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Prantls Blick:Das braune Virus R

Rassismus Neonazis Chemnitz

Aufmarsch von Neonazis in Chemnitz.

(Foto: dpa)

Die internationalen Wochen gegen den Rassismus sind jetzt 25 Jahre alt. Sie leiden im Jubiläumsjahr unter Corona. Dabei ist das Entstehen von Rassismus anhand von Seuchen und Pandemien besonders gut zu erklären.

Jeden Sonntag beschäftigt sich Heribert Prantl, Kolumnist und Autor der SZ, mit einem Thema, das in der kommenden Woche - und manchmal auch darüber hinaus - relevant ist. Hier können Sie "Prantls Blick" auch als wöchentlichen Newsletter bestellen - exklusiv mit seinen persönlichen Leseempfehlungen.

Coronavirus - Kontrolle Grenze Tschechien

In vielen Ländern, wie hier in Tschechien, ist das öffentliche Leben zum Erliegen gekommen.

(Foto: Robert Michael/dpa)

Es gibt ein Virus, das noch gefährlicher ist als das Coronavirus. Es ist ein ganz altes, ein ganz aggressives Virus; dieses Virus hat zig Millionen Menschen das Leben gekostet. Sein Wüten begleitet und verdunkelt die Jahrhunderte. Es ist das braune Virus, das Virus R - R wie Rassismus. Eine verbrecherische deutsche Politik, genannt Nationalsozialismus, hat diesem Virus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht nur seinen pandemischen Lauf gelassen; der NS-Staat hat das Virus R massenhaft produziert und es mit verbrecherischer Lust genutzt.

Es herrschte hierzulande lange der Irrglaube, dass es in Deutschland nach der Befreiung vom Nationalsozialismus und dem Ende des Holocaust keinen Rassismus mehr gäbe. Als die Generalversammlung der Vereinten Nationen 1966 den 21. März zum Internationalen Tag zur Überwindung von Rassismus erklärte, tat man in Deutschland so, als ginge einen das nichts an.

Was der Rassismus anrichtet

Der 21. März - das war ja auch kein deutsches Datum, das erinnerte und erinnert an das Massaker an der schwarzen Bevölkerung im südafrikanischen Sharpeville. Am 21. März 1960 hatten Zehntausende schwarze Südafrikaner absichtlich ihre Ausweise zu Hause gelassen und waren zu den Polizeistationen des Landes marschiert, um sich wegen eines Verstoßes gegen das rigide Passgesetz verhaften zu lassen. In Sharpeville bei Johannesburg eröffneten aber Polizisten das Feuer und töteten hinterrücks 69 schwarze Demonstranten, 180 Menschen wurden verletzt. Nelson Mandela ging in den Untergrund.

An diesen Tag erinnert der Internationale Tag gegen den Rassismus. Er erinnert daran, was der Rassismus immer und immer wieder anrichtet. Er erinnert daran, dass die Idee der Menschenrassen das Ergebnis von Rassismus ist und nicht dessen Begründung. Es ist der Rassismus, der Rassen geschaffen hat. Dies haben kürzlich nochmals Wissenschaftler eindringlich in der Jenaer Erklärung festgestellt und gehen damit gegen jedweden Versuch vor, Rassismus, neuerdings auch gern "Ethnopluralismus" genannt, wissenschaftlich zu rechtfertigen.

Der internationale Tag gegen den Rassismus erinnert auch daran, dass Menschen nicht als Rassisten geboren, sondern dazu gemacht werden - durch Vorurteile, die sich in die Gesellschaft eingefressen haben. Deshalb ist es möglich, dagegen etwas zu tun. In manchen Ländern erhielt dieser Internationale Tag gegen Rassismus große Bedeutung, in Südafrika wurde er zum Nationalfeiertag erklärt; in Deutschland passierte - nichts. Man tat so, als sei die NS-Geschichte ein Buch, das ein Bibliothekar ordentlich katalogisiert, beschlagwortet und dann wieder ins Regal gestellt hat mit der Bemerkung: "Zwölf Jahre Nationalsozialismus, das nächste Buch bitte!" Das nächste Buch trug den Titel: "Deutschland ist wieder wer." Untertitel: "Die Geschichte geht weiter."

Hoyerswerda, Rostock, Mölln, Kassel, Hanau, Halle

Aber so war es nicht. Deutschland war mitnichten rassismusfrei. Die Ausschreitungen im September 1991 in Hoyerswerda, dann in Rostock-Lichtenhagen, später die Mordanschläge in Mölln und Solingen, die Verbrechen des NSU zeigten das auf brutale Weise. Und in den Jahren 2019 und 2020 konnte man in Kassel, Hanau und Halle erleben, wie aus rassistischer Hetze furchtbare Gewalttaten werden.

Nach den Ausschreitungen der Neunzigerjahre wurden vor einem Vierteljahrhundert die Internationalen Wochen gegen den Rassismus in Deutschland gegründet, um eine "menschenfreundliche Gesellschaft" zu schaffen. Sie sind der Initiative des evangelischen Theologen und Soziologen Jürgen Micksch zu verdanken, der auch das Wort "ausländischer Mitbürger" erfunden hat und die "interkulturelle Woche". Sie begannen damals mit einer bundesweiten Plakataktion und dem Motto: "Rassismus macht einsam" - und ein paar wenigen Veranstaltungen, die vom Staat misstrauisch beäugt wurden. Staatliche Stellen lehnten die Förderung von Projekten ab, wenn die das Wort "Rassismus" verwendeten.

