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Prantls Blick:Die letzten Tage der Volkskirche

Cardinal Marx Offers Resignation To Pope Francis

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx hat bei Papst Franziskus seinen Amtsverzicht eingereicht. Ein später, ein spektakulärer, ein notwendiger und vorbildlicher Schritt.

(Foto: Leonhard Simon/Getty Images)

Warum Kardinal Marx nicht der einzige bleiben sollte, der auf sein Amt verzichtet. Und wie das katholische Christentum in Demut einen Neuanfang wagen könnte: Der Amtsverzicht zwingt den Papst zu einer Positionierung im Streit um den deutschen synodalen Reformweg.

Die politische Wochenvorschau von Heribert Prantl

Die heiligen Umzüge, also die Prozessionen der katholischen Kirche am Fronleichnamstag, sind auch in diesem Jahr wieder ausgefallen - wegen Corona. Wären sie nicht wegen Corona ausgefallen, man hätte sie aus Scham und Schmerz über die Missbrauchs- und Vertuschungsskandale absagen oder in Bußprozessionen umwandeln müssen. Es ist nicht Zeit zum Feiern, es ist Zeit für Reue und Umkehr.

Ein Jahrtausend-Skandal

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx hat deswegen bei Papst Franziskus seinen Amtsverzicht eingereicht. Es ist dies ein später, ein spektakulärer, ein notwendiger und vorbildlicher Schritt. Marx, einer der prominentesten Vertreter des deutschen Katholizismus, übernimmt die kirchenpolitische Mitverantwortung für einen Jahrhundert-, ja einen Jahrtausendskandal. Zu viele Mitbrüder von Marx ducken sich noch immer weg - der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki zuvorderst, der noch viel mehr Grund hätte als Marx, Papst Franziskus den Verzicht auf sein Amt als Diözesanbischof von Köln anzubieten.

Kurz vor dem Fronleichnamsfest war aus dem Vatikan die Nachricht über Änderungen im Strafrecht der katholischen Kirche gekommen: Der Codex Juris Canonici, also das Gesetzbuch der Kirche, wurde umgeschrieben; der Tatbestand des sexuellen Missbrauchs wurde ausdrücklich eingefügt. Auch dies war, auch das ist eine sehr späte Reaktion auf ein systemisches Versagen. Das ist ein später Schritt in die richtige Richtung. Man hätte die Strafvorschrift und ihre Rechtsfolgen aber noch viel klarer formulieren können und sollen, nämlich so: "Wer einem Minderjährigen sexuelle Gewalt antut, der unterliegt der bereits mit der Tat eintretenden Exkommunikation." Der notwendige nächste Schritt ist es, den Opfern Rechte in den kirchlichen Strafverfahren gegen die Täter zu geben - die Opfer also, wie im staatlichen Strafverfahren, als Nebenkläger zuzulassen.

Zeit für Schuldbekenntnis und Scham

Fronleichnam ist, so ist es Tradition in der katholischen Welt, ein pracht- und prunkvolles spirituelles Volksfest am zweiten Donnerstag nach Pfingsten; es ist ein Fest, bei dem die Kirche in Glorie, Glanz und Herrlichkeit schwelgt - "zur Ehre der bleibenden Gegenwart von Jesus Christus im Altarssakrament", wie es in den religiösen Beschreibungen des Festtags heißt. Nach der Aufdeckung der Ungeheuerlichkeiten des Missbrauchs und angesichts der Dimension seiner Vertuschung ist nicht die Zeit für die Entfaltung von Prunk und Pracht, sondern Zeit für Schuldbekenntnis und Scham. Es ist Zeit dafür, den Opfern des Missbrauchs Gerechtigkeit widerfahren zu lassen - und Zeit dafür, die juristischen Abwehrkämpfe zu beenden, wie sie etwa der Kölner Kardinal Woelki gegen seine Kritiker führt. Es ist Zeit auch für ihn, auf sein Amt zu verzichten.Es geht hier nicht nur um juristische, sondern vor allem um institutionelle Verantwortung.

Aushalten, aussitzen, ausbeten

Es geht darum, einzustehen für die unfassbar lange Zeit der Verharmlosung und Vertuschung. Die Ära von Kardinal Meisner, dem verstorbenen Vorgänger von Woelki als Kardinal in Köln, ist hier ein Schandfleck sondergleichen. Meisner hat seine einschlägigen Pflichten reihenweise und viele Jahre lang verletzt: Er hat seine Aufklärungspflicht verletzt, seine Meldepflicht, seine Sanktionspflicht und, vor allem, seine Fürsorgepflicht für die Opfer. Und sein Nachfolger, der heutige Kölner Kardinal Woelki, wirkte in dieser Zeit nicht irgendwo im Wolkenkuckucksheim - er war der Privatsekretär Meisners. Woelki ist in der Aura und im Dunstkreis eines Großvertuschers groß geworden.

