haben die "Freunde des Verschwörungsmärchen-Clubs" im Internet Hunderte oder Tausende Videos und Artikel gefunden, die Zweifel an der Entstehung des Virus, seinem Ausmaß und sogar seiner Existenz aufkommen lassen. Natürlich sind diese Mythen nur vollständig, wenn man dabei über Handelskriege zwischen großen Ländern und Vormachtkämpfe zwischen großen Unternehmen spricht. Die Wirksamkeit des Impfstoffs wird angezweifelt, er wird als bloße Illusion betrachtet. Indem Menschen solche "Informationen" unhinterfragt weiterveröffentlichen, können sie absichtlich oder unabsichtlich die Angst anderer steigern.

Da heißt es etwa, dass der Impfstoff ein gefährliches Problem und eine kosmische Verschwörung gegen Menschen darstelle. Dass ihre Gene modifiziert und sie somit in Mutanten verwandelt würden. Dass sich die Reichen gegen die Armen und die Mächtigen gegen die Schwachen verschworen hätten und es ihre Pflicht sei, davor zu warnen und den Weg des Bösen durch Impfverweigerung zu blockieren. Von Anfang an habe ich versucht, diese "Informationen" nicht wahrzunehmen, um jegliche Wirkung oder Verwirrung zu vermeiden. Ich befürchtete, dass mich diese Youtube-Filme und Artikel, die auch in der Flüchtlings-Community zirkulieren, beeinträchtigen könnten. Ich kam aber nicht um alle herum.

Das Spiel mit den Instinkten

Ich war gezwungen, mir einige Clips anzusehen, die ich von Freunden, denen ich vertraue, oder von Verwandten erhalten hatte. Sie wünschten es sich explizit, ich musste die Wünsche berücksichtigen. Um ehrlich zu sein, gelang es diesen Clips und den Texten, die ich las, nicht, Bedenken gegenüber der Impfung aufkommen zu lassen. Obwohl einige der Behauptungen von Ärzten oder Akademikern kamen, die versicherten, dass sie wissenschaftlich ganz korrekt vorgingen.

Was mir an vielen dieser Welterklärer auffiel, ist ihre Tendenz, mit den Instinkten zu spielen und das allgemeine Verschwörungsmärchen zu stärken, diesen Mythos, der unser Leben im Nahen Osten begleitetet. Demnach ist alles, was dort mit uns geschah, all das Unglück, das Ergebnis einer globalen Verschwörung des Westens gegen unsere souveränen Staaten. Die Chefs unserer Länder haben allzu häufig von ihr gesprochen; sie war in staatlicher Literatur und in vielgeschwungenen Reden permanent präsent.

Dieser Denkweise zufolge haben die Araber alle Kriege aufgrund der großen Verschwörung verloren, und auch die jüngsten Revolutionen, die die arabische Welt in Unruhe stürzten, waren, so die omnipräsente Interpretation, eine Folge davon. Auch Satellitenschüsseln, um globale, vermeintlich freie Informationen zu erhalten, oder der Kampf um Menschen- und Frauenrechte werden als Beleg dieses Märchens gewertet. Im Kern besteht sie in dem Glauben, dass die Menschen im Nahen Osten ihre Souveränität und ihre Religion verlieren sollen, um westlichen Werten blindlings zu folgen. Nichts, so eine häufige Denkweise, geschah eines natürlichen, normalen Weges, alles lag im Einflussbereich der Verschwörer.

Erst wenn mein Nachbar bellt, werde ich skeptisch

Jetzt aber denke ich, dass es dringend an der Zeit ist, aufzuhören mit diesem Denken. Ich bin begeistert von der Idee der Impfung und warte auf den Tag, an dem meine Familie und ich geimpft werden können. In der Zwischenzeit werde ich meinen alten Nachbarn und seine Frau, die kürzlich geimpft wurden, genau überwachen. Nur eine Sache könnte mich daran hindern, mich impfen zu lassen: Wenn mein Nachbar anfangen würde zu bellen anstatt zu sprechen, oder wenn seine Frau einen langen Bart bekäme, dann wäre ich davon überzeugt, dass der Impfstoff die Gene des armen Paares stark beeinflusst.

Als ich vor Kurzem mit einem Freund in Syrien telefonierte, fragte er mich, ob ich schon Stiche in der Schulter hätte. Ich sagte ihm, dass es aufgrund des von der Regierung ausgearbeiteten Plans mindestens sechs Monate dauern würde, bis ich dran wäre, da verletzlichere Gruppen vor den normalgesunden Mittvierzigern, zu denen ich gehöre, an der Reihe sind. Er zeigte sich überrascht und sagte, dass wir als Geflüchtete die Impfung erst bekämen, nachdem alle deutschen Bürger durchgeimpft seien. Ich bestritt das und erklärte ihm die Prioritäten, die die Regierung beschlossen hatte. Allzu viel Mühe gab ich mir aber nicht, denn der Freund ist auch ein Mitglied im Club der Verschwörungserzähler.

Übersetzung: Jasna Zajček

© SZ/kit
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