Folklore, Kebab, Tralala

Rassismus ist, so scheint es, immer anderswo: Als im Jahr 1997 das "Europäische Jahr gegen den Rassismus" eröffnet wurde und nach dem Willen der EU auch in Deutschland begangen werden sollte, genierten sich die deutschen Regierungspolitiker für dieses Wort "Rassismus" beinah mehr als für die Vorfälle, die es bezeichnete. Der damalige Bundesinnenminister Manfred Kanther (CDU) war deshalb herzlich froh, als dieses Jahr wieder vorbei war und er selbst es fertiggebracht hatte, das Wort so gut wie nicht in den Mund zu nehmen. Folklore, Kebab, Tralala - das alles wollte er gerne fördern, mehr aber nicht; vor allem wollte er nicht vom alltäglichen Rassismus in Deutschland reden, von dessen Ursachen und dessen Bekämpfung.

Die politische Phobie gegen das Wort Rassismus ist verschwunden. Kanthers Nachfolger Otto Schily (SPD) hat sich immerhin getraut, ein "Bündnis gegen Rassismus" zu gründen. Es reifte, nach neuerlichen ausländerfeindlichen Anschlägen im Jahr 2000, die Erkenntnis, dass es nicht reicht, einmal im Jahr so eine Art Muttertag für Ausländer zu protegieren. Es war ein langer Weg bis zum 14. Juni 2017. An diesem Tag wurde im Bundeskabinett der "Nationale Aktionsplan gegen Rassismus" verabschiedet, in dem die Wochen gegen den Rassismus eine besondere Rolle spielen. Zuletzt haben 80 Organisationen mitgemacht - Religionsgemeinschaften, Fußballvereine, Gewerkschaften, Wohlfahrts- und Arbeitsgeberverbände. Fast zweitausend Veranstaltungen waren es bundesweit im vergangenen Jahr.

Der neobraune Ungeist

Anti-Rassismus-Arbeit ist dringend notwendig: Die AfD hat das Land ungut verändert. Gewiss: Sie hat auch sichtbar gemacht, was vorher schon da war. Aber Vieles ist jetzt nicht nur sichtbar, sondern auch sagbar geworden. So mancher, der sich vorher zähmte, tut es nicht mehr; er lässt die Sau raus. Der neobraune Ungeist ist nicht mehr nur in den Netzwerken zu Hause, er ist sogar in Polizeirevieren präsent. Einrichtungen, die gegen Rechtsaußen arbeiten, müssen sich auf einmal vor Rechtsaußen rechtfertigen; das ist beim großen Goethe-Institut so und beim kleinen Demokratieverein.

Im Jubiläumsjahr leiden die Wochen gegen den Rassismus unter dem Coronavirus. Keine "Tage der offenen Moschee", keine "Religionen laden ein", keine Begegnungen, keine Fußballspiele, keine Diskussionen in Volkshochschulen. Die Aktionen wurden abgesagt, auch die Veranstaltung zum 25. Jubiläum fiel aus wegen der Infektionsgefahr. Aber eben wegen der Infektionsgefahr muss über ihr Anliegen umso lauter geredet werden, sind doch gerade Seuche, Masseninfektionen, Pandemien schon immer Katastrophenzeiten gewesen, die fremdenfeindliche Gewalt entfesselt haben - zum Beispiel die große Pest etwa, die 1347 von Zentralasien kommend über Konstantinopel, Griechenland und Süditalien ihren Ausgang nahm, 1348 auf Spanien, Frankreich und die Schweiz übergriff und sich dann 1349 weiter in den norddeutschen und osteuropäischen Raum ausgebreitet hat; 25 Millionen Opfer soll die Pest gekostet haben.

Bei der Suche nach den Schuldigen kam man bald auf die Juden - denen man vorwarf, die Brunnen vergiftet zu haben. Abertausende wurden ermordet, Hunderte von jüdischen Gemeinden in ganz Europa ausgelöscht. Die Pogrome wurden dadurch angeheizt, dass die Juden seltener der Pest zum Opfer fielen als die Christen. Dafür gibt es eine naheliegende Ursache: Hygiene, begründet in den Reinigungsriten, hatte in den jüdischen Gemeinden einen viel größeren Stellenwert als bei den Christen. Aber der Vorwurf der Brunnenvergiftung verbreitete sich ebenso rasch wie die Pest selbst. Und die Juden wurden aufs Rad geflochten und mit brennenden Fackeln gefoltert, um von ihnen das giftige Geständnis zu erzwingen - und dann auf dem Scheiterhaufen hingerichtet. Weltverschwörung warf man ihnen dann alsbald vor - und tat sich an ihren Häusern und ihrem sonstigen Eigentum gütlich.

Angst sucht nach Schuldigen

Auch wenn sich die mittelalterlichen Judenpogrome vom Rassismus der Moderne unterscheiden, eines ist immer wieder gleich: Angst sucht nach angeblich Schuldigen, nach Sündenböcken - und die prädestinierten Sündenböcke spüren das. In den USA berichten Waffenverkäufer von einer Verzehnfachung des Geschäfts. Angst treibt Amerikaner in die Geschäfte, Angst vor dem, was das Virus mit der Gesellschaft macht, Angst vor Plünderung, Angst vor Chaos, Angst vor der aufgebrachten Meute. Die erste Gruppe, die schon früh begann, sich Schusswaffen zuzulegen, waren Amerikaner chinesischer Abstammung. Sie hatten und haben Angst, dass man sie für die Pandemie verantwortlich macht. Nicht grundlos.

Rassismus und Corona haben eines gemeinsam: Man ist davor nur auf dem Monde sicher (Hannah Arendt hat das über den Antisemitismus gesagt). Man muss also den Mond auf die Erde holen.

© SZ.de/bix

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