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Prantls Blick:Ein dunkler Platz an der Sonne

Gedenken an Völkermord in Namibia

Nachkommen der Herero versammeln sich 2015 am Rand der Omaheke-Wüste in Namibia, um an den Beginn des Völkermordes durch die Deutschen zu erinnern.

(Foto: dpa)

Entwicklungshilfeminister Gerd Müller kehrt von einer Reise nach Namibia zurück, bei der es um den deutschen Völkermord in Afrika ging. Gibt es eine Aussöhnung mit den Herero und Nama?

Die kurze, aber ungute deutsche Kolonialgeschichte ist hierzulande wenig bekannt. Sie hat nur dreieinhalb Jahrzehnte gedauert und wird vom Ersten und Zweiten Weltkrieg überlagert. Diese Kolonialgeschichte handelt von Elfenbein, sie handelt von Kautschuk und Palmöl, sie handelt von der Renommiersucht des Kaisers Wilhelm, von abgebrannten Dörfern, von vergewaltigten Frauen, von ausgepeitschten Männern. Sie handelt vom Handel und vom "Platz an der Sonne", den man beanspruchte. Sie handelt von kaufmännischem Wagemut und von Ausbeutung, von Verachtung und Brutalität, von gebrochenen Verträgen mit den Bewohnern der Kolonialgebiete - und sie handelt von einem Völkermord, dem ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts, begangen an den Völkern der Herero und Nama, begangen in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia.

Wie stellt sich Deutschland der kolonialen Vergangenheit?

Gerd Müller, CSU, Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, kehrt in dieser Woche von einer fünftägigen Reise nach Namibia zurück, auf der es darum geht und ging, wie sich Deutschland dieser mordenden Vergangenheit stellt.

Den Beginn dieser Vergangenheit hat vor 130 Jahren Felix Dahn in seinem "Lied der Deutschen jenseits der Meere" beschrieben. Der Schriftsteller, bekannt als Autor des Romans "Kampf um Rom", war ein Gründerzeitnationalist, wie sich seinen Liedzeilen unschwer entnehmen lässt: "Noch ist die Welt nicht ganz verteilt! / Noch manche Flur auf Erden / harrt gleich der Braut: die Hochzeit eilt: / Des Starken will sie werden. / Noch manches Eiland lockt und lauscht / Aus Palmen und Bananen: / Der Seewind braust, die Woge rauscht, / Auf! freudige Germanen."

Entschuldigung? Entschädigung?

Über die Folgen dieses Aufrufs und was daraus für heute folgt - darüber verhandelt im Auftrag der Bundesregierung seit etlichen Jahren der deutsche Politiker und frühere CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz mit der namibischen Regierung: Entschuldigung? Entschädigung? Wiedergutmachung? In welcher Form? Die Reise des Ministers Müller nach Namibia sollte nun die Verhandlungen möglichst zu Ende bringen. Man wird sehen. Die Ergebnisse der Reise sollten in den Diskussionen über das Ergebnis der Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen nicht untergehen. Es geht um Heilungsversuche für historisches Unrecht.

Als Geburtsjahr des späten deutschen Kolonialismus gilt das Jahr 1884. Bismarck, der eigentlich mit dem Kolonialismus nicht viel am Hut hatte, aber von den Alldeutschen und den Kolonialenthusiasten heftig bedrängt wurde, wies den deutschen Konsul in Kapstadt telegraphisch an, die Besitzungen des Kaufmanns Adolf Lüderitz in Südwestafrika unter deutschen Schutz zu stellen, das fortan Deutsch-Südwestafrika hieß und heute Namibia heißt. Dieser Schutz führte zwanzig Jahre später zur Vernichtung der Völker der Herero und der Nama.

In die Wüste getrieben

Es war dies der erste Krieg des kaiserlichen Deutschland; es war ein Krieg, in dem, so der Historiker Hans-Ulrich Wehler, "eine Frühform des totalen Krieges sichtbar" wurde: Die Militärregierung in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika unterdrückte mit brutalem Einsatz aller Mittel die Erhebung der viehzüchtenden Herero und Nama, die gegen die Besetzung ihres besten Landes durch deutsche Siedler aufbegehrt hatten. Nach der gewonnenen Schlacht am Waterberg im Jahr 1904 gab Generalleutnant Lothar von Trotha Vernichtungsbefehle gegen alle Hereros und Nama aus, Frauen und Kinder inklusive. Die Menschen wurden in die Wüste getrieben oder kamen um in den Konzentrationslagern, wie die Camps schon damals genannt wurden - siebzig bis achtzig Prozent der Herero und die Hälfte der Nama, nach Schätzungen bis zu achtzig- oder hunderttausend Menschen.