Tausende von Katholiken sind in der Diözese Köln aus der katholischen Kirche ausgetreten, es ist eine Massenflucht aus dieser Kirche im Gang - und zugleich eine Rebellion der in der Kirche Verbliebenen; sie haben sich vom Kardinal abgewandt. Und 14 Stadt- und Kreisdechanten haben Woelki am Pfingstmontag - ausgerechnet am Hochfest des Heiligen Geistes - ihr Misstrauen erklärt. Eine Vertrauenskrise dieser Dimension kann man nicht einfach aushalten, aussitzen und ausbeten. Die katholische Kirche muss neues Vertrauen schaffen. Dafür steht der "synodale Weg", der in intensiven Gesprächsprozessen fundamentale Reformen vorbereiten soll ­­- bei der Sexualmoral, bei der Rolle der Frau in der Kirche, beim Zölibat, in der Hierarchie.

Der Amtsverzicht von Marx zwingt den Papst zur Positionierung

Diese Hierarchie ist verbunden mit dem katholischen Amtsverständnis, und dieses Amtsverständnis sieht vor, dass ein Bischof die Leitung seiner Diözese nicht einfach aufgeben darf. Es ist falsch, davon zu sprechen, Kardinal Marx sei abgetreten, habe das Schiff verlassen, sei zurückgetreten. Ein Bischof kann nicht zurücktreten. Er kann den Papst nur bitten, seinen Amtsverzicht anzunehmen. Es liegt jetzt bei Papst Franziskus, dieser Bitte zuzustimmen. Sollte er der Bitte demnächst stattgeben, so darf Bischof Marx sich aus der Leitung seiner Diözese zurückziehen; er bleibt jedoch Bischof, denn dieses Amt ist ihm durch die Weihe verliehen. Und er bleibt ebenfalls Kardinal Marx, denn in diese Würde ist er vom Papst auf Lebenszeit erhoben. Das aber heißt: Es wird jetzt richtig spannend.

Kardinal Marx stand und steht für den synodalen Weg. Kardinal Woelki stand und steht für die Gegner. Beide sind Kardinäle. Beide tragen das Kardinalspurpur. "Die leuchtendrote Farbe symbolisiert die Treue des Trägers zum Papst und zu seiner Kirche - notfalls wird er sie bis aufs Blut verteidigen." So ist auf der Seite des Erzbistums München zu lesen. Dort findet man übrigens auch den Wahlspruch des Kardinal Marx: "Wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit." Einer wie Reinhard Marx wird vor seinem Schritt genau überlegt haben, was dies im Blick auf die Loyalität zum Papst bedeutet, auf die er als Kardinal so sehr verpflichtet ist. Und er wird es auch mit ihm besprochen haben. Seine kardinale Aufgabe ist es, den Papst zu unterstützen. Amtsverzicht als Unterstützung der Reformvorhaben von Papst Franziskus. Kann das sein?

Ist Marx der Falsche?

Nicht wenige Katholiken meinen, es sei der Falsche, der bereit ist, aus der Leitung zu gehen. Aber vielleicht muss man den Vorgang vom anderen Ende her betrachten. Das Gesuch von Marx an den Papst hat es in sich, weil es diesen Papst in eine aktive Entscheidung zwingt - besser gesagt: ihm diese Entscheidung ermöglicht. Wenn der Papst der Bitte seines Münchner Kardinals nicht nachkommt, wenn er ihn also nicht entlässt, wenn er ihn jetzt verpflichtet weiterzumachen, positioniert der Papst sich deutlich für den Reformweg der katholischen Kirche in Deutschland. Sollte er Marx' Bitte nachgeben, macht er jedoch nicht viel falsch, denn auch der Amtsverzicht eines Bischofs wäre ein starker Schritt; aber der Papst verpasste dann die Chance, den synodalen Weg zu stärken, den Woelki und Co. verachten.

Unter Generalverdacht

Kardinal Marx schreibt in seinem Brief an den Papst von einem institutionellen und systemischen Versagen der Kirche, für das er sich mitverantwortlich sieht. Die Kirche war und ist die Heimat der Täter. Sie hat ihnen die heiligen Räume zur Verfügung gestellt, in denen sie so geschützt agieren konnten und in denen die Opfer so ungeschützt waren. Es sind so viele Amtsträger, die als unwürdig entlarvt worden sind, und bei fast allen hat die Amtskirche schrecklich lange weggeschaut. So sind auch zahllose untadelige, hochengagierte Seelsorger und Jugenderzieher unter Generalverdacht geraten. Erst in jüngerer Zeit hat die Kirche begonnen, die Schleier wegzureißen - gedrängt von den Opfern und den Medien. Woelki gehört zu denen, die Klage darüber führen, dass dieses Drängen nicht immer in geziemender Form geschehe, es wird Klage geführt über den Zorn, die Wut und den Hass, der angeblich in diesem Drängen steckt.

