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Prantls Blick:Dialog direkt mit den Herero

Michelle Müntefering, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, hat vor einem Jahr bei einer Gedenkzeremonie in Berlin "aus tiefstem Herzen um Verzeihung gebeten". Bei dieser Gedenkzeremonie wurden Gebeine und Schädel zurückgegeben, die in der Kolonialzeit zu rassistischen Forschungen an anatomische Institute in Deutschland geschafft worden waren. Ein Gericht in New York hat im März 2019 eine Klage der Herero und Nama abgewiesen, die Wiedergutmachung von der Bundesrepublik erstreiten wollten. Ob sich Deutschland auf einen rein juristischen Standpunkt zurückziehen kann? Der Hamburger Afrikahistoriker Jürgen Zimmerer wirbt dafür, nicht nur auf Regierungsebene zu verhandeln, er fordert einen Dialog direkt mit den Herero und Nama. Sie müssen an den Gesprächen beteiligt werden; sie misstrauen der von den Ovambo dominierten Regierung von Namibia.

Als der Bundestag im Jahr 2016 eine Entschließung verabschiedete, welche die Verfolgung und Vernichtung der Armenier durch die Türken als Völkermord anprangerte und die "unrühmliche Rolle des Deutschen Reiches" bei diesem Verbrechen bedauerte, kam aus Ankara die gallige Antwort, Deutschland solle doch erst einmal den Genozid an den Herero eingestehen. Das traf. Von einer Aufarbeitung seiner Kolonialgeschichte und ihrer Gräuel ist Deutschland noch weit entfernt.

Die Tragödie des Manga Bell

Diese Gräuel haben sich nicht nur in Deutsch-Südwest abgespielt, sondern auch, zum Beispiel, in Kamerun. Dort spielt eine Geschichte, die der Publizist Christian Bommarius in einem vor ein paar Jahren erschienen Buch geschildert hat: Es ist die Tragödie des Manga Bell. King Bell, der Großvater von Manga Bell, schloss 1883 einen Vertrag, in dem er Hoheitsrechte, Gesetzgebung und Verwaltung des Landes der Duala an die deutsche Administration abgab. Die Deutschen allerdings rissen mehr und mehr den Handel in Kamerun an sich, verlangten unerhörte Steuern und zwangen die Schwarzen zur Sklavenarbeit. Über dem Hafen von Duala sollte die deutsche Flagge wehen, es sollte ein gigantischer Hafen werden, dazu musste die störende Bevölkerung in Sumpfgebiete umgesiedelt werden. "Soll das deutsche Volk kleiner dastehen als andere Völker?", rief Reichskanzler Bernhard von Bülow 1907 ins Parlament.

Manga Bell, in Deutschland ausgebildeter Prinz der Duala, schrieb 1911 eine Petition an den Deutschen Reichstag, die dort nicht weiter beachtet wurde. Er weigerte sich, den Umsiedlungsplänen der Regierung für sein Volk zu folgen - das sahen die Behörden in Kamerun als Provokation und setzten die Zwangsenteignung mit militärischen Mitteln durch. Manga Bell wurde eingekerkert. Für seine Verteidigung bereiteten sich hochqualifizierte Anwälte aus Deutschland für die Überfahrt nach Kamerun vor; es handelte sich unter anderem um die Verteidiger von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Sie kamen wegen des beginnenden Ersten Weltkriegs nicht mehr nach Afrika. Die deutsche Administration nutzte die allgemeine politische Konfusion und richtete Manga Bell wegen Hochverrats mit dem Strang hin - ein Justizmord. "Der gute Deutsche" heißt das Buch darüber; mit dem guten Deutschen ist dieser Manga Bell gemeint, weil er sich als Deutscher fühlte und an das Recht und seine Kraft glaubte.

Kolonialgeschichte und Kolonialgeschichten

Dieser Rudolf Duala Manga Bell hatte in Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts bei der Familie des Lehrers Gottlob Oesterle in Aalen gelebt, dort sein Deutsch perfektioniert, sich zudem juristische Kenntnisse angeeignet. Kaum ein Mensch kennt heute seinen Namen. Kolonialgeschichte und Kolonialgeschichten spielen keine Rolle im deutschen Geschichtsbewusstsein.

Das sollte sich ändern. Vielleicht, hoffentlich ist die Reise des Entwicklungshilfeministers Gerd Müller nach Namibia ein Anstoß.

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