Der Historiker Dirk van Laak schreibt: "Gerade weil die Deutschen so lange vom praktischen Kolonialismus ausgeschlossen waren, besaßen sie bei vielen Völkern einen Vorschuss an Vertrauen, der sich auf die Erwartung gründete, von dieser Schutzmacht nicht zu stark in die imperialistische Realität mit einbezogen zu werden. Für manche Völker war dies ein folgenschwerer Irrtum." Für die Herero und Nama zum Beispiel.

Dialog direkt mit den Herero

Michelle Müntefering, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, hat vor einem Jahr bei einer Gedenkzeremonie in Berlin "aus tiefstem Herzen um Verzeihung gebeten". Bei dieser Gedenkzeremonie wurden Gebeine und Schädel zurückgegeben, die in der Kolonialzeit zu rassistischen Forschungen an anatomische Institute in Deutschland geschafft worden waren. Ein Gericht in New York hat im März 2019 eine Klage der Herero und Nama abgewiesen, die Wiedergutmachung von der Bundesrepublik erstreiten wollten. Ob sich Deutschland auf einen rein juristischen Standpunkt zurückziehen kann? Der Hamburger Afrikahistoriker Jürgen Zimmerer wirbt dafür, nicht nur auf Regierungsebene zu verhandeln, er fordert einen Dialog direkt mit den Herero und Nama. Sie müssen an den Gesprächen beteiligt werden; sie misstrauen der von den Ovambo dominierten Regierung von Namibia.

Als der Bundestag im Jahr 2016 eine Entschließung verabschiedete, welche die Verfolgung und Vernichtung der Armenier durch die Türken als Völkermord anprangerte und die "unrühmliche Rolle des Deutschen Reiches" bei diesem Verbrechen bedauerte, kam aus Ankara die gallige Antwort, Deutschland solle doch erst einmal den Genozid an den Herero eingestehen. Das traf. Von einer Aufarbeitung seiner Kolonialgeschichte und ihrer Gräuel ist Deutschland noch weit entfernt.

Die Tragödie des Manga Bell

Diese Gräuel haben sich nicht nur in Deutsch-Südwest abgespielt, sondern auch, zum Beispiel, in Kamerun. Dort spielt eine Geschichte, die der Publizist Christian Bommarius in einem vor ein paar Jahren erschienen Buch geschildert hat: Es ist die Tragödie des Manga Bell. King Bell, der Großvater von Manga Bell, schloss 1883 einen Vertrag, in dem er Hoheitsrechte, Gesetzgebung und Verwaltung des Landes der Duala an die deutsche Administration abgab. Die Deutschen allerdings rissen mehr und mehr den Handel in Kamerun an sich, verlangten unerhörte Steuern und zwangen die Schwarzen zur Sklavenarbeit. Über dem Hafen von Duala sollte die deutsche Flagge wehen, es sollte ein gigantischer Hafen werden, dazu musste die störende Bevölkerung in Sumpfgebiete umgesiedelt werden. "Soll das deutsche Volk kleiner dastehen als andere Völker?", rief Reichskanzler Bernhard von Bülow 1907 ins Parlament.

Manga Bell, in Deutschland ausgebildeter Prinz der Duala, schrieb 1911 eine Petition an den Deutschen Reichstag, die dort nicht weiter beachtet wurde. Er weigerte sich, den Umsiedlungsplänen der Regierung für sein Volk zu folgen - das sahen die Behörden in Kamerun als Provokation und setzten die Zwangsenteignung mit militärischen Mitteln durch. Manga Bell wurde eingekerkert. Für seine Verteidigung bereiteten sich hochqualifizierte Anwälte aus Deutschland für die Überfahrt nach Kamerun vor; es handelte sich unter anderem um die Verteidiger von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Sie kamen wegen des beginnenden Ersten Weltkriegs nicht mehr nach Afrika. Die deutsche Administration nutzte die allgemeine politische Konfusion und richtete Manga Bell wegen Hochverrats mit dem Strang hin - ein Justizmord. "Der gute Deutsche" heißt das Buch darüber; mit dem guten Deutschen ist dieser Manga Bell gemeint, weil er sich als Deutscher fühlte und an das Recht und seine Kraft glaubte.

Kolonialgeschichte und Kolonialgeschichten

Dieser Rudolf Duala Manga Bell hatte in Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts bei der Familie des Lehrers Gottlob Oesterle in Aalen gelebt, dort sein Deutsch perfektioniert, sich zudem juristische Kenntnisse angeeignet. Kaum ein Mensch kennt heute seinen Namen. Kolonialgeschichte und Kolonialgeschichten spielen keine Rolle im deutschen Geschichtsbewusstsein.

Das sollte sich ändern. Vielleicht, hoffentlich ist die Reise des Entwicklungshilfeministers Gerd Müller nach Namibia ein Anstoß.

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