Hässliches erzeugt Hass

Ja, es gibt diesen Zorn, diese Wut, und es gibt vielleicht auch Hass - es wäre ein Wunder, wenn es nicht so wäre. Hässliches erzeugt Hass. Eine Kirche, die sich ja als Fachinstitution für den Umgang mit Verfehlungen begreift, darf sich darüber eigentlich zu allerletzt wundern. Wer, wie es die Kirche tut und immer getan hat, sich die Rolle der Hüterin der öffentlichen Moral zuschreibt, der muss sich schon genau anschauen lassen, wenn es um die Unmoral in den eigenen Reihen geht. Viel zu lange hat sich die Amtskirche für sakrosankt erklärt und vertuscht, was nicht zum Bild passte.

Ich weiß, wovon ich rede. In meiner eigenen Pfarrei, in der ich einst zehn Jahre lang Ministrant war, hat ein Kaplan die Kinder von Verwandten missbraucht. Er ist strafrechtlich verurteilt worden. Ich kenne den Kaplan noch als Gast im Haus meiner Eltern, wo ihm meine Mutter Brotzeiten aufgetischt hat. Das alles war lange nach meiner Zeit als Ministrant, aber es stört und zerstört das Gefühl der Geborgenheit in der Religion und es trübt die Erinnerungen; Fronleichnan (also das Fest, das man heute aus den genannten Gründen weder ausgelassen noch jubelnd feiern kann) gehört zu den schönsten Erinnerungen. Meine kleine Rebellion gegen die Verirrungen der Kirche besteht darin, dass ich mir diese Erinnerungen nicht nehmen lasse.

Prangertag

Fronleichnam ist ein Fest, dessen Namen auch gute Katholiken nicht gut erklären können; übersetzt heißt das mittelalterliche Wort "des Herrn Leib". Dieser wird in Form der Hostie in einer Monstranz durch die Stadt oder das Dorf getragen, wo an verschiedenen Orten Station gemacht und aus der Bibel gelesen wird. Der Volksmund hat den Tag einfach "Prangertag" genannt. Das kommt nicht vom Anprangern, das kommt vom Prangen. Der Prangertag in meiner oberpfälzischen Heimat war großes, prachtvolles, religiöses Theater, zu dem die Leute ihr bestes Gewand anzogen, oft ein nagelneues. Fronleichnam war eine grandiose Erbauungs-Inszenierung mit Baldachin, unter dem der Pfarrer mit der Monstranz schritt; die Blaskapellen und die Kommunionkinder und die Vereine samt Fahnen folgten dahinter. Und der Feuerwehr-Kommandant dirigierte das alles mit lauter und feierlicher Akribie.

Weihnachten im Frühsommer, ein heiliger Traum

Schon an den Tagen zuvor war der Prozessionsweg beidseitig mit einem dichten Spalier von Birkenbäumchen versehen worden, Blumenteppiche waren sorgsam gelegt, Altäre geschmückt und mit Heiligenfiguren dekoriert worden. Es war wie ein Weihnachten im Frühsommer. Und am ganz frühen Morgen dieses Prangertages kam dann die große Stunde der Ministranten: Die Teichbauern aus der ganzen Umgebung hatten das Schilf an ihren Weihern gemäht und in großen Haufen am Prozessionsweg abgeladen. Und dann galt es, nicht das Rauchfass, sondern die Mistgabeln zu schwingen - und damit das Schilf auf den Straßen zu verteilen.

Der Kaplan, dieser hier war ein untadeliger, sehr engagierter junger Mann, beaufsichtigte das alles; und er lud anschließend die Ministranten zum großen Würstlessen ins Jugendheim ein. Der Schwarzn Sepp, ein Freund aus sehr ärmlichen Verhältnissen, schaffte zwanzig Wiener. Ein paar Stunden später schritt dann die Prozession nicht über Pflaster und Teer, sondern durch schilfbedeckte Alleen; es war ein heiliger Traum. Und ein säuerlich-süßlicher Geruch mischte sich mit Weihrauch. So riecht Fronleichnam.Es waren dies wohl die letzten großen Tage der Volkskirche. Die Kirchen, die katholische und die evangelische, stehen vor einer anstrengenden Aufgabe: Sie müssen lernen, dass das Ende der Volkskirche nicht das Ende der Kirche ist. Gut wäre es, wenn dieses Lernen ein ökumenisches Lernen, ein Miteinanderlernen wäre. Das könnte dann vielleicht der Anfang vom Ende der fünfhundertjährigen Spaltung sein.

Jeden Sonntag beschäftigt sich Heribert Prantl, Kolumnist und Autor der SZ, mit einem Thema, das in der kommenden Woche - und manchmal auch darüber hinaus - relevant ist. Hier können Sie "Prantls Blick" auch als wöchentlichen Newsletter bestellen - exklusiv mit seinen persönlichen Leseempfehlungen.

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