bedeckt München 14°

Prantls Blick:Null oder Eins

Im Streit um die Weihnachtsgottesdienste spiegelt sich die gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung um Corona. Es gibt hier nur noch Null oder Eins, richtig oder falsch, verantwortungsvoll oder verantwortungslos; es gibt keine Zwischentöne.

Es gibt einen Corona-Fundamentalismus in jeder Richtung, einen Rechthaberismus sondergleichen. Zu beobachten ist eine fast giftige Auseinandersetzung, bei der sich jeder im Recht wähnt und jeder seine Entscheidung für die einzig verantwortliche und verantwortbare hält. Das Virus befällt nicht nur Menschen, es vergiftet auch das gesellschaftliche Klima. Mir ist bei einer Haltung unwohl, die so tut, als sei das Virus die Neuausgabe einer archaischen Gottheit, die man durch symbolhafte Opfergaben und Verzichtsgehorsam befriedigen muss. Es geht nicht um Symbole, es geht nicht um Signale, die von einem Handeln ausgehen; es geht um die Frage: Was verhindert wirklich die Verbreitung des Virus?

Ein Gottesdienstverbot offenbar nicht, wenigstens nicht nach Ansicht der Wissenschaftsakademie Leopoldina. Sie hat am 8. Dezember den harten Lockdown gefordert und einen Katalog von massiven Maßnahmen, das heißt von notwendigen Schließungen und Beschränkungen für die kommenden Wochen aufgestellt; die Weihnachtsgottesdienste kommen darin nicht vor, nicht weil sie vergessen wurden, sondern weil die Wissenschaftler das nicht für notwendig hielten.

Verängstigter Rückzug

Beim Streit um die Weihnachtsgottesdienste ist es so: Diejenigen, die rundweg auf alle Präsenz-Gottesdienste verzichten wollen, berufen sich dabei auf Verantwortung den Menschen gegenüber und erklären mit maximaler Moral: "Wir können nicht Weihnachten feiern und Menschenleben riskieren." Die anderen, die solche Gottesdienste in vorsichtiger, in nicht gefährdender Form, feiern wollen, angepasst an die örtlichen Gegebenheiten, verweisen auf die Weihnachtsbotschaft "Fürchtet Euch nicht" und gleichfalls auf ihre Verantwortung den Menschen gegenüber. Sie wollen sich nicht einfach verängstigt zurückziehen, sie wollen nicht, dass sich Resignation ausbreitet; sie plädieren für "verantwortlichen Mut".

Ich habe bereits vor einigen Monaten keinen Hehl daraus gemacht, dass mir ist diese Haltung lieber ist, weil in der Pandemie Ermutigung und Trost wichtig sind. Wenn es nur noch Rückzug gibt, leidet die Hoffnung, leidet das Vertrauen, leidet der Zusammenhalt, der dringend nötig ist. Weihnachten ist eine Gelegenheit, Kraft zu schöpfen und sich gegenseitig zu stärken. Es geht um verantwortlichen Mut.

© SZ/dit
Zur SZ-Startseite
Coronavirus - Weihnachten

Prantls Blick
:Der Lockdown rückt der Krippe nahe

Vom Singen nach Redaktionsschluss und anderen Weihnachts-Traditionen, die in diesem Jahr pausieren.

Die politische Wochenvorschau von Heribert Prantl

Lesen Sie mehr zum Thema